Screenshot aus dem Computerspiel Oxenfree | Oxenfree

Geschäftsfeld Videospiele Netflix will den Games-Markt erobern

Stand: 29.09.2021 10:58 Uhr

Netflix hat sich als Streaming-Pionier für Filme und TV-Serien einen Namen gemacht. Doch das reicht dem US-Konzern nicht mehr. Die Pläne zum Einstieg ins Geschäft mit Videospielen werden immer konkreter.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Fünf Teenager treffen sich nachts auf einer verlassenen Insel, um dort zu feiern. Was sich liest wie der Beginn eines Horrorfilms ist in Wahrheit der Einstieg in das Videospiel "Oxenfree". Das Debütspiel der 2014 gegründeten Firma Night School Studio ist ein übernatürlicher Thriller über eine Gruppe von Freunden, die unwissentlich einen Riss in die Geisterwelt öffnet. Schaurig ist dabei nicht nur die Story, sondern auch der Soundtrack.

Geht es nach Netflix, gehören Spiele wie "Oxenfree" bald zum Angebot der Streaming-Plattform. Der US-Konzern treibt seine Gaming-Pläne weiter voran und hat sich zu diesem Zweck nun die Indie-Videospielefirma Night School Studio zu einem nicht näher genannten Kaufpreis einverleibt.

Neue Videospiele als Teil des Abos

Zugleich hat Netflix mit dem Rollout von fünf mobilen Videospielen in ausgewählten europäischen Märkten begonnen. Die Titel "1984", "Stranger Things 3: The Game", "Card Blast", "Teeter Up" und "Shooting Hoops" sind nun auf Android für Netflix-Abonnenten in Spanien und Italien verfügbar. Die Spiele sind laut dem Unternehmen Bestandteil des Netflix-Abos - es fallen also keine Zusatzkosten an. Auch auf Werbung und In-App-Käufe will Netflix verzichten.

Netflix hatte bereits früher laut über einen Einstieg ins Videospiele-Geschäft nachgedacht. Kein Wunder, wird der Konzern doch auf seinem traditionellen Spielfeld, dem Streaming-Geschäft, von neuen Konkurrenten wie Disney+ und HBO Max stark attackiert.

Die fantastischen Wachstumsraten der früheren Jahre scheinen vor diesem Hintergrund nicht reproduzierbar zu sein. Die Gaming-Pläne des US-Konzerns spiegeln daher seine Ambitionen wider, sich durch Diversifikation seiner Geschäftsfelder breiter aufzustellen und sich zugleich stärker von der Streaming-Konkurrenz abzuheben.

Die Verantwortung liegt bei Mike Verdu

Dazu passt der Kauf von Night School Studio. Dazu passt aber auch diese Personalie: Erst im Sommer verpflichtete Netflix den Manager Mike Verdu als "Vice President of Game Development".

Verdu ist in der Gaming-Branche ein großer Name: Der Manager arbeitete unter anderem für Zynga, ehe er bei der weltweit zweitgrößten Spiele-Firma Electronic Arts die Mobile-Games-Abteilung leitete. Vor seinem Wechsel zu Netflix war Verdu bei Facebook für die Entwicklung von Titeln für die Virtual-Reality-Brille Oculus verantwortlich.

Mike Verdu | Netflix

Mike Verdu soll für Netflix die Türen auf dem Games-Markt öffnen. Bild: Netflix

Konkurrenz für Games Pass und Stadia Pro?

Doch wie genau die ersten Schritte von Verdu und Netflix auf das neue Gaming-Terrain aussehen werden, ist noch unklar. Die große Frage ist: Wie breit will sich Netflix im Spielesektor aufstellen? Geht es nur um die Entwicklung eigener Titel - oder wird Netflix auch Spiele anderer Hersteller in die Bibliothek aufnehmen?

Die Entwicklung eigener Spiele, angelehnt an erfolgreiche hauseigene Serien wie etwa "The Witcher" oder "Stranger Things", ist aus Sicht von Branchenkennern naheliegend und könnte sowohl von bestehenden Kunden als natürliche Erweiterung des angestammten Streaming-Geschäfts angenommen werden als auch neue Kundenschichten ansprechen.

Mit einer größeren, über die eigenen Spiele hinausgehenden Auswahl würde Netflix indes in Konkurrenz zu anderen Spiele-Abo-Anbietern treten. Bei Gaming-Abos stehen Spielern gegen eine monatliche Gebühr etliche Spiele zur Verfügung, die sie so lange spielen können, wie sie Geld zahlen. Zu den etablierten Anbietern auf diesem Markt gehören Google Stadia Pro, Xbox Games Pass und Playstation Now.

Vom Gejagten zum Jäger

Anders als einst mit seinem Streaming-Angebot wäre Netflix auf diesem Markt also nicht der Gejagte, sondern der Jäger. Es müsste sich auf einem Markt durchsetzen, auf dem die Kuchenstücke schon fürs Erste verteilt wurden - keine einfache Ausgangssituation für den Streaming-Pionier.

Fakt ist aber auch: Netflix mag in der Branche ein "Newbie", also ein Neuling, sein, ist aber gewiss kein "Noob" - so wird in der Gamer-Sprache ein nicht lernwilliger Anfänger bezeichnet. Denn Netflix hat sowohl die Fähigkeiten als auch das Geld, sich erfahrene Spieler wie Verdu ins Haus zu holen und von ihnen zu lernen. Das Videospiele-Abenteuer hat für Netflix gerade erst begonnen.