Containerschiff im Hamburger Hafen | dpa

Dominanz der Reedereien Wer das Schiff hat, hat die Macht

Stand: 12.05.2022 08:11 Uhr

Bei Transporten nach Übersee ballt sich immer mehr Marktmacht bei den großen Reedereien. Deren Dominanz verärgert kleinere und mittlere Überseespediteure - ein Fall für Europas Kartellwächter?

Von Stefan Buchen, NDR

Krisen haben ihre Gewinner und Verlierer. In der gegenwärtigen Weltkrise, befeuert von Pandemie und Krieg, sahnen die großen Containerreedereien wie Maersk aus Dänemark, Hapag-Lloyd aus Hamburg und MSC mit Sitz in der Schweiz kräftig ab. Sie haben ihre Gewinne ungefähr verzehnfacht. Weil die Nachfrage nach Überseetransporten das Angebot an verfügbarer Schiffskapazität übersteigt, sind die Frachtraten explodiert. Das hat Milliardensummen in die Kassen der Reedereien gespült.

Dass sich Containerfrachter vor den Häfen stauen, treibt diese Entwicklung sogar weiter an. Denn Schiffe, die bis zu drei Wochen auf ihre Abfertigung warten müssen wie derzeit in der Deutschen Bucht, können keine neue Ladung aufnehmen. Das verringert die weltweite Ladekapazität weiter.

Preisexplosion bei den Transportkosten

Die gestiegenen Transportkosten werden an die importierenden Unternehmen und die Verbraucher weitergereicht. Die Allgemeinheit verliert, weil sie mehr bezahlen muss: Industriebetriebe zum Beispiel für importierte Vorprodukte, die Bürger für Lebensmittel und Kleidung. Nun meldet sich ein spezieller Verlierer aus der Transportbranche selbst: Überseespeditionen. Diese Unternehmen bringen Container etwa von Peking nach München. Der größte Teil der Strecke geht über See. Die Speditionen holen dafür Angebote von Reedereien ein.

"Für den Seetransport eines Containers aus China, der früher 2000 Dollar kostete, zahlen wir heute 12.000 bis 14.000", sagt Willem van der Schalk, der lange die Geschäfte der Hamburger Spedition Hartrodt führte und nun als Präsident dem europäischen Lobbyverband der Spediteure Clecat vorsteht, im Interview mit dem NDR. "Die Reedereien rechnen das mit uns ab. Sie diskutieren nicht mit uns. Es geht nach der Methode: take or leave it."

Sollen Spediteure vom Markt verdrängt werden?

Manche Reedereien scheinen für die Mitnahme von Containern Gebühren zu erheben, die es vor der Krise so nicht gab. Marktführer MSC übermittelte einem deutschen Spediteur im April etwa eine Gebührentabelle, die ab dem 1. Juni gelten soll. Das Dokument liegt dem NDR vor. Danach soll der Spediteur zum Beispiel eine pauschale "Container Compliance Fee" von 19 Euro je Container zahlen, die für "Reinigung und Reparaturen" von Import-Containern fällig wird.  Auf Anfrage teilt die Reederei MSC dazu mit, es sei "normal", wenn die Gebührenstruktur von Zeit zu Zeit der Marktsituation angepasst werde.

"Ja, die Raten sind hoch", räumt Hapag-Lloyd-Sprecher Nils Haupt im Gespräch mit dem NDR ein. "Das liegt daran, dass es keine Kapazitäten gibt. Wir suchen händeringend nach leeren Schiffen." Haupt versucht zu beschwichtigen: "Wir gehen davon aus, dass sich das in den nächsten Monaten ändert und die Raten nach unten gehen werden."

Dabei seien die hohen Frachtraten nicht das Hauptproblem, erklärt Spediteur van der Schalk und formuliert einen harten Vorwurf: Die Reedereien nutzten die Krise, um kleine und mittlere Spediteure aus dem Markt zu drängen und deren Geschäft an sich zu reißen. "Die Reedereien möchten die ganze Logistikkette von A bis Z selber abbilden. Sie möchten nicht mehr mit uns Übersee-Spediteuren zusammenarbeiten, sondern man möchte alle Dienstleistungen im eigenen Hause anbieten," so van der Schalk, der auch im Vorstand des Vereins Hamburger Spediteure sitzt.

Reedereien lassen Speditionen abblitzen

Die Reedereien scheinen den Spieß umdrehen und die Bedingungen auf dem Transportmarkt bestimmen zu wollen. Darauf deutet auch Geschäftskorrespondenz zwischen Spediteuren und Reedern hin, die dem NDR vorliegt. "Leider können wir für das kommende Jahr kein Angebot unterbreiten," heißt es in einem negativen Bescheid der Reederei Hamburg-Süd, die dem dänischen Branchenriesen Maersk gehört, aus dem Dezember 2021. Künftig habe man "keine Möglichkeit" mehr, den Spediteuren wie bisher Geschäfte anzubieten.

Auf Anfrage bestätigt ein Sprecher von Hamburg-Süd, dass manche Speditionen nun mit ihren Anfragen bei der Reederei abblitzen. Man verstehe, "dass unsere strategische Refokussierung auf Kundengruppen, die wir mit unserem persönlichen Service am besten bedienen, nicht überall begrüßt wird," so der Reederei-Sprecher in einem schriftlichen Statement. Spediteure könnten aber weiterhin auf einer Internetplattform des Mutterkonzerns Maersk Ladekapazität buchen. Auf eine ähnliche Buchungsplattform der Reederei verweist auch der Sprecher von Hapag-Lloyd.

Damit sei man aber den Reedereien vollkommen ausgeliefert, kritisiert Speditionsfunktionär van der Schalk. "Wir haben keine Gewissheit, wann unsere Container überhaupt mitgenommen werden. Die Container werden in den Häfen von den Reedern nur dann mitgenommen, wenn nicht höher bezahlte Ladung auf die Schiffe genommen werden kann." Kleinere und mittlere Spediteure sehen sich als Verlierer in einem Überbietungswettbewerb um knappe Ladekapazitäten.

Hohe Marktkonzentration, neue Wettbewerber

Wie dem auch sei, im Überseetransport ist unverkennbar ein Konzentrationsprozess im Gange. Acht Reedereien, zusammengeschlossen in drei Allianzen, beherrschen fast 90 Prozent des Weltmarkts. Jetzt dringen sie in das Geschäft kleinerer und mittlerer Speditionen vor. "Vertikale Integration" nennt man das. Unbeschadet bleiben die großen Spediteure wie Kühne & Nagel. Unternehmenspatriarch und Multimilliardär Klaus-Michael Kühne besitzt zudem über seine persönliche Holding 30 Prozent der Anteile an der Reederei Hapag-Lloyd.

Was da passiere, sei einerseits ein normaler Marktmechanismus, meint Logistikexperte Jan Ninnemann, Professor an der Hamburg School of Business Administration. Andererseits müssten Reedereien, wenn sie den Bogen überspannen, mit ganz neuen Wettbewerbern rechnen, so Ninnemann: "Lidl hat schon eigene Schiffe gechartert, und auch Amazon denkt über diese Option nach".

Hartes Durchgreifen der US-Behörden

Derweil zählen die Spediteure auf Unterstützung aus der Politik. Verbandspräsident van der Schalk hofft, dass die EU-Kommission sich die Reedereien in ähnlicher Weise vorknöpft wie die US-Administration dies tut. Präsident Joe Biden hatte den Containerreedereien im März Abzocke der amerikanischen Verbraucher und Unternehmen vorgeworfen und einen "Crackdown", ein hartes Durchgreifen, angekündigt. In den Vereinigten Staaten läuft ein kartellrechtliches Verfahren gegen die großen Containerreedereien, die im Verdacht stehen, ihre Transportraten miteinander abzustimmen.

Die "Federal Maritime Commission" FMC, Amerikas oberste Schifffahrtsbehörde, verhängte gegen Hapag-Lloyd bereits ein Bußgeld von 800.000 Dollar wegen überhöhter Gebühren, die die Hamburger Reederei einem Kunden in den USA für die angeblich verspätete Rückgabe von elf Containern auferlegt hatte. Die US-Behörde kam zu dem Schluss, dass die Gebühren gegen amerikanisches Recht verstoßen hatten.

Folgt die EU dem Beispiel der USA?

Spediteur van der Schalk lobt die USA: "Wir würden es sehr begrüßen, wenn die EU-Wettbewerbskommission sich dieser Untersuchung anschließt." Man beobachte die Reedereien im Licht der "erheblichen Preissteigerungen" sehr genau, teilt eine Sprecherin von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager dem NDR auf Anfrage mit. Die EU-Kommission stehe im Austausch mit der amerikanischen FMC und habe Fragenkataloge an die Reedereien geschickt, "um Fakten zusammenzutragen". Konzentrationsprozesse im Transportmarkt würden "je nach Einzelfall" untersucht.

Nach EU-Recht genießen die Reedereien eine sogenannte "Gruppenfreistellung", welche die Branche vor kartellrechtlichem Einschreiten schützt. Dieses Privileg gilt bis 2024. Eine Verlängerung werde, erklärt die EU-Kommission, rechtzeitig geprüft.

Über dieses Thema berichtete das "Hamburg Journal" im NDR Fernsehen am 11. Mai 2022 um 19:30 Uhr.