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Wachstum stark abgebremst Netflix verfehlt seine Ziele

Stand: 21.04.2021 11:21 Uhr

Die Pandemie ließ Netflix zunächst boomen. Nun kommt die harte Landung des Streaming-Anbieters: Zuletzt konnten sich viel weniger neue Nutzer für seine Serien und Filme begeistern.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

In der Netflix-Serie "Bridgerton" beeindruckte die Protagonistin Daphne ihre Königin Charlotte so sehr, dass diese ihr jenes wichtige huldvolle Nicken der Zustimmung gab. So sehr Netflix aber auch mit "Bridgerton" auf einer Welle des Erfolges zu schwimmen schien - die Nutzer und Anleger zeigten sich Netflix zuletzt weit weniger zugetan.

Schlechtestes Quartal der Firmengeschichte erwartet

Das spiegelt sich in den Zahlen zum ersten Quartal eindrucksvoll wider, die Netflix am Dienstagabend nach US-Börsenschluss vorstellte: Demnach legte die Zahl der Abonnenten zum Jahresauftakt um vier Millionen auf knapp 208 Millionen zu - zwei Millionen weniger als erwartet.

Das laufende zweite Quartal dürfte sich den Berechnungen des Streaming-Dienstes zufolge zum schlechtesten Quartal der Firmengeschichte entwickeln: Netflix rechnet für die Monate April bis Juni nur mit einer Million neuer Nutzer weltweit - so wenig wie noch nie. Die Wall Street hatte bislang 4,4 Millionen neuer Abonnenten erwartet.

Netflix-Abonnenten-Zahlen Q1 2020 bis Q2 2021

Disney+ auf dem Vormarsch

Zum Vergleich: Im ersten Quartal 2020 konnte Netflix noch mit 15,8 Millionen neuer Nutzer punkten, im zweiten Quartal waren es 10,1 Millionen. Das war quasi auf dem Höhepunkt des Corona-Booms, als weltweite Lockdowns die Bürger in ihre eigenen vier Wände zwangen und viele mangels Alternativen zu "Couch-Potatoes" mutierten.

Doch die Attraktivität des Serienmarathons auf Netflix hat im Zuge der Corona-Pandemie merklich nachgelassen. Das liegt einerseits an pandemiebedingten Produktionsproblemen, andererseits an der wachsenden Konkurrenz, allen voran in der Gestalt von Disney+. Der Abo-Dienst des Unterhaltungsriesen Walt Disney konnte seit seinem Start mehr als 100 Millionen Abonnenten gewinnen - und hat damit bereits halb so viele Nutzer wie Netflix.

Es gibt wieder Alternativen zur Couch

Hinzu kommt: Im wichtigen Netflix-Heimatland USA sind mancherorts schon wieder mehr Freizeitaktivitäten, ja sogar Kinobesuche und damit Alternativen zum "Couch-Potatoe"-Dasein möglich. Vor diesem Hintergrund erscheint der Markt für Streaming-Angebote zunehmend gesättigt.

Die Netflix-Abonnentenzahlen sind ein Spiegelbild all dessen: Ausgehend vom Höhepunkt der Zahl neuer Nutzer im ersten Quartal 2020 (15,8 Millionen) ging es merklich bergab: Im zweiten Quartal waren es noch 10,1 Millionen, im dritten 2,2 Millionen. Im vierten Quartal schaffte Netflix mit 8,5 Millionen ein kleines Zwischenhoch, ohne jedoch den Topwert aus dem ersten Quartal übertreffen zu können.

Enttäuschung an der Börse

Die neuen Zahlen zum ersten Quartal und die düstere Prognose für das zweite Jahresviertel dürften nun all jenen Kritikern Recht geben, die der Meinung sind, dass das Wachstum seinen Zenit überschritten hat. Daran dürften auch die Zahlen zum Umsatz und Gewinn im ersten Quartal - 7,2 respektive 1,7 Milliarden Dollar - nichts ändern, mit denen Netflix die Erwartungen der Wall Street übertreffen konnte.

Die Anleger reagierten jedenfalls mit Enttäuschung auf die Zahlen: Im nachbörslichen US-Handel rauschte die Aktie um zehn Prozent in die Tiefe auf 491,50 Dollar. Dabei hatte die Börse die enttäuschende Geschäftsentwicklung bereits in Teilen vorweggenommen: Seit Juli 2020 tut sich nicht mehr viel bei der Netflix-Aktie. Für das laufende Jahr weist sie nur ein mageres Plus von 1,6 Prozent aus, während der marktbreite S&P 500 im gleichen Zeitraum zehn Prozent zulegen konnte.

Hoffen auf den Oscar-Boom

Ein Hoffnungsfaktor für den Streaming-Giganten aus dem Silicon Valley ist nun die Oscar-Verleihung am Wochenende. Netflix ist dort unter anderem mit "Mank" vertreten; David Finchers Hommage an das klassische Hollywood hat zehn Nominierungen eingeheimst.

Netflix-Serie Mank: Schauspieler Amanda Seyfried und Gary Oldman

Die Schauspieler Amanda Seyfried und Gary Oldman im Netflix-Film "Mank".

Neben "Mank" sind bei Netflix derzeit weitere aussichtsreiche Filme zum Streamen verfügbar, unter anderem "Ma Rainey's Black Bottom" mit Chadwick Boseman bei seinem letzten Auftritt und "The Trial of the Chicago 7", der die wahre Geschichte einer Gruppe von Demonstranten schildert, die sich im Jahr 1969 nach einem aus dem Ruder gelaufenen Kriegsprotest einem skandalösen Gerichtsverfahren in den USA stellen mussten.

Paramount hatte den Gerichtsthriller, der ursprünglich im Herbst 2020 in die Kinos kommen sollte, wegen der Pandemie an Netflix verkauft und dem Streaming-Unternehmen damit sechs weitere Oscar-Hoffnungen beschert. Insgesamt konnten Netflix-Produktionen in diesem Jahr 35 Oscar-Nominierungen einheimsen - so viele wie noch nie.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. April 2021 um 01:52 Uhr und 07:41 Uhr (in der Wirtschaft).