Braunkohle-Kraftwerk, RWE Power AG Kraftwerk Niederaußem | picture alliance / Jochen Tack

Energiekonzern RWE zieht Braunkohle-Ausstieg auf 2030 vor

Stand: 04.10.2022 10:32 Uhr

Acht Jahre früher als geplant will der Energiekonzern RWE die Braunkohleverstromung beenden, und zwar schon 2030. Dadurch blieben rund 280 Millionen Tonnen Kohle in der Erde. RWE will massiv in erneuerbare Energien investieren.

Der Energiekonzern RWE will den Kohleausstieg um acht Jahre auf das Jahr 2030 vorziehen. Das sieht eine Vereinbarung auf Eckpunkte zwischen RWE, dem Bundeswirtschaftsministerium und dem NRW-Wirtschaftsministerium vor.

Durch die Entscheidung blieben rund 280 Millionen Tonnen Kohle in der Erde. Dadurch würde dann auch eine erheblichen Menge des Klimagases CO2 nicht mehr emittiert. RWE wolle zudem massiv in erneuerbare Energien investieren, um einen weiteren Beitrag zum Ausstieg aus der Kohle zu leisten.

RWE will bis 2030 weltweit mehr als 50 Milliarden Euro investieren, um die Energiewende zu beschleunigen. 15 Milliarden Euro seien für Deutschland vorgesehen, erklärte der Konzern. 

Personalabbau wird beschleunigt

Mit dem Kohleausstieg werde sich auch der Personalabbau zum Ende des Jahrzehnts "deutlich beschleunigen", erklärte das Unternehmen weiter. RWE versicherte, den Ausstieg "sozialverträglich gestalten" zu wollen. 

Deutschland will bis spätestens 2038 aus der Kohle aussteigen. Bereits 2020 wurden erste Braunkohlekraftwerke stillgelegt. 

Häuser in Lützerath sollen abgerissen werden

Einige von einem Abriss bedrohte Ortschaften sollen erhalten bleiben - Braunkohle unter der Siedlung Lützerath im Rheinischen Revier aber soll gefördert werden, teilte RWE mit.

Umweltschützer und Anwohner in der Region hatten darauf gehofft, dass Lützerath bleiben darf. Nun steht fest, dass die Häuser abgerissen werden.

Die Kohle unter der früheren Siedlung Lützerath, im unmittelbaren Vorfeld des Tagebaus, werde benötigt, um die "Braunkohlenflotte" in der Energiekrise mit hoher Auslastung zu betreiben und gleichzeitig ausreichend Material für eine hochwertige Rekultivierung zu gewinnen, teilte RWE mit.

Die erforderlichen Genehmigungen und gerichtlichen Entscheidungen hierfür lägen vor, alle ursprünglichen Einwohner hätten den Ort bereits verlassen. Umweltschützer hatten gefordert, dass die Braunkohle unter Lützerath nicht abgebaut wird. Der Tagebau ist in den vergangenen Monaten dicht vor den Ort gerückt.

Die Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath bleiben laut RWE erhalten. Die Bewohner müssen nicht umgesiedelt werden.

Lang: "Großer Erfolg"

Die Grünen-Co-Vorsitzende Ricarda Lang hat die Verständigung auf einen früheren Kohleausstieg als "großen Erfolg" für den Klimaschutz bezeichnet. Lang sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Der Kohleausstieg im Rheinischen Braunkohlerevier ist beschlossene Sache, er wird um ganze acht Jahre vorgezogen. Die Region wird zum Vorbild und zeigt: Der Kohleausstieg 2030 ist nicht nur notwendig, sondern möglich. Die heutige Einigung muss den Weg weisen für einen bundesweiten Kohleausstieg 2030."

Lang sagte weiter: "Indem wir früher aufhören, Kohle zu verfeuern, bleiben 280 Millionen Tonnen klimaschädlicher Braunkohle im Boden." Den Beschäftigten weise die geplante Umrüstung auf wasserstofffähige Kraftwerke "eine Perspektive für die Zukunft."

Grünen-Politiker Kellner: Zieldatum auch in Ostdeutschland

Auch der Grünen-Politiker Michael Kellner lobt das Vorhaben und fordert dasselbe Zieldatum auch für Ostdeutschland. "Jetzt gilt es, auch in Ostdeutschland das Ausstiegsziel 2030 anzupeilen", erklärte der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. "Es wäre fatal, wenn in Ostdeutschland ökonomische Zukunftschancen verspielt würden, weil die Ministerpräsidenten von SPD und CDU an dreckiger Kohle festhalten wollen."

FDP: "Erhebliche Risiken"

Aus der FDP hingegen kommt deutliche Kritik am geplanten früheren Kohleausstieg. Fraktionsvize Lukas Köhler sagte der Nachrichtenagentur dpa, der in der Koalition nicht abgestimmte Vorschlag von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zur Änderung des Kohleausstiegsgesetzes berge "erhebliche Risiken".

Der FDP-Energiepolitiker Michael Kruse betonte: "Politisch festgelegte Abschalttermine haben unser Energiesystem angreifbar gemacht, diesen dramatischen Fehler sollte Robert Habeck nicht wiederholen."

Köhler sagte, in der aktuellen Energiekrise habe die politisch beschlossene Stilllegung von Kraftwerken dazu geführt, dass die notwendigen Kohlekraftwerke erst viel zu spät wieder ans Netz gehen.

Damit der Kohleausstieg bis 2030 gelingen kann, müssten nicht nur die erneuerbaren Energien sowie die notwendigen Netze in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, sondern auch deutlich mehr flexible Gaskraftwerke als bisher. Auch wenn man alles daran setze, könne heute niemand mit Gewissheit sagen, dass alles exakt wie geplant gelingen werde.

Versorgungssicherheit wichtig

Aktuell sei die Versorgungssicherheit das Gebot der Stunde, erklärte RWE weiter. Deshalb sollen die zwei Braunkohlekraftwerksblöcke Neurath D und E in Nordrhein-Westfalen, die Ende des Jahres vom Netz gehen sollten, vorerst bis Ende März 2024 weiterlaufen.  

Damit soll die Versorgungssicherheit gestärkt und Erdgas im Strommarkt eingespart werden, wie das NRW-Wirtschaftsministerium mitteilte. Trotz des damit verbundenen Mehrbedarfs an Braunkohle in den nächsten 15 Monaten könnten weitere Umsiedlungen für den Braunkohleabbau sicher ausgeschlossen werden, hieß es.

Union: Notwendiger Schritt

Den geplanten Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken in NRW bezeichnet die Union als notwendigen Schritt - dem aber weitere folgen müssten. "Um eine Notlage abzuwenden und Preise zu begrenzen, müssen jetzt kurzfristig alle Möglichkeiten der Energieerzeugung genutzt werden", sagte Andreas Jung, klima- und energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Es passe aber überhaupt nicht zusammen, klimaschädliche Braunkohle bis 2024 zu reaktivieren, das "CO2-neutrale" Kernkraftwerk in Lingen aber zum Jahresende 2022 abzuschalten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Oktober 2022 um 10:00 Uhr.