Vespa-Modelle stehen in einer Reihe | picture alliance / dpa

75 Jahre Vespa Piaggios vollelektrische Zukunft

Stand: 23.06.2021 08:15 Uhr

Seit 75 Jahren gibt es die Vespa, das beliebteste Produkt von Piaggio. Dank Corona brummt das Geschäft. Dennoch will sich der italienische Zweiradhersteller strategisch neu aufstellen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom, zzt. in Mailand

In der Via Broletto herrscht gute Laune. Am Mailänder Sitz von Piaggio, unweit des berühmten Doms, sitzt Maurizio Carletti in seinem Büro im dritten Stock und sprüht vor Optimismus. "Ich wünsche mir, dass dieses Jahr das Beste wird", sagt der Piaggio-Vizepräsident, "wir sind dabei, Ergebnisse in 2021 zu erreichen, die wirklich extrem bemerkenswert sind."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Die Zahlen der ersten drei Monaten des Jahres: Piaggio hat über ein Fünftel - 22 Prozent - mehr Fahrzeuge verkauft als im Vergleichszeitraum 2019 vor der Covid-Krise. Der Nettoumsatz ist der höchste seit 14 Jahren. Es herrschen goldene Zeiten für das Unternehmen.

Zweiräder in der Krise gefragte Alternativen

Ein Grund ist, dass Scooter und Motorräder gefragt sind in der Corona-Pandemie - als Alternative zur Bus- und Bahnfahrt. Unter anderem darauf hatten die Verantwortlichen von Europas größtem Zweiradhersteller gesetzt. Im Werk in Pontedera in der Toskana ließen sie während der Pandemie fast mit Volldampf weiterarbeiten, abgesehen von den Wochen des kompletten Lockdowns im Frühjahr 2020. Jetzt haben die Piaggio-Händler die Fahrzeuge, die nachgefragt werden.

Hinzukomme, sagt Analystin Monica Bosio, dass Piaggio von seiner vor Jahren eingeführten Plattform-Strategie profitiert, die Kosten senke. Das Ergebnis: Piaggio sei zurzeit in wirtschaftlich der "besten Situation" seit dem Börsengang 2006. "Ich würde sagen", meint Bosio, "dass sich das Unternehmen in bester Gesundheit befindet".

Bei der E-Mobilität noch Luft nach oben

Von der Höhe seines derzeitigen Erfolgs arbeitet das italienische Traditionsunternehmen an der vielleicht wichtigsten Zukunftsaufgabe: daran, den Anschluss an die E-Mobilität nicht zu verpassen. Im Markt der stromgetriebenen Scooter und Motorräder muss Piaggio Boden gut machen, hat Marktanteile nur im unteren einstelligen Prozentbereich. "Vielleicht gab es ein bisschen Verspätung. Aber Piaggio ist dabei, diese aufzuholen", meint Analystin Bosio.

Ein Grund der "Verspätung" sei, dass Piaggio seine Fahrzeuge immer preislich im oberen Teil des Marktes positioniert habe. Das gilt bislang auch für die neue Welt der E-Scooter. Mit einer stromgetriebenen Version der ikonischen Vespa ist Piaggio an den Start gegangen - und hat nur wenige Exemplare verkauft. Die E-Vespa ist fast doppelt so teuer wie einige Konkurrenzprodukte.

Kommenden Monat macht Piaggio nun den nächsten Anlauf und will in Europa den Verkauf seines neuen Elektro-Modells starten. Es heißt Piaggio One, wurde auf der Peking Auto Show vorgestellt und zielt auf den Elektro-Einsteigermarkt, der von Modellen mit einem Kaufpreis von bis zu 3000 Euro dominiert wird. "One erlaubt uns, in ein Preissegment zu gehen, das wir im Moment mit der Vespa nicht erreichen", sagt Vizepräsident Carletti, um selbstbewusst hinterher zu schieben: "Jetzt werden wir in diesem Segment vertreten sein, aber mit Piaggio-Qualität."

Der Ruf der Marke, europäische Produktionsqualität, das internationale, enge Netz der Händler- und Werkstätten sowie ein nun wettbewerbsfähiger Preis sollen Piaggio neuen Schub geben in der E-Mobilität.

Mit preiswerterem Modell den Sharing-Markt erobern?

Bislang rollt der Benzinriese Piaggio in der Elektrowelt noch hinterher. Auch weil sich Sharing-Dienste und Vermieter mit Piaggios kostspieliger E-Vespa schwertun. Dies könnte sich nun ändern, glaubt Analystin Bosio: "Mit der Piaggio One versuchen sie die Lücke zu schließen". Einen großen Teil des E-Scooter-Markts in Europa machten bislang Sharingdienste aus. Piaggio sei hier preislich nicht konkurrenzfähig. "Mit Piaggio One aber ist nicht auszuschließen", sagt die Analystin, "dass man auch auf diesem Markt wieder Präsenz zeigt."

Piaggio-Vizepräsident Carletti, im Vorstand zuständig unter anderem für Europa, schließt auf Nachfrage nicht aus, dass Piaggio mit seinem neuen Modell auch im Sharingbereich aktiv wird. Wieder aktiv wird - denn vor sechs Jahren haben sich die Italiener schon einmal im Scooter-Sharing-Geschäft versucht. Ein Modellprojekt mit Piaggio MP3-Rollern in Rom und Mailand wurde aber aus Kostengründen schnell wieder eingestellt, kurz bevor der weltweite Sharingtrend Fahrt aufnahm.

Standard-Wechselbatterie als Schlüssel zum Erfolg

Als entscheidend für die Zukunft der E-Scooter gilt im Hause Piaggio die Frage der Batterien. Die Verantwortlichen des italienischen Unternehmens träumen von E-Scooter-Tankstellen, an denen Fahrerinnen und Fahrer ihre Batterien nicht zeitaufwendig aufladen müssen, sondern eine fast leere Batterie schnell gegen eine volle eintauschen können. Dass Kundinnen und Kunden ihren Scooter eine halbe Stunde an einer Ladesäule aufladen, halten die Piaggio-Verantwortlichen für nicht realistisch. Er selbst, räumt Vizechef Carletti ein, werde schon unruhig, wenn er ein paar Minuten darauf waren muss, dass sein Vorgänger an der Tankstelle fertig wird.

Daher soll das Prinzip in der E-Zukunft lauten: Batterien aus seinem Scooter rausziehen, an einer E-Ladestelle in ein Fach stecken und eine andere, geladene Batterie herausziehen. Voraussetzung wären einheitliche Batterieanschlüsse in der Branche. Deshalb hat sich Piaggio für die Vision des Battery Swaps, des Batterietauschs an der Tankstelle, mit den Konkurrenten KTM, Honda und Yamaha in einem Konsortium zusammengeschlossen. Das Ziel: standardisierte Batterien für alle künftigen E-Scooter und E-Motorräder entwickeln.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juni 2021 um 17:21 Uhr.

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Moderation 23.06.2021 • 12:27 Uhr

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