Schriftzug der KölnMesse ist auf einer Messehalle zu sehen | picture alliance/dpa

Messebranche Langsame Rückkehr zur Normalität

Stand: 08.09.2021 12:04 Uhr

Publikumsmessen waren in der Corona-Pandemie lange ausgeschlossen. Trotz teils erfolgreicher Online-Formate ist die Branche nun froh, wieder Messen mit Besuchern vor Ort starten zu können. Sie fordert dabei politische Unterstützung.

Von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio

Morgen früh wird Gerald Böse im Badezimmer etwas länger brauchen. Der Vorstandschef der Kölner Messegesellschaft rasiert sich den Bart ab. Den hatte er sich wachsen lassen, seit die Pandemie seinem Unternehmen und der gesamten Branche die Geschäftsgrundlage entzogen hatte. Jetzt aber können auch in Köln wieder Besucher kommen - zur Ausstattungsmesse "Kind und Jugend", der ersten Veranstaltung seit der Süßwarenmesse vor eineinhalb Jahren. "Wir bekamen praktisch ab März letzten Jahres Berufsverbot und mussten uns gleichzeitig entscheiden, wie wir den Kontakt zu unseren Branchen aufrechterhalten", sagt Böse rückblickend. "Dann haben wir innerhalb von drei Monaten die erste digitale Gamescom auf die Beine gestellt." Was schon deshalb sportlich war, weil die Messebranche sonst in Jahreszyklen denkt und handelt.

Lothar Lenz ARD-Hauptstadtstudio

Digitalisierung kann Besucher nicht ersetzen

Die Computerspiel-Messe Gamescom mit ihren Hunderttausenden Besuchern ist eine der Cash Cows der Kölner Messe - und gerade sie schien für eine Digitalisierung wie geschaffen: In diesem Jahr verfolgten 13 Millionen Menschen die Streams vom virtuellen Spitzentreffen der Branche. Trotzdem bleibe die Kölner Messe nach der Zwangspause auf physische Besucher dringend angewiesen, erklärt der Chef der Messegesellschaft.

"Wir haben insgesamt bei einem Umsatz 2020 von 95 Millionen Euro 110 Milllionen Euro Verlust gemacht", rechnet Böse vor. Das in den vorangegangenen Jahren aufgebaute Eigenkapital "haben wir halbiert - und das wird sicherlich jetzt in 2021 noch ein ganz hartes Jahr werden".

Branche spricht von Milliardenschäden

Den anderen deutschen Messeplätzen ging es nicht besser. Immens seien die Corona-Verluste der Messewirtschaft, sagt Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Branchenverbandes AUMA. "Das ist ein wirtschaftlicher Schaden in unserem Land von 42 Milliarden Euro - und das bezieht wirklich all das ein, was durch die Messeveranstalter, aber eben halt auch durch die Logistiker,  Gastronomen, Hoteliers, Einzelhandel, lokales Handwerk entgangen ist." Deshalb müsse die Politik die Messebranche nun nach dem Neustart weiter stützen - durch planbare Hygieneregeln, und eine möglichst ungehinderte Einreise von ausländischen Messegästen zum Beispiel, sagt Holtmeier.

Für die FDP-Abgeordnete Sandra Weeser, gelernte Betriebswirtin und Obfrau im Wirtschaftsausschuss des Bundestages, zeigt die Messebranche exemplarisch, wie Corona viele Unternehmen in eine schwierige Kapitalsituation gebracht habe. Deswegen dürfe die kommende Bundesregierung die Wirtschaft nicht weiter belasten. Viele Branchen seien kaum in der Lage, fast im Wochenrhythmus neue gesetzliche Vorschriften umzusetzen, sagt Weeser.

Unternehmen wollen Präsenzmessen

Dass das Messegeschäft irgendwann vollständig virtuell wird, glaubt auch Holtmeier nicht. Besonders die Unternehmen spiegelten zurück, "dass sie ihre physischen Plattformen, ihre reale Präsenzmesse brauchen, gerade auch in den Branchen, wo es eben halt um Geschmack geht, um Geruch geht, um Tuchfühlung im wahrsten Sinne des Wortes geht - das alles kann man eben nicht digitalisieren, und deshalb ist es so wichtig, dass man sich persönlich trifft und persönlich begegnet."

Und was würde man sorgfältiger auswählen wollen als den neuen Kinderwagen oder die Zimmerausstattung für den Nachwuchs? Eine gespannte Besucherin kann der Kölner Messechef Böse gleich von zu Hause mitnehmen zur Eröffnung: "Meine Frau freut sich wahnsinnig auf die 'Kind und Jugend' - wie sie sich noch nie drauf gefreut hat." Denn der Bart ist ab - und die Messebranche findet zurück zur Normalität.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 08. September 2021 um 09:36 Uhr.