Das Axel-Springer-Hochhaus in Berlin | picture alliance/dpa

Axel Springers US-Geschäft Unter verstärkter Beobachtung

Stand: 20.10.2021 10:31 Uhr

Springer hat den Kauf des US-Medienunternehmens Politico abgeschlossen. Die Affäre um "Bild"-Chef Reichelt zeigt auch: Probleme mit der Konzernkultur können in den Vereinigten Staaten teuer werden.

Von Daniel Bouhs, NDR

Wie lässt sich die Geschichte eines einstigen deutschen Zeitungsverlages hin zu einem modernen, global operierenden Medienkonzern wohl am besten erzählen? Das Berliner Medienhaus Axel Springer ist dafür unter die Filmschaffenden gegangen: Es hat einen gut 30-minütigen Clip ins Netz gestellt. Schauspieler lassen den 1985 verstorbenen Verlagsgründer Axel Cäsar Springer auferstehen. Mit dem ebenfalls verstorbenen "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein verlässt er das Paradies, in dem sie sonst in zwei Strandkörben am Meer sitzen, und schaut, was aus seinem Verlag geworden ist - und aus dieser Welt.

Daniel Bouhs

Springer setzt auf Wachstum in aller Welt

Passenderweise hat der Film eine englische Sprecherin. Springer und Augstein, die Deutsch sprechen, werden untertitelt. Das alles hat Sinn: Es ist ein Erklärfilm nicht zuletzt für das internationale Publikum, das sich fragt, wer eigentlich dieser Axel Springer ist. Diese Frage drängt sich in verschiedenen Winkeln dieser Welt auf. Springer setzt schon seit Jahren auf Wachstum in aller Welt.

Vor bald zehn Jahren hatte sich Konzernchef Mathias Döpfner mit leitenden Mitarbeitern eine Zeit lang ins Silicon Valley abgesetzt, um Zukunftsluft zu schnuppern und US-Kontakte aufzubauen. Auch das hat der Konzern filmisch in Szene gesetzt, in einem anderen Clip. Kapuzenpullis statt Anzüge inklusive. Im Flugzeug sitzt der Vorstand in der Holzklasse. Man gibt sich demütig, lebt wochenlang unter einem Dach. Döpfners zentrale Botschaft: Sein Konzern werde "das führende digitale Medienunternehmen", das auch im Netz mit Journalismus gutes Geld verdient. Damals begann diese Reise, im wahrsten Wortsinne.

Hochprofitabel mit Lobby-Newslettern

Vor allem in den USA kauft das deutsche Medienhaus seitdem fleißig ein. 2015 übernahm Springer das Portal "Business Insider" komplett. Es hat auch Ableger in anderen Ländern. Auch in Deutschland. Nun kommt "Politico" dazu. Mit dem Insider-Dienst, der nicht zuletzt mit teuren Newslettern an Lobby-Organisationen und Politik viel Geld umschlägt, hatte Springer bereits einen Ableger in Brüssel gestartet. Jetzt hat Springer auch die Mutter-Redaktion in Washington übernommen, mit etwa 700 Mitarbeitenden in Nordamerika.

Im Konzernfilm kann Axel Cäsar Springer nicht mal das Taxi bezahlen: Er hat keine Ahnung, was ein Smartphone ist, geschweige denn eine App. Nicht mal den Euro kennt er. Er kann im längst vereinten Deutschland durch das Brandenburger Tor laufen. Und am Konzernsitz angekommen ist seine "Welt" erstaunlich dünn. "Bild" ist noch da, aber vor allem digital. Dazu kommt aber das Neugeschäft: Anzeigenportale etwa für Immobilien und der digitale Journalismus. Portale wie "Insider" und "Politico". Außerdem hat bei Springer inzwischen der US-Finanzinvestor KKR viel mitzureden, nicht allein die verbliebene Springer-Familie.

Wachsendes Interesse am deutschen Medienkonzern

Weil Springer nun zunehmend in den US-amerikanischen Medienmarkt vordringt, muss sich der Konzern den dortigen Gepflogenheiten anpassen. Die Affäre um "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt lässt sich dann auch so erklären: In den USA ist man nun neugierig, wer oder was Axel Springer ist. Erst berichtete das "Wall Street Journal" ausführlich, kurz vor der endgültigen Übernahme von "Politico" die "New York Times" - die mit "Politico" im Wettbewerb steht um heiße Informationen etwa aus der US-amerikanischen Politik.

Gleichzeitig trifft der Springer-Konzern, der lange ein klassischer deutscher und damit von Männern geführter Verlag war, auf die Kultur der USA. Dort nahm die "Metoo"-Affäre ihren Lauf. Dort werden Liebesbeziehungen in Unternehmen oft nicht toleriert. Und dort kann es mitunter für Konzerne und ihre Verantwortlichen teuer werden, wenn sie Machtmissbrauch dulden. Die "New York Times" interessierte sich deshalb besonders für die Kultur bei "Bild".

Springer ließ bereits im Frühjahr Vorwürfe gegen den bisherigen "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt prüfen. Beauftragt wurde eine renommierte große Anwaltskanzlei - Standard in internationalen Konzernen. Reichelt bekam aber eine zweite Chance. Springer versprach neue Strukturen, und Reichelt, dass er Privates und Berufliches fortan sauber trenne.

Enthüllungen der "New York Times"

Auch der Konzernfilm will hier ein Zeichen setzen. Die Besucher aus dem Jenseits treffen auf eine "Diversitätsbeauftragte". Sie gendert beim Sprechen und erklärt, dass es mit einem "pro-aktiven Umgang mit Diversität" eine "Diversitätsdividende" gebe, also Gewinn - woraufhin auch der alte Springer ganz begeistert ist.

"Heutzutage", sagt die Managerin der gespielten Jetzt-Zeit, "ist das Wie des Miteinanders, also die Unternehmenskultur für den Erfolg genauso wichtig wie die Auflagen". In einem Vortrag bekommen die beiden dann noch ihren früheren "patriarchalen Führungsstil" der 1980er-Jahre um die Ohren gehauen. Die Botschaft: Diese Zeit ist lange vorbei.

Die "New York Times" und dann auch Rechercheurinnen und Rechercheure des Investigativ-Teams der deutschen Ippen-Gruppe haben nun ein ganz anderes Bild gezeichnet von "Bild" und damit auch von Axel Springer. Julian Reichelt, den Konzernchef Mathias Döpfner im Frühjahr noch schützte, ist kein Chefredakteur mehr. Und die "New York Times" meldet auf ihrer Titelseite: "Deutscher Chefredakteur mit Sex-Untersuchung rausgeschmissen". Nicht minder entscheidend ist die Unterzeile: "Verlag handelt während US-Wachstum".

Konzern will wachsen

Springer hat also den US-Dienst "Politico" geschluckt. Schon davor hieß es: Aus den 2400 journalistischen Stellen des Konzerns sollen in den kommenden fünf Jahren mehr als 3000 werden, zusätzlich zu "Politico". Springer will wachsen und braucht dafür auch die USA als Markt. Das zwingt das Unternehmen zum Kulturwandel. Fraglich ist, ob es reicht, wenn Reichelt geht. In der Medienszene werden längst Rufe laut, dass es auch Konzernchef Mathias Döpfner treffen müsste, der zudem Präsident des Verlegerverbandes BDZV ist.

Axel Cäsar Springer bekommt in der Fiktion des Konzern-Films von alledem nichts mit. Er sitzt mit seinem Wettbewerber und Leidensgenossen Rudolf Augstein wieder in zwei Strandkörben, auf dem Dach des realen Springer-Neubaus in Berlin. Beide schwärmen über die neue Zeit, in der jeder Nachrichten überall bekommen kann. Dieser Film hat ein weiteres Kapitel verdient. Und Axel Springer wird sicher weiter beobachtet werden - auch in den USA.

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell am 27. August 2021 um 08:13 Uhr.

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