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Negativtrend gestoppt Netflix gewinnt wieder Abonnenten

Stand: 19.10.2022 08:24 Uhr

Wegen erfolgreicher Serien wie "Stranger Things" hat Netflix seine Nutzerzahl um 2,4 Millionen erhöht und seinen Kundenschwund vorerst gestoppt. Auch beim Ausblick übertraf der Konzern die Erwartungen.

Dank des Erfolgs von Serien wie "Stranger Things" und "Dahmer: Monster" hat der Streaming-Riese Netflix im dritten Quartal zum Nutzerwachstum zurückgefunden. Im Vierteljahr bis Ende September verbuchte das Unternehmen unterm Strich 2,4 Millionen neue Bezahlabos, wie es gestern nach US-Börsenschluss mitteilte. Damit erreichte Netflix im Jahresvergleich einen Kundenzuwachs von 4,5 Prozent und übertraf sowohl die eigene Prognose von rund einer Million neuen Nutzern als auch die des Finanzmarkts deutlich.

Die Aktie machte nachbörslich einen Kurssprung von über 14 Prozentpunkte. Zeitweise stiegen sie um bis zu 15,5 Prozentpunkte - so stark wie zuletzt vor knapp eineinhalb Jahren. "Gott sei Dank haben wir die Quartale mit Rückgängen hinter uns", sagte Netflix-Chef Reed Hastings angesichts des Kundenschwunds in der ersten Jahreshälfte. "Wir glauben, dass wir auf dem Weg sind, das Wachstum wieder zu beschleunigen", hieß es im Brief an die Aktionäre.

Hoffnung in neue Staffel von "The Crown"

Zum Quartalsende brachte Netflix es weltweit auf insgesamt gut 223 Millionen Nutzerkonten. Für das Gesamtjahr peilt der Konzern 4,5 Millionen zusätzliche Abonnenten an und setzt dabei große Hoffnungen auf die Zugkraft der fünften Staffel seiner Hitserie "The Crown" über die britische Royal Family zum Jahresende. Experten sagten bislang einen Zuwachs von 4,2 Millionen Kunden voraus.

Der Negativtrend scheint also zunächst beendet. In der ersten Hälfte des Jahres hatte Netflix 1,2 Millionen Kunden verloren, weil diese wegen der schwächelnden Konjunktur den Gürtel enger schnallten und der Druck von Konkurrenten wie Amazon Prime oder HBO wuchs. Etwa der US-Konzern Disney hatte mit seinen Streamingdiensten Disney+, Hulu und ESPN+ und beliebten Star-Wars- sowie Marvel-Serien bei der Zahl der Abonnenten zum bisherigen Marktführer aufgeschlossen. Beide hatten Ende Juni 221 Millionen Nutzerkonten.

Daher bietet Netflix nach langem Zögern für preissensible Kunden ab Anfang November ein werbefinanziertes Abonnement mit geringeren monatlichen Gebühren an. Dort sehen Zuschauer den Angaben zufolge etwa fünf Minuten Werbung pro Stunde. Andere Streamingdienste wie Disney+ oder HBO Max bieten Ähnliches bereits an oder stehen kurz davor. Das neue Angebot ziele aber eher darauf, Kunden zu halten oder zurückzulocken statt neue zu gewinnen, sagte Analyst Paolo Pescatore vom Research-Haus PP Foresight.

Auch Umsatz übertrifft Erwartungen

An das Wachstum vergangener Zeiten kommt der Netflix aber noch nicht wieder heran. Zum Vergleich: Im Schlussquartal 2021 gewann Netflix noch 8,3 Millionen neue Nutzer hinzu. Um sich im scharfen Wettbewerb zu behaupten, nimmt das Unternehmen viel Geld für Produktionen und Marketing in die Hand. So fiel der Nettogewinn im jüngsten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 3,5 Prozent auf 1,40 Milliarden Dollar (1,42 Milliarden Euro). Im laufenden Vierteljahr wird nur ein Ergebnis von 163 Millionen Dollar erwartet.

Immerhin scheinen sich die Investitionen auszuzahlen. Nicht nur die Nutzerzahlen und der Geschäftsausblick überraschten positiv, auch beim Umsatz übertraf Netflix mit einem Zuwachs um sechs Prozent auf 7,9 Milliarden Dollar die Markterwartungen. Für das laufende Quartal allerdings geht das Unternehmen von einem leichten Rückgang der Erlöse aus. Grund sei jedoch allein der starke US-Dollar, der Auslandseinnahmen nach Umrechnung in US-Währung schmälert.

Netflix stichelt gegen Wettbewerber

Im Geschäftsbericht leistete sich Netflix dieses Mal auch einen ungewohnten Seitenhieb an seine Rivalen, die bei der Jagd nach Marktanteilen im Streaminggeschäft mitunter tiefrote Zahlen in Kauf nehmen: "Wir schätzen, dass sie alle Geld verlieren." Insgesamt dürften der versammelten Konkurrenz 2022 operative Verluste von deutlich mehr als zehn Milliarden Dollar entstehen, während Netflix für sich selbst einen Betriebsgewinn von fünf bis sechs Milliarden erwarte.

"Unsere Wettbewerber investieren kräftig, um ihr Abonnentenwachstum und -engagement anzutreiben, doch ein großes und erfolgreiches Streaminggeschäft aufzubauen, ist hart", erklärte der langjährige Marktführer. Allerdings hat Netflix genug eigene Baustellen. Neben dem günstigeren Abo mit Werbung ab November soll im kommenden Jahr entschieden gegen die unerlaubte Mehrfachnutzung von Kundenkonten durch das Teilen von Passwörtern vorgegangen werden.

Derweil gehört die True-Crime-Thrillerserie "Dahmer - Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer" jetzt nach "Squid Game" und "Stranger Things" zu den drei meistgeschauten Netflix-Serien überhaupt. Die Serie sei in ihrer vierten Woche (10. bis 16. Oktober) weitere 122,8 Millionen Stunden gestreamt worden und komme seit ihrer Veröffentlichung am 21. September auf 824,2 Millionen Gesamtstunden, teilte Netflix zu Wochenbeginn mit. Damit schob sich "Dahmer" nun auch vor die fünfte Staffel der spanischen Serie "Haus des Geldes" und beide Staffeln der US-Historienserie "Bridgerton".