Celonis Office in New York

Kapital im ersten Halbjahr Rekordsumme für deutsche Start-ups

Stand: 14.07.2021 11:15 Uhr

Junge Unternehmen in Deutschland haben im ersten Halbjahr dreimal mehr frisches Kapital erhalten als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Besonders üppig fielen die Finanzspritzen der Investoren in Berlin aus.

Erst ein Dämpfer in der Corona-Krise, nun die rasante Erholung: Deutsche Start-ups haben im ersten Halbjahr die Rekordsumme von 7,6 Milliarden Euro an frischem Kapital erhalten - drei Mal so viel wie im Vorjahreszeitraum und mehr als im Gesamtjahr 2020. Auch die Zahl der Finanzierungsrunden stieg kräftig um 62 Prozent auf 588, wie die Beratungsgesellschaft EY errechnete. Demnach bekamen im ersten Halbjahr so viele Start-ups frisches Geld wie noch nie zuvor.

Wie schon in den vergangenen Jahren floss das meiste Geld in die Start-up-Hochburg Berlin. Gründer aus der Hauptstadt sammelten allein 4,1 Milliarden Euro ein und damit mehr als dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Finanzierungsrunden in Berlin kletterte um 74 Prozent auf 263. Auf Rang zwei folgte Bayern mit Investitionen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro.

Bis zu 830 Millionen Euro pro Unternehmen

Berlin und Bayern stehen damit zusammen für zwei Drittel aller Finanzierungsrunden und 87 Prozent des in Deutschland investierten Kapitals. "Gerade die ganz großen Deals finden in erster Linie in Berlin und Bayern statt", stellt EY fest. Sie seien auch international die sichtbarsten deutschen Start-up-Standorte. Andere Bundesländer verzeichneten zwar ebenfalls kräftige Zuwächse, konnten aber gerade bei großen Deals nicht mithalten.

Nach dem Rückgang im vergangenen Jahr sehe man in diesem Jahr zwar ebenfalls einen Corona-Effekt, aber in die umgekehrte Richtung, sagt Thomas Prüver von EY. So bekämen inzwischen einzelne Jungunternehmen derart hohe Summen, wie sie vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wären. Tatsächlich erhielt der in München ansässige Software-Anbieter Celonis 830 Millionen Euro, gefolgt vom Berliner Online-Broker Trade Republic (747 Millionen Euro), dessen App zum Wertpapierhandel in der Pandemie einen Boom erlebte. Danach kommen das Berliner Versicherungs-Start-up wefox und der Busbetreiber Flixbus (je 539 Millionen) sowie der ebenfalls in Berlin ansässige Lieferdienst für Lebensmittel und Supermarktwaren Gorillas (241 Millionen).

Attraktive Anlagemöglichkeiten

Laut Prüver hat der Finanzierungsboom mehrere Gründe. "Zum einen ist sehr viel Liquidität im Markt, die im aktuellen Niedrigzinsumfeld nach attraktiven Anlagemöglichkeiten sucht. Vor allem aber sieht der Markt inzwischen völlig neue Perspektiven für innovative Technologieunternehmen." So habe die Digitalisierung in der Pandemie einen großen Sprung gemacht. "Der Knoten ist geplatzt, und neue, disruptive Geschäftsmodelle werden jetzt mit ganz anderen Augen gesehen als vor der Pandemie", so Prüver.

Neben Software-Firmen und Fintechs konnte davon auch der Bereich Mobility profitieren. In diesem Segment ist das Investitionsvolumen von 434 Millionen auf 1,4 Milliarden Euro hochgeschnellt. Eine rückläufige Zahl von Finanzierungsrunden wurde nur in einem Sektor registriert: dem Bereich Media & Entertainment.

Großteil der Deals sind eher bescheiden

Die steigende Zahl an Mega-Transaktionen darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Großteil der Finanzspritzen weiterhin sehr bescheiden ausfällt. So beliefen sich im laufenden Jahr mehr als zwei Drittel der Deals, bei denen Angaben zum Finanzierungsvolumen gemacht wurden, auf höchstens fünf Millionen Euro. Im Vorjahr hatte der Anteil bei 77 Prozent gelegen. "Die Mehrzahl der deutschen Startups muss also weiterhin mit relativ wenig Geld auskommen", betont Prüver.

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell 11:38 am 14. Juli 2021 um 16:00 Uhr.