Eingangstür einer Sprechzimmers | dpa

Investorengetragene MVZ Wenn Gesundheit zur Geldfrage wird

Stand: 20.01.2022 08:06 Uhr

In Deutschland gibt es Tausende Medizinische Versorgungszentren. Hinter einem Teil von ihnen stehen private Investoren. Das heize die Kommerzialisierung im Gesundheitswesen an, sagen Kritiker. Andere fordern einen Qualitätswettbewerb.

Von Nikolaus Nützel, BR

Mehrere Ärzte und Ärztinnen unter einem Dach, als Rechtsform eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) - zum Beispiel eine GmbH: Dagegen hat der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Wolfgang Krombholz, grundsätzlich nichts einzuwenden. Für gefährlich hält er es allerdings, wenn private Investoren in MVZs einsteigen. Denn seiner Ansicht nach ist eines klar: "Investoren haben andere Gesetze, als ärztliches Tun als Ziel hat."

Nikolaus Nützel

Auch der Chef der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns, Christian Berger, warnt, dass bei MVZ, hinter denen Investoren stehen, die Umsatzoptimierung weit mehr im Vordergrund stehe als in traditionellen Praxen. Er kenne Berichte von Zahnärzten, die aus Medizinischen Versorgungszentren ausgestiegen seien, die dort bestimmte Umsatzvorgaben pro Monat gehabt hätten, sagt Berger. Und er habe Informationen, dass in investorengetragenen MVZ regelmäßig Gespräche zur "wirtschaftlichen Optimierung des Behandlungsverhaltens" geführt würden.

Schnell steigende Zahl von MVZ

Seit die Bundesregierung die Rechtsform des MVZ im Jahr 2004 eingeführt hat, ist ihre Zahl schnell gestiegen: auf inzwischen rund 4000. Mehr als ein Fünftel davon hat den Sitz in Bayern. Viele MVZ werden von Ärzten betrieben, andere von Krankenhäusern, andere wiederum von Aktiengesellschaften oder Finanzinvestoren, die Rendite für ihre Anleger zu erwirtschaften versuchen.

Die Vorsitzende des Bundesverbands der Betreiber medizinischer Versorgungszentren, Sybille Stauch-Eckmann, hält allerdings den Vorwurf für unbegründet, dass das Streben nach Rendite zu Lasten der Patienten gehe: "Der niedergelassene Arzt schaut sich ja auch am Monatsende seine betriebswirtschaftliche Auswertung an", argumentiert sie.

Beliebte Arbeitgeber

Und Günter Stalla, der Leiter des MVZ Medicover in München, stellt fest: Hinter der auf innere Medizin und Rheumatologie spezialisierten Großpraxis, die er leitet, steht zwar eine in Schweden ansässige Aktiengesellschaft. Doch auf seine Arbeit als Arzt habe das Gewinnstreben des Mutterkonzerns keinen Einfluss, betont der Medizinprofessor. Er müsse sich nicht um Finanzen kümmern, wie er es als Praxis-Chef müsste. Er verspüre keinen Druck der Leitung der Firma Medicover, sagt Stalla. Medicover betreibt vor allem in Europa, aber auch in Indien Krankenhäuser, Versorgungszentren und Labors.

Stalla sieht sowohl für Patienten, als auch für seine ärztlichen Kollegen viele Vorteile in der Rechtsform MVZ. Eine Großpraxis, wie er sie leitet, könne sich professionell um Qualitätsmanagement kümmern, also um eine bestmögliche Versorgung der Patienten. Vor allem für junge Ärztinnen und Ärzte, die oft das Risiko einer Praxisgründung scheuen und lieber als Angestellte arbeiten, seien MVZ eine gute Option. Nach Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung waren Ende 2020 insgesamt 23.640 Ärztinnen und Ärzte in MVZ beschäftigt, 21.976 davon als Angestellte.

Forderung nach Qualitätswettbewerb

Die Vorsitzende des MVZ-Verbandes, Stauch-Eckmann, fordert gleichzeitig mehr Diskussion darüber, wo Patienten am besten versorgt werden. "Der Wettbewerb um die Qualität muss das Entscheidende sein." Viele MVZ-Betreiber hätten Systeme aufgebaut, um die Behandlungsqualität zu messen. Sie müssten dabei keinen Vergleich mit traditionellen Praxen scheuen.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Krombholz, bleibt aber bei seiner Warnung: Das Interesse privater Investoren stehe oft im Gegensatz zum Interesse der Patienten. Immer öfter stünden hinter MVZ Investorengruppen, die ihren Sitz in Niedrig-Steuer-Gebieten wie den Cayman-Inseln oder den britischen Kanalinseln haben, sagt Krombholz. Alleine daran könne man schon erkennen, dass bei solchen MVZ-Trägern nicht das Interesse der Patienten im Mittelpunkt stehe, sondern finanzielle Interessen.

Unterstützung bekommt der KV-Chef von Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek. Der CSU-Politiker fordert ein schnelles Handeln von der Bundesregierung. Im Koalitionsvertrag steht allerdings nichts dazu. Die von der Union geführte Vorgänger-Regierung hatte jedoch auch keinen Anlass für grundlegende Gesetzesänderungen bei den MVZ gesehen.

Über dieses Thema berichtete Bayern 2 am 17. Januar 2022 um 06:05 Uhr.