App-Symbole mehrerer sozialer Netzwerke sind auf einem Smartphone zu sehen | AFP
Analyse

Wachstum trotz Vorwürfen Die Marktmacht der Social-Media-Konzerne

Stand: 27.10.2021 12:44 Uhr

Allen Enthüllungen und Vorwürfen zum Trotz bauen die großen sozialen Netzwerke ihre Nutzerzahlen aus. Die Praxis zeigt: Nur Datenschutzauflagen schränken den wirtschaftlichen Erfolg von Facebook und Co. ein.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Es sind zwei Wahrheiten, die mit Blick auf die großen Social-Media-Konzerne in dieser Woche deutlich werden: Sie können einerseits die Gesellschaften beschädigen, sie gar entzweien. Gleichzeitig werden sie aber von immer mehr Menschen genutzt, egal wie heftig und desaströs die Kritik an den Unternehmen sein mag. Bestes Beispiel ist hier Facebook, das nun 3,58 Milliarden monatliche Nutzerinnen und Nutzer meldete, und zwar über alle Angebote hinweg - sprich: Facebook, WhatsApp und Instagram. Im Jahresvergleich ist das ein Zuwachs um zwölf Prozent.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Nur bei den Einnahmen strauchelt das von Mark Zuckerberg mitgegründete Social Network etwas. Die Erlöse im dritten Quartal stiegen zwar um 35 Prozent auf rund 29 Milliarden Dollar, lagen damit aber deutlich unter den Erwartungen. Der Grund ist ein deutlich langsameres Wachstum im Anzeigenmarkt. Analysten hat mit einer halben Milliarde mehr gerechnet. Auch Facebooks Umsatzprognose von 31,5 bis 34,0 Milliarden Dollar für das laufende Quartal enttäuschte.

Auswirkung der Datenschutzvorgaben von Apple

Nicht etwa Senatsanhörungen oder Artikelserien, in denen Facebook vorgeworfen wird, der Konzern stelle seinen Profit über die Sicherheit seiner Nutzerinnen und Nutzer, sind für das langsamere Wachstum im Anzeigenbereich verantwortlich. Es ist vermutlich Nachbar Apple, der für diese Entwicklung verantwortlich gemacht werden kann. Denn der iPhone-Hersteller hatte im Frühjahr den Mumm und verschärfte seine Datenschutz-Einstellungen für Social-Media-Angebote wie Facebook. Wer im Ökosystem von Apple Apps anbietet, muss sich seit April von den Usern die Erlaubnis einholen, deren Verhalten nachverfolgen zu dürfen. Im Falle Facebook oder Instagram scheinen das immer weniger Apple-Nutzer zu gestatten.

Genau das merkt Facebook derzeit, wenn es über seinen Silicon-Valley-Nachbarn schimpft. Ganz ähnliche Klagen waren bereits von Snap zu hören, einem kleineren, besonders unter Jugendlichen beliebten sozialen Netzwerk, das vergangene Woche zeitweise bis zu einem Viertel seines Börsenwerts verloren hatte. Auch hier machten sich die strengen Datenschutzvorgaben von Apple in barer Münze bemerkbar.

Rekordumsatz für YouTube

Andere Konzerne zeigen sich dagegen scheinbar immun gegen die Folgen der Apple-Datenschutzbestimmungen. Die zum Alphabet-Konzern gehörende Videoplattform YouTube ist ein prächtiges Beispiel dafür. Während vor dem US-Kongress am gestrigen Dienstag Top-Manager von YouTube, Snap und TikTok zum Thema Kindersicherheit Rede und Antwort stehen mussten, veröffentlichte YouTube neue Rekordumsätze: 7,2 Milliarden Dollar hat die Videoplattform im abgelaufenen Quartal durch den Verkauf von Werbespots eingenommen. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei fünf Milliarden Dollar. Das entspricht einer Steigerung von 43 Prozent.

Pikantes Detail aus der Kongressanhörung: YouTube ist an diesem Tag das einzige Unternehmen, das sich weigert, interne Untersuchungen zum psychischen Wohlbefinden von Jugendlichen bereitzustellen. Alphabet-Finanzchefin Ruth Porat meinte vor Analysten, dass die Änderungen am Apple-Betriebssystem iOS-14 nur einen bescheidenen Einfluss auf die YouTube-Umsätze gehabt hätten. Google profitierte möglicherweise von einer Verlagerung seines Anzeigengeschäfts auf die Suche. Außerdem wird die Suchmaschine besonders häufig am Desktop genutzt.

Zudem hat der Konzerne noch eine Geheimwaffe namens Android. Das Smartphone-Betriebssystem ist vor allem im Rest der Welt deutlich beliebter als Apple. Google gibt sich hier gerne als Scheinadvokat für die Interessen seiner Nutzer. In Mountain View ist man sich im Klaren: Würde man dem Beispiel des Nachbarn Apple folgen, würde man das eigene Geschäftsmodell nachhaltig beschädigen.

Twitter weniger von personalisierter Werbung abhängig

Auch bei Twitter hält sich der Schaden durch die Apple-Einstellungen in Grenzen. Die Auswirkungen, so teilte der Kurznachrichtendienst aus San Francisco mit, seien geringer gewesen als angenommen. Twitter kommt dabei ein Vorteil zugute: Das Unternehmen ist - anders als Facebook, Snap oder TikTok - weniger auf personalisierte Werbung ausgerichtet, sondern verkauft vor allem Marken-Werbung. Die Einnahmen stimmen deshalb auch bei Twitter: Sie stiegen im dritten Quartal um 41 Prozent auf jetzt 1,14 Milliarden Dollar.

Die neuen Quartalsergebnisse zeigen: Die Social-Media-Konzerne sind weit entfernt von der politischen Realität in Washington, London oder Brüssel. Oder ist Politik zu weit entfernt von der digitalen Realität der Gesellschaften? Big Tech scheint nur verwundbar zu sein, wenn man den Datenschutz verstärkt, wie das Apple für sein iOS-Betriebssystem getan hat. Alles andere - wie Aussagen von Whistleblowerinnen, Affären um Wahleinmischungen, Hassrede, Falschinformationen, Menschenhandel - ficht die Unternehmen unterm Strich nicht an.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Oktober 2021 um 13:35 Uhr.