Ein Bus und eine Stadtbahn fahren in Hannover nebeneinander | dpa

ÖPNV und Corona Mehr Aufwand, weniger Einnahmen

Stand: 09.12.2021 08:14 Uhr

In der Corona-Krise steht der Öffentliche Nahverkehr unter Druck. Die Fahrgastzahlen sind eingebrochen, 3G-Kontrollen bereiten Probleme. Finanziell sieht es im ÖPNV düster aus.

Von Jens Eberl, WDR

Jeden Tag sind 15 Millionen Menschen in Deutschland mit dem Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) unterwegs. Um die vierte Welle zu brechen, gilt die 3G-Regel auch in Bussen und Bahnen zusätzlich zur Maskenpflicht. Nun konnten die Verkehrsunternehmen erste Erfahrungen sammeln, und die sind überwiegend positiv. Die meisten Fahrgäste hätten sich darauf eingestellt, heißt es etwa aus Hamburg. Die Kontrollen erfolgen stichprobenartig im Rahmen der regulären Fahrkarten- und Maskenkontrollen. Ab dem 13. Dezember wird in der Hansestadt eine Vertragsstrafe in Höhe von 80 Euro fällig, wenn in den Bussen und Bahnen kein 3G-Nachweis erbracht werden kann.

Jens Eberl

Die meisten haben einen Nachweis dabei

Auch in München halten sich die Fahrgäste überwiegend an die 3G-Regelungen. Die Anzahl der Fahrgäste ohne einen Nachweis bewege sich im Promillebereich, heißt es bei den Verkehrsbetrieben MVV. "Die Kontrollen laufen gut, und in Summe läuft es besser als erwartet. Positiv ist, dass viele Fahrgäste 3G im ÖPNV als zusätzliche Sicherheit betrachten", so Stabsstellenleiter Martin Schenk. Der Personalaufwand sei gestiegen, da der MVV zusätzlich Personal für die 3G-Prüfung abstelle.

In Köln haben etwa 80 Prozent der Kontrollierten den Nachweis anstandslos vorgezeigt, mit den übrigen Fahrgästen entstanden Diskussionen etwa über die rechtlichen Grundlagen oder die Sinnhaftigkeit der neuen Regelungen, heißt es von den Kölner Verkehrsbetrieben. "Unsere Kolleginnen und Kollegen versuchen in solchen Fällen, Aufklärung zu leisten und deeskalierend zu handeln, um Eskalationen zu vermeiden. Sie können im äußersten Fall von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und Fahrgäste aus Bus oder Bahn verweisen. Bußgelder können sie nicht verhängen", so Sprecher Matthias Pesch.

Dafür sind meistens die Behörden zuständig. Bei den Leipziger Verkehrsbetrieben führen Polizei und Ordnungsamt die Kontrollen durch. Sie fahren mit den Ticketkontrolleuren in gemischten Teams in den Bussen und Bahnen mit. "Die überwiegende Mehrheit unserer Kunden hält sich vorbildlich an die geltenden Regeln", so Sprecher Marc Backhaus.

Geschulte Sicherheitsdienste müssen Kontrollen übernehmen

Der Betriebsvorstand der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Rolf Erfurt, weist darauf hin, dass die Kontrollen durch geschultes Personal der Sicherheits- und Kontrolldienste übernommen werden müssen. "Unser Fahrpersonal ist zum Fahren da, konzentriert sich ganz auf die sichere und zuverlässige Beförderung der Fahrgäste und kann die Kontrollen nicht zusätzlich übernehmen", so Erfurt. Auch in Berlin gibt es kaum noch Fahrgäste ohne 3G-Nachweis. Etwa 95 Prozent der Fahrgäste seien geimpft, genesen oder getestet unterwegs. Es werde stichprobenhaft im ganzen Netz kontrolliert.

Gut läuft es nach Angaben der Deutschen Bahn auch im Fernverkehr. Es wurden bereits rund 150.000 Reisende kontrolliert. Die ersten Erfahrungen: 99 Prozent der kontrollierten Fahrgäste im Fernverkehr beachten die neuen 3G-Regeln. Lediglich rund 200 Personen konnten keinen 3G-Nachweis erbringen und mussten den Zug verlassen. Der Anteil der Fahrgäste ohne mitgeführten 3G-Nachweis lag bei den Stichprobenkontrollen somit im Promillebereich. "Die neue 3G-Regel wird durch die Fahrgäste begrüßt und breit akzeptiert. Das zeigen unsere Kontrollen. Das ist ein wirklich gutes Signal, sowohl für die Pandemie-Bekämpfung als auch für unsere Mitarbeitenden in den Zügen. Auch für sie ist diese vierte Welle einmal mehr ein enormer Kraftakt", sagt Hans-Hilmar Rischke, Leiter Konzernsicherheit der Deutschen Bahn.

Massive Verluste im ÖPNV

Alle Verkehrsbetriebe haben massiv mit einbrechenden Fahrgastzahlen zu kämpfen. In Leipzig zum Beispiel sank die Fahrgastnachfrage zeitweise um 20 Prozent, das Angebot sei aber größtenteils gleich geblieben, damit auch die Mitarbeiter in Krankenhäusern, bei Polizei und Feuerwehr sowie Supermärkten weiterhin mobil seien. Im Jahr 2020 hatten die Verkehrsbetriebe LVB circa 100 Millionen Fahrgäste, etwa 56 Millionen weniger als 2019, wie das Unternehmen mitteilte. Auch in 2021 rechnen die LVB mit ähnlichen Fahrgastzahlen und einem Schaden von mehr als 20 Millionen Euro.

In Berlin lag die Nachfrage nach den Verkehrsmitteln bei ungefähr 70 Prozent im Vergleich zu 2019. Die BVG sei pandemiebedingt auch im Jahr 2021 mit einem dreistelligen Millionenbetrag belastet.

Bund und Länder stellen Milliarden zur Verfügung

Um die Verluste auszugleichen, hatten Bund und Länder für die Jahre 2020 und 2021 einen Rettungsschirm für die Nahverkehrsunternehmen beschlossen. Der Bund beteiligt sich danach an bis zu 50 Prozent der insgesamt entstehenden Schäden - mit Ausnahme von Ausgaben für zusätzliche Hygieneaufwendungen. Dazu stellt der Bund Mittel in Höhe von bis zu 3,5 Milliarden Euro bundesweit zur Verfügung.

Die Länder stellen zusätzliche Mittel zur Verfügung. So will die NRW-Landesregierung beispielsweise den Bus- und Bahnunternehmen Gelder bereitstellen, um zusätzliches Kontrollpersonal zur stichprobenhaften Überprüfung der 3G-Regel finanzieren zu können. Neben dem Ausgleich für die Hälfte der Schäden übernimmt das Land darüber hinaus zum Beispiel Kosten für den Einbau von Trennscheiben an den Fahrerarbeitsplätzen und in den Kundenzentren, so ein Sprecher des NRW-Verkehrsministeriums. Insgesamt betragen die Kosten in Nordrhein-Westfalen für beide Jahre rund 1,2 Milliarden Euro.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen rechnet bundesweit auch im kommenden Jahr mit Einnahmerückgängen in Milliardenhöhe. Der Verband forderte Bund und Länder auf, den Rettungsschirm weiterhin aufgespannt zu lassen, um die prognostizierten Verluste in Höhe von 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro auszugleichen. "Die vierte Corona-Welle rollt, und damit ist klar, dass die finanzielle Situation der Verkehrsunternehmen auch im kommenden Jahr angespannt bleiben wird", hatte VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff vor kurzem erklärt.

Über dieses Thema berichteten MDR Aktuell Fernsehen am 08. April 2021 um 19:30 Uhr und der NDR im Schleswig Holstein Magazin am 08.Dezember 2021 um 19:30 Uhr.