Nachzug "Nightjet" der ÖBB | dpa

Alternative zum Fliegen Nachtzüge boomen - ohne Deutsche Bahn

Stand: 08.06.2022 08:14 Uhr

Im Vergleich zum Fliegen sind Bahnreisen sehr klimafreundlich - und nachts derzeit gefragter denn je. Das freut ausländische Anbieter. Verschläft die Deutsche Bahn den Trend?

Von Joscha Bartlitz, hr

Zum Ende des Jahres 2016 rollte der letzte Nachtzug der Deutschen Bahn vom Gleis. Mit ihrer City Night Line machte die Bahn nach eigenen Angaben 30 Millionen Euro Verlust im Jahr. Ein als unrentables Nischengeschäft betrachteter Teil des Konzernangebots wurde eingestellt. Das deutsche Nachtzugnetz verschwand, eine große Lücke entstand.

Joscha Bartlitz

Kooperation mit ausländischen Partnern

Seitdem hat sich der Reisemarkt grundlegend verändert: Fünfeinhalb Jahre später boomt das Nachtzug-Geschäft, weil mehr und mehr Menschen auf klimafreundliches Reisen setzen. Zudem sind die Nachholeffekte nach zwei Jahren mit extremen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie groß. Verschläft die Deutsche Bahn hier eine Weiterentwicklung, besonders im Hinblick auf ohnehin schon schwer erreichbare Klimaziele in Deutschland?

Eine Bahn-Sprecherin antwortet hierauf mit einem klaren "Nein". "Wir sind aus dem Nachtzuggeschäft nie ausgestiegen", entgegnet sie auf Nachfrage von tagesschau.de. "Wir haben das Geschäftsmodell geändert und bieten Schlaf- und Liegewagen nun gemeinsam mit unseren europäischen Partnerbahnen an", heißt es vom DB-Konzern.

"Nachtzug kein Nischenprodukt"

Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) sprangen damals, 2016, mutig in die Bresche und bauten ihr eigenes Nachtzugangebot mit dem Nightjet weiter aus. Sie schafften, was der Deutschen Bahn misslang: Schlafwagen auch in Deutschland mit Gewinn zu betreiben.

"Für die ÖBB ist der Nachtzug kein Nischenprodukt", sagt der Verkehrsexperte Philipp Kosok von der Agora Verkehrswende. "Sie nehmen das Geschäft sehr ernst, haben in den letzten Jahren viele Erfahrung gesammelt, was Fahrgäste heutzutage erwarten, und etablieren sich gerade als führender Nachtzuganbieter in Mitteleuropa."

Zusammenarbeit auch mit anderen Nachbarn

Die verpasste Chance, dies selbst zu werden, betrachtet die Deutsche Bahn aus einem anderen Blickwinkel. "Wir haben gesehen: Wenn jeder ein bisschen Nachtzug betreibt, ist im Wettbewerb der Bahn mit Auto und Flieger nichts gewonnen," erklärt die Sprecherin.

Deshalb baue die Bahn ihre Nachtzug-Kooperationen mit den ÖBB, aber auch mit den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), Frankreichs SNCF und den Nederlandse Spoorwegen (NS) nun aus. Im vergangenen Dezember etwa gingen die beiden neuen Nachtzug-Strecken Wien-München-Paris und Zürich-Köln-Amsterdam an den Start. Anscheinend sieht also auch die Deutsche Bahn hier einen wachsenden Bedarf und Marktpotenzial.

Immer mehr Privatanbieter

Beides haben zahlreiche - vor allem ausländische - Privatunternehmen längst erkannt. Seit dem vergangenen Jahr bietet etwa der schwedische Nachtzugbetreiber Snälltarget Verbindungen von Berlin über Kopenhagen nach Stockholm an. Hinter dem Alpen-Sylt-Express mit Nachtzügen von Sylt nach Salzburg oder Basel steht das US-Unternehmen RDC. Und mit dem Urlaubsexpress bietet der größte deutsche Charterzug-Anbieter Nachtzugverbindungen etwa von der Schweiz zur Ostsee an, teils sogar mit Automitnahme. 

Jüngster Nachtzugbetreiber hierzulande ist GreenCityTrip aus den Niederlanden. Seit dem 25. Mai fährt das Start-up mit bisher einem einzigen Nachtzug mit 16 Waggons und 700 Schlafplätzen durch Deutschland. Nach erfolgreichem Betrieb in den Niederlanden seit vergangenem Oktober freut sich das Unternehmen nun über erste positive Rückmeldungen im boomenden deutschen Markt.

"Es läuft bisher richtig gut an", sagt Maarten Bastian, CEO und Mitbegründer von GreenCityTrip im Gespräch mit tagesschau.de. Bisher seien die Plätze "in etwa zu 95 bis 96 Prozent gefüllt", so Bastian. Der klare Fokus liegt auf Touristen, die nachhaltig reisen möchten. Per Schlafwaggon geht es zum Beispiel von Köln nach Venedig, von Dortmund nach Prag oder von Bad Bentheim nach Göteborg.

Der Urlaub beginnt am Bahnsteig

"Für unsere Gäste ist das Reisen mit dem Zug eine andere Erfahrung als mit dem Flugzeug. Sobald sie den Zug betreten, beginnt ihr Urlaub", sagt Maarten Bastian. "Sie können relaxen und ein Glas Wein trinken." Die Nachfrage nach den fünftägigen Reiseangeboten von GreenCityTrip, die zwei Nächte an Bord des Zugs und zwei Hotelübernachtungen einschließen, sei "extrem hoch," sodass das Start-up bereits plant, weitere Nachtzüge in Deutschland an den Start zu bringen. Bastians Ziel sind drei Züge pro Woche.

Etwas anderes, das die Deutsche Bahn nicht schaffte, ist dem jungen Unternehmen nach eigenen Angaben bereits gelungen. "Wir sind profitabel mit unserem Geschäft", betont der CEO. Und das, obwohl der deutsche Markt ein schwieriger sei, denn es gebe viele Baustellen und Infrastrukturprojekte in Deutschland, die den Betrieb von Nachtzügen erheblich verkomplizierten.

Teure Nutzung des Schienennetzes

Trotz eines steigenden Nachtzug-Angebots sieht auch Experte Kosok von der Agora Verkehrswende hier großen Handlungsbedarf. Das Schienennetz sei an vielen Stellen an der Kapazitätsgrenze, das Tempo des Ausbaus sei noch immer zu niedrig und das Budget der Bundesregierung dafür deutlich zu gering. Für Nachtzugunternehmen sind laut Kosok zudem "besonders die teuren Gebühren für die Nutzung des Schienennetzes in Deutschland ein großes Problem". Für die Fahrgäste und die Verkehrswende sei es dagegen "nicht entscheidend", ob ein Nachtzug von der Deutschen Bahn, der ÖBB oder einem anderen Unternehmen gefahren werde, sagt Kosok.

Nachtzüge trügen nur einen kleinen Teil zur Mobilitätswende bei, heißt es von der Deutschen Bahn. "Wenn wir mehr Menschen auf die Schiene bringen wollen, müssen wir viele und schnelle Verbindungen am Tag anbieten," erklärt die DB-Sprecherin. Trotzdem werden die europäischen Nachtzug-Kooperationen der Deutschen Bahn mit den ÖBB, den SBB und der SNCF derzeit weiter ausgebaut. Denn auch ohne eigene Nachtzüge will die DB die Wiederauferstehung der Nachtzug-Reisen in Deutschland dann doch nicht komplett verschlafen.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 16. Februar 2022 um 13:30 Uhr.