SAP-Logo an der Konzernzentrale in Walldorf | dpa

50 Jahre SAP Der Weltkonzern von nebenan

Stand: 01.04.2022 08:11 Uhr

Vor 50 Jahren wurde in Walldorf die Firma "Systemanalyse Programmentwicklung" gegründet, kurz SAP. Heute ist der Konzern Weltmarktführer für Firmensoftware. Doch der Trend zu Cloud-Lösungen verschärft den Wettbewerb.

Von Tim Diekmann und Jochen Braitinger, SWR

Walldorf ist auf dem ersten Blick eine ganz normale Kleinstadt in der Nähe von Heidelberg. Etwa 16.000 Menschen leben hier. Es gibt einen Badesee, ein schwedisches Möbelhaus und einen Autobahnanschluss. Aber vor allem gibt es SAP. Fernab der großen Metropolen haben die fünf Gründer - Hans-Werner Hector, Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Klaus Tschira und Claus Wellenreuther - in der Region einen Weltkonzern aufgebaut, dessen Hauptsitz noch immer Walldorf ist.

Tim Diekmann

Walldorf ist SAP-Stadt

Die kleine Stadt im Rhein-Neckar-Kreis und der große Weltkonzern: Sie leben in freundschaftlicher Symbiose. SAP ist Walldorf. Und Walldorf ist SAP. Das weiß auch CEO Christian Klein, der in der Region aufwuchs. "Man kommt mit SAP in Berührung, und man sieht, für was für eine tolle Kultur SAP auch steht. Und dann war der Weg schon etwas vorgezeichnet."

In seinem ersten Praktikum, erzählt Klein dem SWR, habe er noch schwere Monitore vom Keller aus in den Gebäuden verteilen müssen. Inzwischen bestimmt Klein als CEO die gesamten Geschicke des Weltkonzerns. Die Grundlage des Erfolgs sieht der 41-jährige Manager in der Unternehmenskultur. Er sei stolz darauf, "dass man motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat und dass denen das Unternehmen auch was bedeutet." Die Arbeit bei SAP sei nicht einfach nur ein Job, denn "wir verändern die Welt am Ende".

"Jeder arbeitet irgendwie mit SAP"

Weltweit arbeiten rund 105.000 Menschen für SAP. Mehr als 400.000 Kunden zählt das Unternehmen und erwähnt stolz, dass 87 Prozent des weltweiten Handelsvolumens von SAP-Kunden generiert würden. Die Marktmacht des Konzerns ist enorm. Das betont auch der Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Mirko Maier, im Gespräch mit tagesschau.de: "An SAP kommt jemand, der in der IT in einem Industrieunternehmen arbeitet, gar nicht drum herum. Jeder arbeitet irgendwie mit SAP." Mit den einzelnen Softwarekomponenten lasse sich, so Maier, ein ganzes Unternehmen steuern, "vom Einkauf, über Controlling, Buchhaltung und Personalwesen".

Mit seinem Geschäftsmodell individuell angepasster Betriebssoftware ist SAP zu einem der wertvollsten Konzerne Europas herangewachsen. Der Softwareentwickler spielt mit einer Marktkapitalisierung von rund 120 Milliarden Euro in einer Liga mit dem US-Flugzeugbauer Boeing und der US-Bank Goldman Sachs. Volkswagen, Airbus oder Siemens lassen die Walldorfer weit hinter sich.

Doch auch wenn kaum ein Unternehmen ohne SAP-Anwendungen auskommt, so verblasst der Softwarehersteller im Schein anderer Weltkonzerne. Apple, Microsoft & Co. bieten ihre Software und Produkte auch für den Privatgebrauch an. SAP ist als Business-Unternehmen vielen Privatpersonen unbekannt. 

Im Cloudgeschäft gibt es Luft nach oben

Zu seinem 50. Jubiläum steht SAP vor großen Herausforderungen. ServiceNow, Salesforce und Workday werben als neue Anbieter mit flexibleren Lösungen um die Gunst der Kunden. Potenzial gibt es vor allem im Bereich der Cloud-Lösungen, also Anwendungen, die nicht mehr zentral auf Firmenrechnern installiert werden, sondern weltweit aus dem Internet abrufbar sind. Laut einer Umfrage der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe - ein Verein mit mehr als 60.000 Mitgliedern aus 3700 Unternehmen -, machten nur rund 30 Prozent der Befragten gute Erfahrungen mit Cloudanwendungen von SAP, doppelt so viele hingegen bei anderen Anbietern.

Doch genau in diesem Geschäftsfeld sieht SAP seine Zukunft. Bis 2030 sollen sich die meisten Anwendungen in der Cloud abspielen. "Das Cloud-Geschäft ist für SAP ein sehr großer Schritt, der auch mit der Frage zusammenhängt: Was mache ich mit meinen Bestandskunden, die die Software auf ihrem PC vor Ort einsetzen? Die Anwendungen sind den Unternehmen angepasst, quasi ein Maßanzug. Aber Cloud-Anwendungen sind Anzüge von der Stange. Jetzt müssen sie also den Maßanzug-Träger dazu kriegen, auch Anzüge von der Stange gut zu finden. Das ist zeitaufwendig und kostet Geld", sagt SAP-CEO Klein.

Wurde der Umstieg verschlafen?

Der Vorstandschef sieht sich auf einem guten Weg: "Wir haben ein sehr, sehr starkes Wachstum in unserem Kerngeschäft in der Cloud." Kritiker sagen hingegen, SAP habe den Umstieg verschlafen. Andreas Hahn, Betriebsrat von SAP, drückt es diplomatischer aus: "Da haben wir Nachholbedarf, dass dort mehr investiert wird. Zum einen in Zeitkontingente, zum anderen natürlich im Budget und eben auch im Personal."

Die Investitionen aber würden sich lohnen, sagt LBBW-Analyst Maier, denn "der Kapitalmarkt liebt vorhersehbare Dinge. Mit dem Cloud-Geschäft, wo ich wiederkehrende Erlöse durch vermietete Software erziele, fallen negative Überraschungsmomente immer seltener aus. Die Unternehmung ist ein Stück weit planbar. Die Umsatzentwicklung ist bereits positiv. Was jetzt noch fehlt sind Effekte bei der Marge."

Und davon könnte wiederum auch die SAP-Stadt Walldorf profitieren. Denn steigende Gewinne bedeuten auch steigende Gewerbesteuereinnahmen. Für das laufende Jahr rechnet Walldorf mit Einnahmen in Höhe von 160 Millionen Euro. Das ist deutlich mehr, als der große Nachbar Heidelberg einnimmt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. April 2022 um 13:35 Uhr.