Spritze und Fläschchen mit Corona-Impfstoff des Hersteller Novavax | AFP

Vakzin-Hersteller Novavax Corona-Impfstoff, dritte Variante

Stand: 19.07.2021 08:21 Uhr

Novavax will bald die Zulassung seines Corona-Impfstoffs in Europa beantragen. Der US-Biotechkonzern stand einst am Rand der Pleite. Sein Vakzin unterscheidet sich deutlich von den bisher zugelassenen.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Bis vor einigen Monaten schien es, als sei das Impfstoff-Rennen entschieden und die Gewinner stünden fest. Aber noch immer hält die Corona-Pandemie die Welt im Griff, und noch immer bleibt die Nachfrage nach besonders wirksamen Impfstoffen hoch. Denn aus globaler Perspektive betrachtet gibt es viele ärmere Länder, die bisher nur einen Bruchteil der benötigten Impfdosen erhalten haben.

Der US-Biotech-Konzern Novavax hat im Juni eine Studie zur hohen Wirksamkeit des eigenen Impfstoffs NVX-CoV2373 vorgestellt. Bis September will das Unternehmen die Zulassung in der EU und den USA beantragen. In der EU läuft bereits seit Februar ein beschleunigtes Prüfverfahren, das zu einer schnelleren Zulassung durch die zuständige Behörde EMA beitragen soll, sobald der eigentliche Antrag mit den vollständigen Daten vorliegt. Sollten die Behörden dann grünes Licht für den Impfstoff von Novavax geben, wäre das nicht nur ein Gewinn für das Unternehmen, sondern könnte sich auch für Entwicklungsländer als hilfreich erweisen.

Das Spike-Protein als Schlüssel zur Immunisierung

Der Impfstoff von Novavax NVX-CoV2373 gehört zu den proteinbasierten Vakzinen, die vor Corona und der Zulassung von mRNA-Impfstoffen als die modernsten galten. Auch bei seiner Wirkungsweise steht ein bestimmtes Oberflächen-Molekül des Coronavirus im Fokus, das sogenannte Spike-Protein. Die anderen Vakzine - sowohl die mRNA-basierten, als auch die Vektorimpfstoffe - enthalten genetische Informationen dieses Proteins, damit es das menschliche Immunsystem als Antwort auf die Impfung selbst produziert und in einer zweiten Immunantwort dann Antikörper dagegen ausbildet. In NVX-CoV2373 hingegen ist das Spike-Protein als synthetische Nachbildung bereits enthalten. Der Vorteil: Ein Schritt im menschlichen Körper wird gewissermaßen übersprungen - die Nachbildung des Proteins nämlich. Das Immunsystem kann quasi direkt nach der Impfung damit beginnen, Antikörper gegen das Spike-Protein des Coronavirus zu bilden.

Beim Novavax-Impfstoff fällt die Immunantwort des Geimpften allerdings weniger stark aus als bei den mRNA-Impfstoffen und den adenovirusbasierten Impfstoffen wie dem von AstraZeneca. Deshalb wird dem Vakzin ein sogenanntes Adjuvans zugesetzt, eine Art Katalysator, der nichts mit dem Wirkstoff selbst zu tun hat, dessen Wirkung aber verstärkt. Der Vorteil von NVX-CoV2373 besteht - wie bei allen proteinbasierten Impfstoffen - darin, dass er gut lagerfähig ist und in der Regel nicht tiefgekühlt werden muss. Weiterer Pluspunkt: Studien zeigen, dass gleichzeitig mit dem Novavax-Impfstoff auch eine Grippeimpfung verabreicht werden kann.

Comeback nach Misserfolgen

Für den im Jahr 1987 gegründeten Impfstoffentwickler aus dem US-Bundesstaat Maryland wäre die Zulassung von NVX-CoV2373 der größte und einzige Erfolg in der Konzerngeschichte. Der Corona-Impfstoff ist das erste Vakzin, das Novavax tatsächlich auf den Markt bringt. Dass die Entwicklung von Medikamenten misslingen kann, weiß man in der Novavax-Zentrale nur allzu gut. Ende 2019 hatte das Unternehmen praktisch vor der Pleite gestanden.

Neben einigen anderen Kandidaten für Medikamente im Verlauf der Unternehmensgeschichte scheiterte 2019 schließlich der Versuch, einen Impfstoff gegen ein Virus zu entwickeln, das die Atemwege insbesondere von Kleinkindern angriff. Das hatte Folgen. Für die Aktie bestand das Risiko, von den Kurszetteln der US-Technologiebörse Nasdaq genommen zu werden, Novavax musste sich von Produktionsanlagen und einem Drittel der Mitarbeiter trennen, um zu überleben.   


    

Operation "Warp Speed"

Aktuell ist das Unternehmen an der Börse wieder rund 14 Milliarden Dollar wert. Für Novavax war die Notlage der Pandemie und die damit zusammenhängende Jagd nach einem Impfstoff eine Chance, die das Unternehmen genutzt hat. Die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump stellte dem Biotech-Konzern im Rahmen des Projekts "Warp Speed" für die Entwicklung eines Vakzins 1,6 Milliarden Dollar zur Verfügung: Es war die größte Summe des rund vier Milliarden Dollar schweren Programms, mit dem die Regierung insgesamt sechs Impfstoffhersteller unterstützte. Von der Bill & Melinda Gates Foundation hatte Novavax zuvor Unterstützung in Höhe von fast 400 Millionen Dollar erhalten.

Mit rund zwei Milliarden Dollar auf der Habenseite lässt sich mit etwas Glück und Können etwas erreichen. Und anders als beispielsweise bisher beim deutschen Biotech-Konzern CureVac hat die Förderung von Novavax offenbar zum gewünschten Ergebnis geführt.    

  

Vor schweren Verläufen vollkommen geschützt

Nach einigen Verzögerungen hatte das Novavax-Management schließlich Mitte Juni ermutigende Daten zur Wirkung des entwickelten Vakzins publiziert. Das Mittel sei zu 90,4 Prozent wirksam, funktioniere ähnlich wie Grippeimpfstoffe und schütze zudem vollständig vor "moderaten und schweren" Krankheitsverläufen. An der Studie waren fast 30.000 Menschen in den USA und Mexiko beteiligt.

Nach der in den kommenden Monaten erhofften Zulassung in den USA und Europa soll nach Angaben von Novavax eine Produktion von 100 Millionen Impfdosen pro Monat möglich sein. Ab Ende 2021 plant Novavax monatlich 150 Millionen Dosen zu produzieren. Die EU hatte sich im Dezember 2020 bereits die Lieferung von 100 Millionen Impfdosen des Unternehmens vertraglich gesichert - plus Option auf weitere 100 Millionen Dosen.

"Umwerfende Daten"

"Die Daten sind umwerfend", zitiert das "Wall Street Journal" (WSJ) Kathleen Neuzil, Professorin für Vakzinologie an der Universität von Maryland, mit Blick auf die bisher veröffentlichen Ergebnisse zum Vakzin des Unternehmens. Neuzil unterstreicht, dass sich eine Impfung mit dem Novavax-Wirkstoff vor allem auch als "Booster" zur Erneuerung der Impfwirkung eignen könnte. Das seien großartige Neuigkeiten für die Welt, wenn man den dringenden Bedarf nach mehr Impfstoffen betrachte, meint die Expertin.

Denn die Jagd auf Nachschub bei den Impfstoffen ist ungebrochen. Auch in den Planungen der globalen Regierungen spielt Novavax eine Rolle. Wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jüngst mitteilte, plant etwa die Bundesregierung für das Jahr 2022 bereits mit dem Novavax-Impfstoff, von dem 16,3 Millionen Dosen beschafft werden sollen.

Hilfe für Entwicklungsländer

Vor allem aber könnte sich der Novavax-Nachschub positiv auf die Impfkampagnen von Entwicklungsländern auswirken. "Viele unserer ersten Dosen werden in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen gehen, und das war von Anfang an das Ziel", hatte Novavax-Chef Stanley Erck angekündigt.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass der Transport verglichen mit anderen Impfstoffen erleichtert ist, da eine Lagerung bei Kühlschranktemperatur ausreicht. Zum anderen wird Novavax 1,1 Milliarden Dosen für das globale Impfprogramm Covax bereitstellen, das die Weltgesundheitsorganisation WHO gemeinsam mit der Impfallianz Gavi und der Impfinitiative CEPI unterhält. Ziel des Programms ist es, die vorhandenen Impfstoffe auf der Welt so gerecht wie möglich zu verteilen und dafür zu sorgen, dass auch ärmere Staaten Zugang erhalten.

Über dieses Thema berichtete Brisant am 14. Juni 2021 um 17:15 Uhr.