Ampulle mit dem Corona-Vakzin von Sanofi | AFP
Analyse

Corona-Impfstoffe Sanofi kämpft gegen Verlierer-Image

Stand: 12.07.2021 15:24 Uhr

Sanofi ist einer der weltweit größten Impfstoffhersteller. Doch im Kampf gegen das Coronavirus hinkt der französische Pharmakonzern bisher hinterher. Woran liegt das?

Von Susanne Kathrin Wildhagen, ARD-Studio Paris

Anfang Juli dieses Jahres war es endlich soweit: Sanofi kündigte an, dass im Dezember 2021 der gemeinsam mit seinem britischen Partner GSK entwickelte Covid-19-Impfstoff auf den Markt kommen werde - ein Jahr später als das Vakzin von BioNTech/Pfizer.

Zu spät? Olivier Bogillot, Frankreich-Chef des Konzerns, gibt sich französischen Medien gegenüber optimistisch: "Mit der Verbreitung der Delta-Variante wird eine Impfauffrischung sicherlich notwendig sein. Außerdem sind erst 20 Prozent der Weltbevölkerung geimpft." Bei seiner Entwicklung wurde das Präparat auf das Wuhan-Ausgangsvirus und die Beta-Variante aus Südafrika getestet. Da zeigt es eine sehr hohe Wirksamkeit. Gegen die neueren Varianten wird es sich erst beweisen müssen.

Statt eigener Erfolge Hilfe für die Konkurrenz

Sanofi ist der umsatzstärkste Phamakonzern in der Europäischen Union und einer der größten Impfstoffhersteller weltweit. Frankreich setzte große Hoffnungen auf das Unternehmen im Kampf gegen SARS-CoV-2. Mit der Europäischen Kommission wurde Ende 2020 eine Vorbestellung von 300 Millionen Dosen ausgehandelt.

Eigentlich sollte der Impfstoff, der mit einer klassischen proteinbasierten Technologie entwickelt wird, bereits Anfang des Jahres kommerzialisiert werden. Aufgrund technischer Fehler kommt es noch immer zu Verzögerungen; das Präparat zeigt sich weniger effizient als erwartet. Anstatt eine Vorreiterrolle einzunehmen, hinkt Sanofi hinterher und hilft seinen Konkurrenten BioNTech/Pfizer bei der Abfüllung ihres äußert erfolgreichen mRNA-Vakzins, das auf einer neuartigen Technologie beruht. Es erhält - vereinfacht gesagt - nicht mehr fertige Bestandteile des Erregers, sondern die Baupläne.

Der Pharmariese Sanofi, einst der ganze Stolz der französischen Wirtschaft, hat einen erheblichen Image-Schaden erlitten. Das französische Wirtschaftsmagazin "Challenges" spricht von einem Fiasko und stellt sich die Frage, wie dies ausgerechnet im Land von Impfpionier Louis Pasteur passieren konnte. Sanofi-Gewerkschafter Thierry Bodin sieht das ähnlich: "Auch für die Mitarbeiter kam dies einer Katastrophe gleich, wir hatten den Eindruck, wir von Sanofi sind die Loser."

Schwerfällig, zögerlich und wenig visionär

Für Gesundheitsökonom Frédéric Bizard gibt Sanofis Verspätung im Wettrennen um den Impfstoff Aufschluss über massive Probleme bei der Firmenstrategie. "Es fehlt dem Unternehmen an einer Vision. Sanofi ist wie ein Riesentanker, der sehr schwerfällig manövriert."

Das Unternehmen wurde 1973 als Tochtergesellschaft des Ölkonzerns Elf gegründet. Damals produzierte Sanofi neben Pharmazeutika unter anderem Saatgut und Kosmetika. Im Jahr 2004 fusionierte Sanofi mit dem deutsch-französischen Konkurrenten Aventis und wurde zum damals drittgrößten Pharmaunternehmen der Welt.

Konzentration auf rentable Sparten

Sanofis Priorität ist es, sich auf dem Markt möglichst rentabel aufzustellen. Der Konzern zieht sich aus rückläufigen Sparten zurück - wie etwa der Forschung zu Alzheimer, Parkinson und Diabetes - und fokussiert sich auf die gewinnträchtigen Bereiche der Onkologie, Immunologie und der Impfstoffentwicklung.

Die Firmenstrategie ist wenig risikofreudig. Auch deshalb setzt der Konzern bei der Covid-19-Impfstoffentwicklung in erster Linie auf die durch die Grippeimpfung bereits erprobte klassische Technologie. Zwar arbeitet Sanofi gemeinsam mit dem amerikanischen Biotech-Unternehmen Translate Bio auch an einem neuartigen mRNA-Impfstoff; einen genauen Zeitplan für eine eventuelle Kommerzialisierung gibt es allerdings noch nicht.

Gefährden Umstrukturierungen den Erfolg?

Nicht nur das verfehlte Ziel im Rennen gegen das Coronavirus macht dem Image des Pharmakonzerns zu schaffen. Schon seit vielen Monaten ist Sanofi aufgrund ständiger Stellenkürzungen in den Schlagzeilen. Denn die mangelnde Risikobereitschaft und die häufigen Umstrukturierungen bringen auch regelmäßige Sozialpläne mit sich. Seit 2008 hat der Konzern 2500 Stellen im Bereich Forschung und Entwicklung gestrichen, zuletzt wurden 364 weitere Stellenkürzungen bis 2022 angekündigt. Und das, obwohl der Konzern finanziell bei bester Gesundheit ist. Allein im Jahr 2020 fuhr er einen Nettogewinn von 12,3 Milliarden Euro ein.

"Durch den unklaren Kurs und die andauernden Umstrukturierungen haben wir an Expertise verloren. Das hat auch Auswirkungen auf die Qualitätskontrolle", so Gewerkschafter Bodin. So ist die Verzögerung der Impfstoffentwicklung gegen das Coronavirus auf falsch dosierte Antigene zurückzuführen, die die Wirksamkeit verringerten. Das Impfpräparat musste neu zusammensetzt werden und die Testphasen von vorne beginnen. Das sollte einem Veteranen der Impfstoffentwicklung wie Sanofi eigentlich nicht passieren.

Viel Bürokratie, wenig Anreize

Hinzu kommt laut Ökonom Bizard, dass das Unternehmen in einem schwierigen Umfeld angesiedelt ist. "In Frankreich wird zu wenig in Forschung und Entwicklung investiert, außerdem ist das Land viel zu bürokratisch organisiert. Klinische Studien beispielsweise unterliegen sehr langwierigen Fristen, weshalb sie bei der Entwicklung des Covid-19-Vakzins in den USA durchgeführt werden mussten."

Die Förderung von privatwirtschaftlicher Forschung und Entwicklung wird in Frankreich zum größten Teil automatisch durch Steuergutschriften und damit wenig gezielt vergeben. Das Gehalt französischer Forscher liegt rund 63 Prozent unter dem Durchschnitt der OECD-Länder, und die öffentliche Förderung für Grundlagenforschung ist zwischen 2011 und 2018 um mehr als ein Viertel gesunken.

Mit mRNA zurück an die Spitze?

Nach dem Misserfolg des französischen Corona-Impfstoffs hat Präsident Emmanuel Macron einen milliardenschweren Investitionsplan für Forschung und Entwicklung angekündigt. Und auch Sanofi gibt Vollgas. Vor wenigen Wochen gab der Konzern bekannt, massiv in die Entwicklung von mRNA-basierten Impfstoffen zu investieren. Insgesamt zwei Milliarden Euro sollen bis 2025 in die Entwicklung von sechs neuen Impfstoff-Kandidaten fließen. Schließlich hat sich die mRNA-Technologie in der Pandemie bewiesen. Wenn dies gelänge, könnten Sanofi und damit auch Frankreich bald wieder ganz vorne mitspielen - wenn auch vielleicht etwas schwerfällig. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Januar 2021 um 09:12 Uhr.