Zwei Lufthansa-Mitarbeiter in ver.di-Warnweste vor einem Flugzeug | dpa

Lufthansa-Bodenpersonal Die große Hoffnung heißt Tariffrieden

Stand: 03.08.2022 12:51 Uhr

Die Tarifverhandlungen zwischen der Lufthansa und ver.di über Lohnerhöhungen für das Bodenpersonal gehen in die dritte Runde. Naht eine Einigung oder kommt ein weiterer Streik?

Von Joscha Bartlitz, hr

Alle Blicke ruhen auf dem Treffen in einem großen Hotel am Frankfurter Flughafen, das heute Vormittag begonnen hat. Nicht nur die der Gewerkschaft ver.di, die nach dem Warnstreik des Bodenpersonals in der vergangenen Woche in den Tarifverhandlungen nun auf ein klares Entgegenkommen seitens der Lufthansa hofft; sondern auch die von Urlaubern und Business-Passagieren, die auf eine entscheidende Nachricht hoffen: die Abwendung weiterer Warnstreiks durch eine Tariflösung. Das wäre auch im Sinne der Airline, die Streiks eine Menge Geld kosten.

Joscha Bartlitz

Kompromiss statt Konfrontation?

Dabei ging ver.di zuletzt auf Konfrontationskurs. Vor genau einer Woche legte eine Vielzahl der rund 20.000 Beschäftigten des Lufthansa-Bodenpersonals von Mittwoch- bis Donnerstagmorgen einen Tag lang die Arbeit nieder. Die zwei größten deutschen Flughäfen in Frankfurt am Main und München waren dadurch weitgehend lahmgelegt. Mehr als 1000 Flüge fielen aus, etwa 134.000 Passagiere waren die Leidtragenden, darunter viele Urlauber.

"Wir hoffen, dass die Arbeitgeber das Signal verstanden haben und uns ein abschlussfähiges Angebot vorlegen," sagt ver.di-Verhandlungsführerin Christine Behle vor dem Beginn der neuen Tarifrunde gegenüber tagesschau.de. "Wir haben uns zwei Tage Zeit genommen und hoffen, in dieser Runde ein Ergebnis erzielen zu können. Das ist aber davon abhängig, ob die Arbeitgeber bereit sind, stärker auf uns zuzukommen," so die stellvertretende ver.di-Vorsitzende.

Die Arbeitnehmergewerkschaft fordert weiterhin eine einheitliche Lohnanhebung von 9,5 Prozent oder mindestens 350 Euro mehr im Monat für das Lufthansa-Bodenpersonal, also Mitarbeiter der Lufthansa AG Boden, Lufthansa Technik, von Lufthansa Cargo und anderen Töchtern des Unternehmens. Dazu zählen unter anderem Mitarbeiter des Check-in, aber auch Techniker und Logistiker, ohne deren Dienstleistungen die Flugzeuge nicht abheben können. Für sie will ver.di einen neuen Tarifvertrag mit einer Laufzeit von zwölf Monaten.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Die Lufthansa bot bisher dagegen eine Laufzeit von 18 Monaten an. Eine Annäherung scheint hier zumindest machbar. Etwas weiter entfernt liegen Arbeitgeber und -nehmer bei der monatlichen Gehaltssteigerung. Die Lufthansa will Festbeträge vereinbaren, die im unteren Vergütungsbereich zwar eine Steigerung von bis zu knapp 15 Prozent ausmachen, aber unter den von ver.di geforderten 350 Euro pro Monat liegen. In den oberen Gehaltsklassen fällt die prozentuale Steigerung zudem deutlich geringer als 9,5 Prozent aus.

Größter Kritikpunkt seitens ver.di: Die Airline will Steigerungen auch von ihrer eigenen Geschäftsentwicklung abhängig machen - was in der aktuellen Pandemie-Lage weitere Unsicherheiten mit sich bringt. "Das, was in der zweiten Runde als Angebot vorlag, war deutlich zu wenig," erläutert ver.di-Vertreterin Behle. "Zudem wollten die Arbeitgeber eine zweite Erhöhung nur ergebnisorientiert vornehmen. Das wäre jedoch ein Blankocheck der Beschäftigten und daher für uns indiskutabel."

Beide Seiten klingen kompromissbereit

Die Lufthansa ihrerseits sieht den Verhandlungen am Mittwoch und Donnerstag positiv entgegen. "Wir gehen optimistisch in die Gespräche mit der ver.di und sind zuversichtlich, dass wir gemeinsam Lösungen für die 20.000 Beschäftigten der Deutschen Lufthansa AG in den Verhandlungen vereinbaren können," heißt es im Statement von Lufthansa-Sprecher Martin Leutke.

Hinter den Kulissen schätzt man die Lage laut Informationen von tagesschau.de so ein, dass es in dieser Woche zu einer Lösung im Tarifstreit kommen dürfte, auch weil beide Parteien scheinbar in ihren Vorstellungen gar nicht so weit voneinander entfernt liegen. Und auch ver.di-Vizechefin Behle betont: "Selbstverständlich müssen in Verhandlungen immer Kompromisse von beiden Seiten eingegangen werden." Doch dafür müsse die Kranich-Airline ihr Angebot deutlich verbessern und sich bewegen, so Behle. "Das erwarten die Beschäftigten, die unter einem enormen Druck stehen, sowohl was die Arbeitsbelastung angeht als auch finanziell." 

Weitere Warnstreiks?

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) forderte beide Seiten vor den anstehenden Verhandlungen zu einer schnellen Lösung auf und erhöhte damit noch einmal den Druck. Anfang der Woche feierte ver.di bereits einen Erfolg, als die Gewerkschaft sich mit mehreren kleinen Abfertigungsunternehmen an deutschen Flughäfen auf Lohnerhöhungen für das Bodenpersonal von sogar bis zu 26 Prozent einigen konnte. Die Lufthansa dagegen befindet sich in einer schwierigen Gesamtlage, weil auch die Lufthansa-Piloten am vergangenen Sonntag nach festgefahrenen Tarifverhandlungen in einer Urabstimmung für Streik gestimmt hatten. Diesen versucht der Konzern aber noch zu verhindern.

Eine zeitnahe Lösung zwischen der Lufthansa und ihrem Bodenpersonal könnte zumindest für ein wenig Entspannung an den deutschen Flughäfen sorgen, auch für die vielen Reisenden in der Ferienzeit. Allerdings warnt ver.di-Verhandlungsführerin Behle: "Die Arbeitgeber haben es in der Hand, weitere Warnstreiks abzuwenden."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. August 2022 um 08:30 Uhr.