Stahlkocher am Hochofen

Steigende Preise Schub für die Stahlindustrie

Stand: 10.02.2021 09:45 Uhr

Beim kriselnden Industriekonzern Thyssenkrupp läuft das Stahlgeschäft wieder besser. Die Nachfrage vor allem der Autohersteller steigt. Doch langfristig bleibt die Branche unter Druck.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Der kriselnde Industriekonzern Thyssenkrupp hat zu Jahresbeginn operativ schwarze Zahlen geschrieben und seine Prognose angehoben. Das Unternehmen gehe davon aus, dass sich die Märkte weiter erholen und die Nachfrage in den Werkstoffgeschäften sowie bei Komponenten für Pkw und Nutzfahrzeuge steigt, teilte Thyssenkrupp am Mittwoch mit.

Für das laufende Geschäftsjahr erwartet der Konzern jetzt ein nahezu ausgeglichenes Betriebsergebnis. Im Vorjahr war ein Minus von 1,8 Milliarden Euro aufgelaufen. Bislang hatte der DAX-Konzern einen Verlust im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich avisiert. Unter dem Strich rechnet Thyssenkrupp allerdings weiter mit einem hohen Verlust - wegen der laufenden Restrukturierungen und des geplanten Stellenabbaus. Dieser soll mit einem hohen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag nun jedoch niedriger ausfallen als der zuvor prognostizierte Wert von mehr als einer Milliarde.

Pro Tonne inzwischen mehr als 700 Euro

Grund für den positiven Trend im Stahlgeschäft ist ein unerwarteter Nachfrageschub, vor allem aus der Autoindustrie. Weil es gleichzeitig aber Probleme bei den Lieferketten gibt, kommt es zu Verzögerungen - und zu kräftig steigenden Preisen. So kostet eine Tonne Stahl inzwischen mehr als 700 Euro, nachdem der Preis im letzten Jahr noch auf 400 Euro geschrumpft war.

Hubert Schmidt, Präsident des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung (WSM), sagte dem "Handelsblatt", die europäischen Stahlhersteller, allen voran der Branchenprimus ArcelorMittal, hätten ihre Produktion im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie drastisch gesenkt. Die Belegschaften seien monatelang in Kurzarbeit geschickt worden - mit entsprechenden Folgen für die Produktion. Allein in Deutschland wurde im vergangenen Jahr so wenig Stahl erzeugt wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr: 35,7 Millionen Tonnen. Das waren zehn Prozent weniger als im bereits schwachen Jahr 2019, berichtete die Wirtschaftsvereinigung Stahl. 2009 hatten die Hütten 32,7 Millionen Tonnen Stahl hergestellt.

Kurzarbeit wieder beendet

Nun zieht die Konjunktur wieder an - und die Stahlkocher kommen der Nachfrage nicht hinterher. Denn die Stahlproduktion braucht einen gewissen Vorlauf, um auf Hochtouren zu kommen. ArcelorMittal hat inzwischen wieder 16 seiner insgesamt 18 Hochöfen in Europa in Betrieb genommen. Seit Jahresbeginn ist die Kurzarbeit beendet, auch im Werk Bremen gehen die 3.500 Stahlkocher seit Januar wieder zur Arbeit. Bei ThyssenKrupp geht es ebenfalls voran, die Kurzarbeit wurde ausgesetzt.

Sind die Probleme der Stahlbranche damit überwunden, kehrt die Zuversicht zurück? Mitnichten. Die seit einigen Wochen zu beobachtende Erholung der Preise könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass die strukturelle Entwicklung der letzten Jahre besorgniserregend sei, sagte kürzlich der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff. Der Anstieg der Rohstahlerzeugung im vierten Quartal 2020 müsse vor dem Hintergrund des außerordentlich schwachen Vorjahreszeitraums gesehen werden.

Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl

Hans Jürgen Kerkoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, spricht von einer besorgniserregenden Entwicklung

Energie-Pläne Problem für die Branche

Zudem leide die deutsche und europäische Stahlindustrie nicht nur unter den Folgen der Corona-Pandemie und den Problemen der Autoindustrie, Absatzrückgänge habe es bereits vorher gegeben. Dabei ist der europäische Stahlmarkt seit der Einführung von Importquoten im Jahr 2017 für Einfuhren von Konkurrenten aus China, den USA und anderen Nicht-EU-Ländern weitgehend geschützt. Unter Druck bleibe der Stahlstandort Deutschland durch die Verwerfungen auf den globalen Stahlmärkten, aber auch infolge der energie- und klimapolitischen Ziele der EU-Kommission, betonte Kerkhoff.

Tatsächlich stehen die Stahlhersteller vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte: weg von der klassischen Hochofenroute mit Koks und Kohle hin zu grünem Stahl auf Basis von Wasserstoff. Spätestens bis 2050, so die Planung der EU, soll die Wirtschaft klimaneutral werden, also keine CO2-Emissionen mehr erzeugen. Besonders betroffen von dieser Regelung ist die Stahlindustrie, weil sie für knapp 30 Prozent des industriellen CO2-Ausstoßes verantwortlich gemacht wird. In einigen Regionen, etwa in Bremen, sollen die Stahlwerke sogar die Hälfte der CO2-Emissionen erzeugen. Das Klimagas entsteht bei der Umwandlung von Eisenerz zu Roheisen mit Hilfe von aus Kohle gewonnenem Koks.

Umbau auf absehbare Zeit nicht rentabel

Doch eine derart tiefgreifende Transformation kostet Milliarden. Zugleich würden die laufenden Kosten steigen, weil der Einsatz von Wasserstoff die Stahlherstellung verteuert. Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos ist der von der Politik geforderte Umbau derart aufwändig, dass sich die Produktion von Stahl in Deutschland nicht mehr lohnen würde. Es sei denn, es komme gleichzeitig zu einer drastischen Anhebung der Preise. Dies gilt jedoch als unwahrscheinlich, angesichts eines weltweit mit billigem Stahl aus Indien und China übersättigten Marktes.

Die Umstellung auf treibhausgasarme Verfahren sei deshalb aus wirtschaftlicher Sicht "heute und auf absehbare Zeit" für die Stahlerzeuger nicht rentabel, schreiben die Prognos-Experten in der Studie, die von der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Auftrag gegeben wurde. Es erscheine daher "industriepolitisch und ordnungspolitisch" gerechtfertigt, die Stahlindustrie bei der Transformation zu unterstützen. Im Klartext heißt das: Ohne staatliche Hilfen werden die Hersteller vom deutschen Markt verschwinden - mit verheerenden Folgen für die gesamte Wirtschaft.

200.000 Arbeitsplätze in Gefahr

Nach Berechnungen der Wirtschaftsvereinigung Stahl würden bereits bei einer 40-prozentigen Verlagerung der Stahlproduktion in Länder mit geringeren Klimaschutzauflagen bis 2035 in Deutschland 200.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung fiele schon im Jahr 2030 um rund 30 Milliarden Euro niedriger aus als 2020.

Auch klimapolitisch könnte eine treibhausgasärmere Produktion in Deutschland ein Pyrrhussieg sein. Denn die in Deutschland nicht mehr produzierten Stahlmengen dürften andernorts auf der Welt hergestellt werden, möglicherweise unter klimaschädlicheren Bedingungen. Der Bundesregierung und der EU-Kommission sind sich des Problems offenbar bewusst. Berlin hat deshalb schon im Juni letzten Jahres ein Hilfspaket in Höhe von sieben Milliarden Euro beschlossen, mit dem die Umsetzung der "Nationalen Wasserstoffstrategie" gefördert wird. Davon sollen 2,5 Milliarden Euro für den Dekarbonisierungsprozess in der Stahl- und der Chemieindustrie entfallen.

Wie weiter bei Thyssenkrupp?

Beim angeschlagenen Stahlkonzern Thyssenkrupp sei es in den letzten Wochen vermehrt zu Besuchen von Politikern gekommen, berichten Lokalmedien. Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier habe seine Aufwartung gemacht. Staatshilfe dürfte das Unternehmen dennoch nicht bekommen. Der Düsseldorfer Landtag hat sich jedenfalls gegen einen entsprechenden Antrag der SPD-Opposition ausgesprochen.

Das Management um Vorstandschefin Martina Merz will erst nächsten Monat entscheiden, wie es mit der Stahlsparte weitergehen soll. "Unser vorrangiges Ziel ist es, den Stahl zukunftsfähig zu machen," sagte sie in ihrer Rede auf der virtuellen Hauptversammlung vergangene Woche. Ein vorliegendes Übernahmeangebot des britischen Konkurrenten Liberty Steel werde sorgfältig geprüft. Alternativ käme eine Ausgliederung oder eine Weiterentwicklung aus eigener Kraft in Frage. Die Stahlindustrie kommt also noch lange nicht zur Ruhe.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 10. Februar 2021 um 08:15 Uhr.