Geschlossenes Kassenhäuschen eines Fahrgeschäfts | dpa

Schausteller in Existenznot Angst vor erneutem Oktoberfest-Effekt

Stand: 15.05.2021 15:49 Uhr

Im zweiten Corona-Jahr bangen Schausteller um ihre Existenz und drängen auf Lockerungen. Die erneute Absage des Oktoberfestes und anderer Volksfeste verschlimmert die Lage.

Von Philipp Wundersee, WDR

"Ich bin gerade noch einmal Opa geworden", erzählt August Schneider stolz. Der Schausteller aus dem Münsterland steht in seiner Wagenhalle und repariert einen defekten Scooter. "Jetzt sind wir mit dem neuen Enkelkind in der siebten Generation in der Familie, die Schausteller sind. Aber so eine Situation wie mit der Pandemie hatten wir noch nicht erlebt."

Philipp Wundersee

Noch immer sei alles geschlossen, was nur entfernt mit Vergnügen, Rummel und Gedränge zu tun habe, sagt Schneider. Von einem Tag auf den anderen hieß es: keine Feste mehr, kein Autoscooter, keine Einnahmen. Ein wenig Reparaturarbeiten, ein wenig Ausbessern, irgendwie müsse man sich die Zeit vertreiben, bis es wieder losgehe. Wenn man den Job nicht machen könne, "merkt man erst, was einem fehlt".

Der Wohnwagen ist das Zuhause

"Das Leben im eigenen Haus für so eine lange Zeit ist man gar nicht gewohnt", sagt Schneider. "Im Sommer sind wir immer an einem anderen Ort mit dem Wohnwagen. Das ist unser Zuhause. Mal in Berlin, mal in Düsseldorf, mal in Hannover." Das letzte Geld habe die Familie im Jahr 2019 auf den Weihnachtsmärkten verdient.

Als die Saison dann 2020 im Frühling losgehen sollte, kam Corona - seither ruhen ihre Fahrgeschäfte. "Wir hoffen und wir warten und wir hoffen", sagt der Schausteller, der mit der Familie eine Wildwasserbahn, einen Autoscooter und ein Karussell betreibt. Normalerweise arbeiten sie deutschlandweit beispielsweise in München, in Bochholt oder auch in Hamburg. 

Arbeiten als Paketzusteller

Sie hätten zum Glück staatliche Hilfen bekommen, die die Familie über Wasser halten konnten. Kollegen müssten mittlerweile als Lagerarbeiter oder Paketzusteller arbeiten, damit ein wenig Geld reinkomme.

Der deutsche Schaustellerbund e.V. kritisiert das lange Aus für die Branche, zu der fast 32.000 Beschäftigte in mehr als 5000 Unternehmen gezählt werden. Der Verein fordert eine Öffnungsperspektive für die Familienunternehmen und ihre Freiluft-Veranstaltungen. "Die Branche steht still - länger als jede andere Branche. Und ist faktisch mit einem Berufsausübungsverbot belegt worden", sagt eine Sprecherin.

Bereits jetzt würden Veranstaltungen abgesagt, die erst im späteren Verlauf des Jahres stattfinden würden. "Ein erneuter Oktoberfest-Effekt, das reihenweise Absagen von Festen in diesem Jahr, muss unbedingt vermieden werden", appelliert der Verein an die Politik.

Pop-Up-Freizeitparks als Argumentationshilfe

Mit guten Hygienekonzepten und Pop-Up-Freizeitparks habe die Branche bewiesen, dass sie die Grundlage schaffen könnten, um möglichst bald öffnen dürfen. Auch August Schneider aus dem Münsterland hat bei einem Pop-Up-Freizeitpark in Düsseldorf mitgemacht. "Wirklich verdient haben wir da nicht, aber es war für uns Schausteller ein toller Moment, sich gegenseitig zu sehen und auszutauschen", sagt er.

Sie konnten so auch ihre osteuropäischen Mitarbeiter anheuern. Das seien Saisonkräfte, die teilweise seit über zehn Jahren mit der Familie arbeiten. "Die Krise beschäftigt uns alle nicht nur finanziell, sondern auch psychisch. Da leidet die ganze Familie", so Schneider.

Ein Leben auf Reisen

Sein eigener Vater fährt mit 96 Jahren noch immer mit. Der begreife diese Zwangspause gar nicht, da er sein Leben lang auf Reise war. "Der war immer dabei und unterstützt uns. Die Geselligkeit mit anderen Schaustellern, der Austausch fehlt nicht nur ihm", sagt der Sohn. Obwohl ihm die staatliche Unterstützung helfen konnte, wolle er kein Geld mehr annehmen, so Schneider. "Ich will arbeiten. Ich will unser Geld mit den eigenen Händen verdienen. Ich will keine Hilfe. Wir haben ja Hygienekonzepte entwickelt, Zäune angemietet, wir haben investiert in die Organisation."

Die Besucher seien gekommen zu den Pop-Up-Parks, und es habe dort keinen Corona-Fall gegeben. "Natürlich geht die Sicherheit vor, aber wir sind noch immer komplett ausgebremst", sagt Schneider. Die Hoffnung bleibe, dass sie bald wieder unter freien Himmel öffnen können, wenn die Inzidenzen weiter sinken. Denn viele großen Veranstaltungen im Sommer sind alle abgesagt. Das sind Umsätze, die wegfallen und nicht wiederkommen.