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Impfstoff-Hersteller Wer hinter Novavax steckt

Stand: 21.02.2022 08:07 Uhr

Heute soll Deutschland die erste Impfstoff-Lieferung des Herstellers Novavax bekommen. Das neue Corona-Vakzin gilt als erster großer Erfolg des US-Unternehmens - nach einem langen Weg voller Rückschläge.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach erwartet heute die erste Lieferung des Corona-Impfstoffs von Novavax in Deutschland. 1,4 Millionen Dosen Nuvaxovid sollen hierzulande ankommen, sagte er am Freitag. Nächste Woche sollen nochmals eine Million Dosen folgen und danach "mit einer gewissen Verzögerung weitere Chargen". Insgesamt hat Deutschland für das laufende Jahr 34 Millionen Impfdosen bei Novavax bestellt.

Das Interesse an dem Vakzin scheint groß zu sein - offenbar auch deshalb, weil er anders ist als die bisher zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19. Das niedersächsische Gesundheitsministerium meldete bereits Anfang Februar knapp 6000 Menschen auf der Warteliste für das neue Vakzin. Auch in Rheinland-Pfalz registrierten sich allein am ersten Tag der Freischaltung etwa 5000 Interessierte für einen Impftermin mit Novavax. Mittlerweile sind es 10.000.

Corona-Impfstoff als erster großer Erfolg der Firma

Nach eigenen Angaben hat die US-Firma, deren Vakzin im Dezember in Europa zugelassen wurde, mit diversen Abnehmern Lieferverträge abgeschlossen. Das Volumen belaufe sich demnach auf rund zwei Milliarden Dosen, davon 110 Millionen Dosen in den USA und 430 Millionen Einheiten in weiteren westlichen Staaten.

Der proteinbasierte Impfstoff gegen Covid-19 ist der bislang einzige große Erfolg von Novavax. Doch wer steckt hinter dem neuen Hoffnungsträger? Welche Projekte hat das Biotech-Unternehmen noch? Und wie verlässlich sind die Liefervereinbarungen tatsächlich?

Geschichte voller enttäuschter Hoffnungen

Gegründet wurde Novavax 1987 in Gaithersburg im US-Bundesstaat Maryland. Chef der mit etwa 800 Mitarbeitern eher kleinen Firma ist Stanley Erck. Der 73-Jährige, ein Veteran des Vietnamkriegs, leitet die Firma seit mittlerweile mehr als zehn Jahren. "Novavax entwickelt bahnbrechende Impfstoffe, die einige der weltweit drängendsten Infektionskrankheiten bekämpfen", schreibt das Unternehmen auf seiner Website. Es konzentriert sich dabei neben Covid-19 auf die saisonale Grippe, das Respiratory Syncytial Virus (RSV), Ebola, MERS und SARS.

Novavax-CEO Stanley Erck | picture alliance / Kevin Dietsch

Stanley Erck ist der Chef des Impfstoff-Herstellers Novavax. Bild: picture alliance / Kevin Dietsch

Ercks Amtszeit war bisher vor allem von Rückschlägen geprägt. Schon oft versprachen die Amerikaner, die bahnbrechende Lösung gegen die genannten Krankheiten zu haben. Durchsetzen konnte sie sich nie.

2005 entwickelte Novavax einen Impfstoffkandidaten gegen SARS und 2012 einen gegen MERS. 2014 gab die Firma gemeinsam mit der University of Maryland School of Medicine Ergebnisse bekannt, die die Wirksamkeit der beiden Vakzine beweisen sollten. In die klinische Phase-1-Studie, in der Impfstoffe erstmals an Menschen getestet werden, schafften sie es dann aber nicht. Das gelang Novavax schließlich mit einem Ebola-Impfstoff. Doch auch dessen Entwicklung wurde letztlich nicht weiter verfolgt. Lediglich ein Impfstoff gegen die saisonale Grippe schloss alle klinischen Studien erfolgreich ab und befindet sich derzeit in der Zulassung.

Millionen-Unterstützung durch Gates-Stiftung

2015 bekam Novavax von der Bill and Melinda Gates-Stiftung einen Zuschuss in Höhe von bis zu 89 Millionen Dollar für die Arbeit im Bereich RSV. Der Impfstoff sollte bei schwangeren Frauen eingesetzt werden, um Säuglinge durch die mütterliche Immunisierung zu schützen. RSV ist die häufigste Ursache für Lungenentzündungen und Entzündungen der kleinen Atemwege in der Lunge bei Kindern unter einem Jahr. Erck kündigte ihn als "meistverkauften Impfstoff in der Geschichte der Impfstoffe" an. Doch auch dieser scheiterte.

Durch diese Fehlentwicklungen und den ausbleibenden Erfolg stand Novavax Ende 2019 kurz vor der Pleite. Ein Drittel der Belegschaft musste gehen. Um die Insolvenz zu vermeiden, musste die Firma gar eigene Produktionsanlagen verkaufen. Auch für die Aktie bestand das Risiko, von den Kurszetteln der US-Technologiebörse Nasdaq genommen zu werden. Ein weiterer Impfstoff gegen das RS-Virus befindet sich aktuell immerhin in der Phase-3-Studie. Wirklich verkauft hat Novavax allerdings noch nichts.

"Ansatz, niemals zu sterben"

Auch im vergangenen Jahr befand sich das Unternehmen deshalb noch in tiefroten Zahlen. Der Umsatz betrug 2021 etwa 475 Millionen Dollar, der Verlust mit 420 Millionen Dollar fast ebenso viel. Der erste proteinbasierte Corona-Impfstoff könnte das nun ändern: Analysten erwarten allein für das bisherige Bestellvolumen von zwei Milliarden Dosen einen Umsatz in zweistelliger Milliardenhöhe. "Novavax wird mit seinem Impfstoff in diesem Jahr einen weltweiten Umsatz von fünf bis sechs Milliarden Dollar erzielen", sagte Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment, jüngst der "Wirtschaftswoche".

2022 könnte das Unternehmen damit Schätzungen zufolge einen Nettogewinn von rund zwei Milliarden Dollar erzielen. Das Durchhaltevermögen könnte sich endlich auszahlen. Das sehen Fachleute ähnlich. "Ich bewundere ihre Hartnäckigkeit, ihre Ausdauer, ihren Ansatz, niemals zu sterben", so etwa Roger Pomerantz, früherer Topmanager des Pharmagiganten Merck & Co. und aktuell Chef der Biotechfirma Contrafect, im vergangenen Jahr gegenüber dem "Wall Street Journal".

Für die Entwicklung des Corona-Vakzins hatte die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump dem Biotech-Konzern 2020 im Rahmen des Projekts "Warp Speed" 1,6 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt - die größte Summe des insgesamt rund vier Milliarden Dollar schweren Programms. Zusätzliche 388 Millionen Dollar kamen von der internationalen Impfstoffallianz (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations, kurz CEPI). Anschließend lief es auch für die Aktie an der Nasdaq wieder rund. In nur einem Jahr konnte das Papier bis Februar 2021 satte 4970 Prozent auf knapp 320 Dollar zulegen. Seitdem befindet sich der Titel jedoch auf Achterbahnfahrt und ist aktuell nur noch rund 80 Dollar wert.

US-Zulassung lässt weiter auf sich warten

Denn auch die Entwicklung des Corona-Vakzins verlief schleppend - trotz klinischer Daten, die dem Impfstoff eine Wirksamkeit von knapp 90 Prozent bescheinigten. Verzögerte Studien und Zulassungsverfahren warfen Novavax im Wettbewerb mit BioNTech/Pfizer, Moderna oder Johnson & Johnson immer wieder zurück. Dabei wurde das Projekt NVX-CoV2373 zur klinischen Studie zeitgleich mit dem von BioNTech angemeldet. Doch die Probleme häuften sich: Bestellte Genproben kamen nicht an, Produktionspartner fielen aus, Probanden sprangen ab und Rohstoffe waren nicht verfügbar.

Nachdem Nuvaxovid zunächst lediglich in Indonesien und auf den Philippinen verimpft worden war, folgte zum Jahresende schließlich die Zulassung in der EU. Vor allem auf dem wichtigen US-Markt lässt sie dagegen weiter auf sich warten. Dort beantragte Novavax die Genehmigung erst Ende 2021 und damit fast ein Jahr später als ursprünglich angedacht.

Dazu kommt, dass in den USA die Freigabeverfahren der Aufsichtsbehörden auch davon abhängen, ob Firmen ihre Produkte ohne Einschränkungen liefern können. Das war nicht immer der Fall. Die möglichen Lieferprobleme sorgen weiterhin für Unsicherheit - auch in Deutschland.

Schafft Novavax den Durchbruch?

Novavax sei in der Vergangenheit mehrfach durch Hinweise aufgefallen, dass die Lieferungen nicht fristgerecht erfolgen könnten, sagte Gesundheitsminister Lauterbach am Freitag. Man sei aber im engen Austausch und er gehe davon aus, dass die Lieferung heute ankomme. Bis Ende März sollen nach Angaben des Ministeriums vier Millionen Dosen Nuvaxovid in Deutschland zur Verfügung stehen.

Durch seine vergleichbar geringe Mitarbeiterzahl hat Novavax einen strukturellen Nachteil. Im Gegensatz zu BioNTech hat das Unternehmen keinen Branchenriesen wie Pfizer an seiner Seite. Mittlerweile kooperiert die Firma zwar mit dem indischen Serum Institute - dem größten Impfstoff-Produzenten der Welt. Schwierigkeiten gibt es trotzdem.

Denn die Produktion von proteinbasierten Vakzinen gilt als komplex, da sie mithilfe von Zellkulturen in biotechnischen Anlagen erfolgt. Lange Zeit gelang es offenbar nicht, den Wirkstoff in der erforderlichen Reinheit zu produzieren. Die britische Analysefirma Airfinity schätzt, dass im gesamten Jahr daher nur etwas mehr als 400 Millionen Dosen verschickt werden können. Ob Novavax dieses Mal seinen lang ersehnten Durchbruch schafft, bleibt also abzuwarten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Februar 2022 um 09:00 Uhr.