Kundin mit Mundschutz wird in Supermarkt von Verkäuferin mit Mundschutz bedient. | dpa

Deutsche Firmen zögerlich Steigern Prämien die Impfbereitschaft?

Stand: 07.05.2021 10:19 Uhr

US-Unternehmen belohnen Mitarbeiter, die sich impfen lassen, mit Geld, Freibier, Donuts oder sogar Gratis-Joints. In Deutschland tun sich Firmen mit Impfprämien deutlich schwerer.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Für bundesweite Schlagzeilen sorgte kürzlich Edeka Nord: Als erstes Unternehmen in Deutschland bietet der Einzelhändler seinen Mitarbeitern eine Prämie an, wenn sie sich mit einem der zugelassenen Corona-Impfstoffe pieksen lassen - sofern die Beschäftigten zur entsprechenden Priorisierungsgruppe gehören. Die Angestellten im Großhandel erhalten einen Einkaufsgutschein in Höhe von 50 Euro. Edeka Nord berichtet von einer guten Resonanz auf die Aktion. Die Reaktionen der Mitarbeiter seien positiv gewesen, erklärt ein Sprecher gegenüber tagesschau.de.

Belohnt auch Rewe geimpfte Mitarbeiter?

Weitere Unternehmen könnten dem Beispiel von Edeka folgen. So erwägt Rewe ebenfalls finanzielle Anreize für Mitarbeiter, die zum Impfen gehen. Derzeit stehe die Rewe-Gruppe mit dem Betriebsrat in Gesprächen, sagte ein Sprecher.

Andere Einzelhändler dagegen halten sich mit Anreizen für impfwillige Beschäftigte zurück. "Jeder Mitarbeiter kann selbst darüber entscheiden, ob er sich impfen lässt oder nicht", betont Aldi Nord. Impfungen seien freiwillig. "Wir nehmen jedoch ein hohes Interesse an den Impfungen unserer Kollegen wahr."

Aldi und Lidl zahlen ihren US-Angestellten Geld

Deutlich aktiver verhält sich der deutsche Discounter in den USA. Dort zahlt Aldi seinen Angestellten, die zur Impfung gehen, zwei Stundenlöhne. Zur Begründung heißt es, sie sollen sich nicht zwischen Gehalt und Gesundheit entscheiden müssen. Und auch Lidl belohnt seine Mitarbeiter in den US-Filialen - mit 200 Dollar. Das Geld sei dazu gedacht, die Kosten für die Anfahrt zum Impftermin zu decken, betont der Discounter.

Nicht nur im Einzelhandel, sondern auch in anderen Branchen sind Impfprämien in den USA weit verbreitet. Fluggesellschaften wie American Airlines gewähren ihren Angestellten einen freien Tag und 50 Punkte zur Umwandlung in Flugmeilen. Amazon schenkt vollständig geimpften Mitarbeitern, die im engen Kundenkontakt stehen, 80 Dollar. Und auch McDonald's zahlt Angestellten, die sich pieksen lassen, vier Stundenlöhne.

Freibier, kostenlose Donuts und Gratis-Joints

Manche Unternehmen nutzen die Impfprämien für Marketing-Zwecke. So gibt die Donut-Kette Krispy Kreme jedem, der einen Impfnachweis vorlegt, kostenlos täglich einen glasierten Donut. Und Bürger in New Jersey, die ihre erste Impfdosis hinter sich haben, erhalten bei ausgewählten Brauereien ein Freibier. Im Bundesstaat New York können sich Corona-Erstgeimpfte gar einen Gratis-Joint abholen. Organisiert wird die ungewöhnliche Aktion von Aktivisten, die die jüngst beschlossene Legalisierung von Cannabis in New York mit vorangetrieben haben.

Was im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" geht, stößt in Deutschland eher auf Skepsis. Wirtschaftsverbände hierzulande halten sich zurück. Ob und gegebenenfalls in welcher Form Einzelhändler Anreize setzen wollen, entscheiden die Unternehmen letztlich selbst, betont der Einzelhandelsverband HDE gegenüber tagesschau.de.  

DAX-Konzerne sagen nein

In einer vom "Handelsblatt" durchgeführten Umfrage lehnten alle 30 DAX-Konzerne die Zahlung einer Impfprämie für Mitarbeiter ab. Man wolle keinen Druck auf die Kollegen ausüben, heißt es zum Beispiel von der Deutschen Börse. Und der Triebwerkshersteller MTU befürchtet, dass bei finanziellen Anreizen die Eigenverantwortung für Gesundheitsvorsorgemaßnahmen in den Hintergrund rücken könnte.

Vor allem Gewerkschaften stemmen sich gegen monetäre Impfanreize in Betrieben. Sollten Beschäftigte Zweifel an einer Impfung haben, müsste die Politik diese ausräumen, erklärte Ende März ver.di-Gewerkschaftssekretär Orhan Akman in der "Süddeutschen Zeitung". Statt einer Impfprämie plädiert Akman für vernünftige Gehälter und allgemein gültige Tarifverträge für Kassierer. Sinnvoll sei es, den Beschäftigten im Einzelhandel "unbürokratisch betriebsnahe Impfangebote zu machen und auch dafür zu sorgen, dass sie sich dafür nicht extra Urlaub nehmen müssen", sagte er tagesschau.de. Betriebsräte in Unternehmen befürchten wohl auch, Impfanreize könnten den Betriebsfrieden stören und für Neid sorgen.

Experten sind gespalten

Wissenschaftler sind sich uneinig über den Nutzen von Impfprämien. Nora Szech, Professorin für politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), begrüßt Anreize für Impfwillige. Sie sieht eine Impfprämie unter anderem als Kompensation für die in die Impfung investierte Zeit. Andere Verhaltensökonomen dagegen meinen, die Zahlungen könnten Misstrauen schüren und womöglich sogar zu einem Rückgang der Impfbereitschaft führen.

Philipp Sprengholz, Doktorand an der Uni Erfurt, wollte es genau wissen. Er hat mit seinem Team eine Studie durchgeführt, bei der mehreren Testpersonen 25 bis 200 Euro für die Impfung angeboten wurde. Das Ergebnis: Die finanziellen Anreize erhöhten laut Sprengholz die Impfbereitschaft nicht. Die Studie trägt deshalb folgerichtig den Titel: "Money is not everything." Nur wenn die Prämie auf 1000 Euro oder höher steige, erhöhe sich die Impfbereitschaft um ein paar Prozentpunkte. "Ob es sich gesamtwirtschaftlich lohnt, solche hohen Beträge zu zahlen, ist eher fraglich", meint Sprengholz.

Auf die Höhe der Prämie kommt es an

Professorin Szech vom KIT hat ganz andere Beobachtungen gemacht. In einer größer anlegten Studie mit mehr als tausend Testpersonen in den USA fand sie heraus, dass ab einer bestimmten Summe die finanzielle Belohnung greift - "ab 100 Euro", sagt sie. "Kompensation helfen, wenn sie hoch genug sind." Sind sie zu klein, stifte man mehr Schaden als Hilfe. So ließ die Impfbereitschaft sogar nach, wenn die Bürger nur 20 Dollar für einen doppelten Pieks erhielten. Winkte ihnen dagegen eine Prämie von 100 Dollar verbunden mit einem festen Impftermin, waren 80 Prozent der Befragten bereit, sich pieksen zu lassen. Als ihnen gar 500 Dollar in Aussicht gestellt worden, stieg die Impfbereitschaft auf rund 90 Prozent.

Die Wissenschaftlerin geht fest davon aus, dass auch in Deutschland zunehmend Impfprämien gezahlt werden. Vor allem Krankenhäuser und Pflegeheime würden über solche Anreize nachdenken. Professorin Szech verweist dabei auf das ifo-Institut, das den ökonomischen Wert der Impfung auf 1500 Euro pro Person schätze. "Es gibt also viel Spielraum für Kompensationen, um mehr Menschen an Bord zu bekommen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. März 2021 um 05:50 Uhr.