Ryanair-Chef Michael O‘Leary
Porträt

Ryanair-Chef O'Leary wird 60 Enfant terrible der europäischen Luftfahrt

Stand: 20.03.2021 04:48 Uhr

Er ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen: Michael O'Leary, Raubein und Ryanair-Chef, wird heute 60 Jahre alt. Ein Porträt des Enfant terrible der europäischen Luftfahrt.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Als schüchtern kann man Michael O'Leary sicher nicht bezeichnen. Der Boss von Ryanair setzt auf Angriff, spricht häufig in Bildern und gibt sich in der Regel überaus selbstsicher: "Man hat nie genug Wettbewerb. Wettbewerb ist gut für die Verbraucher. Aber es ist ein bisschen, als wenn man die Ebbe abwartet und sieht, wer schwimmen kann, und sieht, wer eine Badehose trägt und wer nackt ist. Wir tragen Ganzkörperanzüge bei Ryanair."

Imke Köhler ARD-Studio London

Mit unkonventionellen Mitteln in die Gewinnzone

Im wahren Leben trägt O'Leary selten Anzüge, er liebt eher den unkonventionellen Auftritt, auch wenn der inzwischen nicht mehr ganz so spektakulär ist wie er etwa 2003 war, als O'Leary mit einem Panzer vor den Hauptsitz von EasyJet fuhr, um dem Konkurrenten und der Welt mitzuteilen, dass EasyJets Preise zu hoch seien. O'Leary, dessen Vermögen das Forbes-Magazine 2018 auf 1,1 Milliarden US-Dollar schätzte, hat sich in der Luftfahrtbranche nicht nur Freunde gemacht, aber unter ihm ist Ryanair zur Case Study für BWL-Studenten geworden, hat der Ire dem Unternehmen mit seiner aggressiven Preispolitik doch ein phänomenales Wachstum beschert.

O'Leary, der selbst BWL und VWL studiert hat, wurde 1988 Berater des Ryanair-Gründers Tony Ryan. Zu dem Zeitpunkt war die Airline klein, regional und defizitär, aber das sollte sich unter O'Learys Einfluss ändern. "Kosten reduzieren", so lautete sein oberstes Gebot, verbunden mit der Devise: "Niedrigste Preise, keine Extras". Dass es für O‘Leary dabei kaum Tabus gibt, machte nicht zuletzt dieses Statement deutlich: "Wir haben drei Toiletten. Wenn ich die beiden hinten im Flugzeug beseitigen kann, können wir sechs weitere Sitzplätze schaffen. Mit sechs weiteren Sitzplätzen kann ich den Flugpreis für alle um fünf Prozent senken."    

Noch besser wäre es natürlich, wenn die Leute gar nicht auf Toilette gehen würden. Wenn man die Schlangen vor der Toilette verringern wolle, müsse man die Leute für den Gang zum Klo bezahlen lassen, so O'Leary, der seit 1993 Vorsitzender von Ryanair ist. O'Leary hat die Flotte schon früh auf einen einzigen Flugzeugtyp umgestellt und die Airline kostengünstige, eher abgelegene Flughäfen anfliegen lassen: Memmingen statt München, Weeze statt Düsseldorf. 2019 war Ryanair mit mehr als 152 Millionen Passagieren die größte Fluggesellschaft Europas.

Aggressive Werbung, aggressive Methoden

Ryanair fällt durch aggressive Werbung auf, seit einigen Jahren aber auch durch Streiks. Die hatte es in der 30-jährigen Unternehmensgeschichte nicht gegeben, bis O'Leary 2017 gezwungen war, Gewerkschaften zuzulassen. Viele Piloten waren mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden und hatten das Unternehmen verlassen, Ryanair musste Tausende Flüge streichen. Das sind nicht die Schlagzeilen, die O'Leary will - ansonsten provoziert er aber gerne welche: etwa, indem er seine Maschinen mit "Auf Wiedersehen Lufthansa" oder "Bye, bye Latehansa" beschriften lässt.

Im vergangenen April reagierte er auf die Frage, ob Lufthansa Staatshilfen bekommen sollte, mit den Worten: "Lufthansa ist wie ein Crack-Kokain-Junkie, der staatliche Hilfe will. Lufthansa bekommt doch schon für die Löhne und Gehälter große Unterstützung von der Regierung. Wofür brauchen die jetzt noch zehn Milliarden Staatshilfe? Wir haben doch gar keine hohen Kosten derzeit, wir sind ja alle zwangsgeparkt! Ich glaube, die sehen das als Chance, noch mal ganz viel Staatshilfe zu bekommen, so dass sie alle anderen aufkaufen können, wenn das hier alles vorbei ist."

Ryanair ist gegen seine Konkurrenten - konkret: gegen die Genehmigung staatlicher Coronahilfen für sie - vor Gericht gezogen. O'Leary wittert Wettbewerbsverzerrung. Aber heute kann der Manager, der auch Ehemann und Vater von vier Kindern ist, seinen Ärger vielleicht beiseiteschieben und einfach Geburtstag feiern.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. März 2021 um 05:33 Uhr und 09:35 Uhr.