Ehemaliges Firmenschild der insolvent gegangenen Drogeriekette Schlecker | dpa

Zehn Jahre nach der Pleite "Taschengeld" für die Schlecker-Frauen

Stand: 03.07.2022 19:37 Uhr

Die Schlecker-Insolvenz im Jahr 2012 war eine der größten Firmenpleiten in Deutschland. Nun sollen frühere Mitarbeiterinnen der Drogeriekette noch Geld erhalten - aber wohl überschaubare Summen.

Von Jens Ottmann, SWR

Helga Bandow war 25 Jahre für Schlecker tätig. Die heute 70-jährige Hessin war zuletzt als stellvertretende Filialleiterin angestellt. Die Schließung hat sie damals hart getroffen. "Wir waren alle stinksauer".

Neulich bekam sie Post vom Schlecker-Insolvenzverwalter. "Ich war völlig überrascht, nochmal etwas von dem Fall zu hören", sagt die Gladenbacherin.

Lieferanten und Handwerker gehen leer aus

Doch der Brief war enttäuschend. 250 Euro soll sie im Juli überwiesen bekommen - nicht mehr als ein "unerwartetes Taschengeld". Unter anderem geht es um Ansprüche der ehemaligen Mitarbeiter aus Löhnen, Weihnachts- und Urlaubsgeld.

Gläubiger wie zum Beispiel Lieferanten und Handwerker gehen hingegen leer aus. Hier geht es nach wie vor um Schadenersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe. An den Insolvenzverwalter hat die Familie mittlerweile zehn Millionen Euro zurückgezahlt. Hintergrund sind Kartellabsprachen von Lieferanten, die dazu geführt hätten, dass Schlecker in der Vergangenheit zu hohe Preise gezahlt habe. "Dagegen sind wir zivilrechtlich vorgegangen. Das ist ein langwieriger Prozess über mehrere Instanzen", so der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz.

Insgesamt bereitet Geiwitz nach eigenen Angaben Abschlagszahlungen in Höhe von 21,3 Millionen Euro vor. Davon werden die sogenannten "Schlecker-Frauen" aber nur einen kleinen Teil bekommen. Mehr als ein paar hundert Euro können die ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht erwarten.

Expansionskurs führte in die Pleite

Schlecker, einst die größte Drogeriemarktkette Europas mit Sitz im baden-württembergischen Ehingen, hatte im Januar 2012 Insolvenz angemeldet. Der gelernte Metzgermeister Anton Schlecker aus der Kleinstadt Ehingen bei Ulm eröffnete 1974 seine erste Drogerie. Nur drei Jahre später waren es bereits 100 Filialen.

Mit Kritik musste Anton Schlecker von Anfang an leben. Seine Kette zahlte untertariflich, die Gründung eines Betriebsrates verhinderte sie. Andererseits wurde Anton Schlecker hoch angerechnet, dass er mit seinem Privatvermögen für sein Unternehmen haftete.

Zudem wollte er immer mehr Läden, immer weiter wachsen. Doch die Kunden blieben aus. Die Läden waren zu klein, zu alt und unattraktiv. Für moderne Umbauten fehlte das Geld.

Der Niedergang des Imperiums zeichnete sich schon sechs Monate vor der Pleite ab. Im Juni 2011 kündigte Schlecker an, rund zehn Prozent der über 8000 Filialen zu schließen. Der Grund: Sie seien nicht mehr wirtschaftlich. 2012 dann die Insolvenz. Die einst größte Drogeriekette Europas war nicht mehr zu retten und verschwand vom Markt. Rund 24.000 Beschäftigte verloren damals ihren Arbeitsplatz.

Anton Schlecker bleibt auf freiem Fuß

Im Jahr 2017 wurde Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Im Wissen um die drohende Pleite habe er Geld beiseite geschafft, urteilte das Gericht.

Als es darum ging, die Nachricht der Insolvenz zu überbringen, schickte er seine Kinder Lars und Meike vor. Auf einer Pressekonferenz verkündete die Tochter, es sei "kein signifikantes Vermögen mehr da". Später stellt sich heraus, dass die Familie noch Millionen zur Seite geschafft hatte. Insolvenzverschleppung und Untreue lauten die Vorwürfe. Der Vater kommt mit einer Geldstrafe davon, die Kinder müssen ins Gefängnis - zwei Jahre und sieben Monate lautet das Urteil. Im Juni 2021 werden sie vorzeitig entlassen.

Der Schlecker-Prozess am Stuttgarter Landgericht im Jahr 2017 kostete mehr als 200.000 Euro. Das teilt die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf Anfrage tagesschau.de mit. Die Kosten müssen von den verurteilten Angeklagten bezahlt werden. Ob dies bereits geschehen ist, wollte eine Sprecherin der Oberfinanzdirektion Karlsruhe nicht bestätigen.

Das Insolvenzverfahren zieht sich hin

Die restlichen Ansprüche der ehemaligen Mitarbeiter bleiben weiterhin bestehen. Auch Krankenkassen, Sozialversicherungen und die Bundesagentur für Arbeit haben Forderungen gestellt. Man könne aber erst am Ende des Insolvenzverfahrens sagen, ob und in welcher Höhe weitere Zahlungen möglich sind, so Gallwitz.

Im Moment geht er davon aus, dass das Verfahren in zwei bis drei Jahren abgeschlossen wird. Und vielleicht bekommt Helga Bandow dann noch mal ein Schreiben des Insolvenzverwalters.

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell am 21. Juni 2022 um 14:29 Uhr.