Eine Pflegefachkraft hilft in der ambulanten Pflege einer Frau beim Umsetzen vom Bett auf einen Sessel. | dpa

Verdienst in Pflegeberufen Welches Gehalt wäre fair?

Stand: 30.12.2021 08:46 Uhr

Menschen, die in der Pflege arbeiten, sollen fair bezahlt werden. Aber was heißt das eigentlich konkret? Und wie könnte das später auch finanziert werden?

Von Marcel Heberlein, ARD-Hauptstadtstudio

"Faire Bezahlung" ist leichter gesagt als getan - und auch nicht so einfach zu berechnen. Ute Klammer, Soziologin an der Uni Duisburg, hat einen Ansatz geliefert, der in der Debatte um faire Löhne in der Pflege vielleicht helfen kann. Sie sagt: "Eine faire Bezahlung für eine Pflegekraft mit einer abgeschlossenen Ausbildung wäre ungefähr eine Bezahlung, wie sie heute ein Ingenieur bei uns erhält."

Marcel Heberlein ARD-Hauptstadtstudio

Auf Augenhöhe mit Ingenieuren

Klammer und ihre Mitstreiterinnen haben alle Berufe in einer Art Ranking danach verglichen, wie groß die Gesamtbelastung für die Beschäftigten ist. Das heißt: Welche Ausbildung braucht man für den Beruf? Welchen körperlichen und psychischen Belastungen ist man dort ausgesetzt? Und welche Verantwortung trägt man für Menschen oder Maschinen?

"Und wenn man das alles addiert und gewichtet - dafür gibt es etablierte Verfahren - kann man Berufe in bestimmte Gruppen einordnen", berichtet Klammer. "Das haben wir erstmals statistisch gemacht. Und da sehen wir eben deutlich, dass vergleichbare Berufe mit der Pflege zum Beispiel Ingenieursberufe wären."

Unterschiedliche Belastungen

Die Art der Belastungen ist unterschiedlich: Bei Ingenieursberufen schlägt vor allem die lange Ausbildung an der Uni zu Buche, die man dafür braucht und dass Ingenieurinnen und Ingenieure häufig Verantwortung für Maschinen tragen. Bei Pflegekräften fällt im Ranking ins Gewicht, dass sie oft körperlich und psychisch stark belastet sind, und dass sie Verantwortung für andere Menschen tragen.

In einer fairen Welt, so könnte man also auf Grundlage des Rankings argumentieren, müsste das Gehalt von Pflege-Kräften auf das von Ingenieuren angehoben werden. Laut Klammer haben Ingenieure in Deutschland ein Einstiegsgehalt von jährlich 51.000 Euro. "Das streut natürlich auch, aber das ist so ein Richtwert", sagt Klammer. Das entspräche gut 4000 Euro brutto im Monat für eine ausgebildete Pflegefachkraft.

Unterschiede in den Gehältern

Für viele Beschäftigte in der Branche hieße es: Bis zu 50 Prozent mehr Verdienst als bisher. Am stärksten würde wahrscheinlich die Altenpflege profitieren, denn da wird momentan oft nochmal schlechter bezahlt als im Krankenhaus. Auch sonst gibt es aktuell viele Unterschiede bei den Gehältern.

Sie hängen etwa davon ab, ob jemand bei einem privaten oder einem kirchlichen Träger angestellt ist. Und auch die Bundesländer spielen eine Rolle. Wenn alle gut 4000 Euro verdienen würden, wirft das schnell die Frage auch: Wie finanzieren?

Wer bezahlt?

"Wenn sonst nichts passiert, würde es zu höheren Beitragssätzen führen", sagt Heinz Rothgang, Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Bremen. "Alles andere müsste man ins System hinein reformieren. Und wir haben im Gesundheitsbereich schon einen Bundeszuschuss von Steuermitteln. Den könnte man erhöhen. Am Ende bezahlen wir es immer."

Vor allem die langfristige Betreuung im Pflegeheim müsste in einem "fairen" Zukunftsszenario anders finanziert werden, glaubt Rothgang. Denn im gegenwärtigen System dürften höhere Löhne dazu führen, dass sich viele den Heimplatz dann nicht mehr leisten können.

Belastung würde steigen

Der Grund: Schon jetzt werden nicht alle Kosten für eine Pflege im Seniorenheim von der Pflegekasse übernommen. Steigende Löhne würden dazu führen, dass der Eigenanteil, also das, was Menschen selbst zuzahlen müssen, deutlich ansteigt, meint Pflege-Experte Rothgang.

Noch mehr Familien könnten sich dann entscheiden, die Angehörigen selbst zu Hause zu pflegen. Die Belastung für Familien würde also steigen. Wenn der Heimplatz dagegen erschwinglich bleiben soll, müsste auch an dieser Stelle wahrscheinlich der Staat einspringen und mehr Geld zuschießen. Egal, wie faire Löhne am Ende finanziert würden, die zweite große Forderung vieler Pflegerinnen und Pfleger würde sich damit nicht automatisch erfüllen: Die nach besseren Arbeitsbedingungen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Dezember 2021 um 06:48 Uhr.