Bauhelme mit dem Logo des Siemens-Konzerns liegen auf einem langen Tisch | picture alliance / Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Konzern mit Gewinnsprung Siemens heute wertvoller denn je

Stand: 11.11.2021 09:23 Uhr

Nach Abspaltungen und Umbauten präsentiert sich Siemens heute als "fokussierter Technologiekonzern". Warum ist das Unternehmen derzeit mehr wert als vor der Zerschlagung und übertrifft mit seinem aktuellen Gewinn die Erwartungen?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Einen Gewinn nach Steuern zwischen 5,7 und 6,2 Milliarden Euro hatte Siemens noch im Juni für das laufende Geschäftsjahr vorausgesagt. Diese Prognose übertraf der Konzern mit 6,7 Milliarden Euro deutlich, wie die am Morgen veröffentlichten Zahlen zeigen. Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr 2020/21, das im September endete, auf 62,3 Milliarden Euro. Die Dividende soll um 50 Cent auf den Rekordwert von 4,00 Euro je Aktie angehoben werden.

Dabei ist von dem einstigen Konglomerat, das von Glühbirnen bis zu Kraftwerken nahezu alles herstellte, was irgendwie mit Strom betrieben wurde, vergleichsweise wenig geblieben. Industrie, Infrastruktur und Mobilität sind heute im Wesentlichen die Bereiche, in denen Siemens tätig ist. "Damit sind wir in Branchen aktiv, die das Rückgrat der globalen Wirtschaft bilden und großes Potenzial für die digitale Transformation und mehr Nachhaltigkeit bieten - den großen Herausforderungen unserer Zeit", lobt sich das Unternehmen gegenüber Investoren.

Roland Busch seit Februar neuer Konzernchef

Der seit Februar amtierende Firmenchef Roland Busch preist Siemens für seine "einzigartigen Fähigkeiten", die realen und digitalen Welten miteinander zu verbinden. "Davon profitierten die Kunden wie bei keinem anderen Unternehmen", argumentiert der Manager. Die aktuellen Jahreszahlen wertete Busch als erfolgreichen Start von Siemens als "fokussiertes Technologieunternehmen" nach der Abspaltung des Energietechnik-Konzerns Siemens Energy. Es seien "Zuwächse über alle vier Industriellen Geschäfte sowie alle Regionen hinweg" verzeichnet worden.

Für die Aktionäre von Siemens Energy hat sich die jüngste und vorläufig letzte Abspaltung von der Konzernmutter allerdings nicht gelohnt. Die Aktie des vor einem Jahr an die Börse gebrachten Unternehmens mit rund 91.000 Beschäftigten ist heute weniger wert als zur Zeit der Erstnotiz. Tatsächlich hat Siemens Energy in seinem ersten Jahr als unabhängiges Unternehmen wegen der schwächelnden spanischen Windanlagentochter Gamesa rote Zahlen geschrieben. Der Nettoverlust beläuft sich auf 560 Millionen Euro.

Siemens-Chef Roland Busch | dpa

Konzernchef Roland Busch sprach von einem erfolgreichen Start von Siemens als "fokussiertes Technologieunternehmen". Bild: dpa

Deutliche Verbesserung angestrebt

Dennoch scheint das Unternehmen auf dem Weg der Besserung. Im Vorjahr waren die Verluste nämlich mehr als dreimal so hoch. Vorstandschef Christian Bruch hofft auch auf eine Wende bei Gamsa, dem größten Sorgenkind. "Wir haben das komplette Management über die letzten zwölf Monate getauscht", sagte der Manager gestern bei der Vorlage der Zahlen. Es werde aber eine gewisse Zeit dauern, die Probleme zu lösen. Siemens Gamesa kämpft mit hohen Rohstoff- und Transportkosten sowie mit Verzögerungen in der Lieferkette. Im vergangenen Geschäftsjahr ist deshalb ein Verlust von 627 Millionen Euro entstanden. Siemens Energy hält zwei Drittel der Anteile an dem Unternehmen.

Im neuen Geschäftsjahr, das Anfang Oktober begonnen hat, soll sich die Lage auch für den Gesamtkonzern Siemens Energy bessern. Unter dem Strich erwartet das Management eine weitere Reduzierung der Verluste. Selbst eine Rückkehr zu schwarzen Zahlen ist nicht ausgeschlossen. Denn auch bei der Produktion von Gasturbinen sieht es inzwischen besser aus, nachdem die Sach- und Personalkosten gesenkt wurden und die Produktion gestrafft wurde. Hierzu gehört auch ein Jobabbau in Deutschland, besonders in Berlin, wo 600 Arbeitsplätze weggefallen sind.

Erfolgsstory Siemens Healthineers

Deutlich besser haben sich die anderen Abspaltungen von Siemens entwickelt. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2021 hat der Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers einen Rekordumsatz von rund 18 Milliarden Euro erzielt, auch dank der Erlöse aus dem Verkauf von Antigen-Schnelltests. Beim Gewinn hatte Healthineers mit 2,03 Euro je Aktie das obere Ende der eigenen Prognose erreicht.

Auch Osram habe sich allein besser behauptet als dies bei Siemens möglich gewesen wäre, behauptet der frühere Siemens-Chef Joe Kaeser, Architekt und Hauptinitiator des Konzernumbaus. Die bereits 2013 von Siemens abgespaltene Tochter Osram, einstiger Hersteller von Glühbirnen, ist im vergangenen Jahr vom österreichischen Sensorhersteller ams AG übernommen worden.

Mehr wert als vor der Zerschlagung

Kaeser sprach im Zusammenhang mit dem Umbau des Konzerns ohnehin lieber von der Schaffung neuer Perspektiven als von Zerschlagung. "Zerschlagung ist die negative Beschreibung eines Sachverhalts, den man auch als positives Schaffen neuer Perspektiven sehen kann", sagte er. Das scheint auch General-Electric-Chef Larry Culp so zu sehen. Der Chef des noch vor 20 Jahren wertvollsten Unternehmens der Welt hat die Aufspaltung in die drei Sparten Luftfahrt, Gesundheit und Energie beschlossen - in der Hoffnung General Electric damit neue Perspektiven zu eröffnen, nach Jahren des Niedergangs.

Auch Siemens will nach der Abspaltung seiner Energie- und Gesundheitssparte wieder wachsen, allerdings im digitalen Bereich. So sollen die Digitalumsätze von 5,3 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2020 künftig um rund zehn Prozent jährlich bis 2025 zulegen, weil die digitalen Angebote und das Kerngeschäft aus Industrie, Mobilität und Infrastruktur künftig immer stärker miteinander verwoben sein werden. Von den Investoren sind sowohl das Ende des Konglomerats als auch die neuen Wachstumsaussichten mit Wohlwollen aufgenommen worden. Mit 117 Milliarden Euro ist Siemens heute mehr wert als vor der Zerschlagung.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 11. November 2021 um 07:08 Uhr.