Fernlaster stehen auf einer Autobahnraststätte. | dpa

Hohe Spritpreise Existenzsorgen in der Transportbranche

Stand: 14.03.2022 16:29 Uhr

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine steigen die Energiepreise stetig an. Benzin und Diesel kosten schon deutlich mehr als zwei Euro pro Liter. Das Transportgewerbe fordert schnelle Entlastung.

Von Sandra Biegger, SWR

Die Autobahntankstelle im luxemburgischen Wasserbillig, kurz hinter Trier: An den Zapfsäulen drängen sich Autos und Wohnmobile. Die meisten kommen aus Deutschland. Nicht nur aus der näheren Umgebung, man sieht auch Autos mit Kölner oder Dortmunder Kennzeichen. Tanktourismus nach Luxemburg ist nichts Neues. Weil im Großherzogtum die Mehrwertsteuer niedriger ist und die Preise vom Staat gedeckelt sind, steuern traditionell viele deutsche Autofahrer die dortigen Tankstellen an.

Sandra Biegger

Tanken nur noch so viel unbedingt sein muss

So viel Trubel wie derzeit ist man aber selbst dort nicht gewohnt. Die Anreise und die Warterei an Zapfsäulen und Kassenhäuschen nehmen im Moment deutlich mehr Autofahrer gerne in Kauf. Wenn man den Liter Diesel in Luxemburg beispielsweise für mehr als 50 Cent günstiger tanken kann als in Deutschland, werden viele geduldig und gelassen.

Alles andere als geduldig und entspannt ist allerdings Christian Kau. Der Landwirt aus dem rheinland-pfälzischen Stockbornerhof macht sich ernsthaft Gedanken um die Zukunft seines Betriebes. Rund 35.000 Liter Diesel jährlich braucht Kau nach eigenen Angaben, um seinen Betrieb mit 150 Hektar Fläche und knapp 200 Nutztieren zu bewirtschaften. Traktoren, Mähdrescher, viele Maschinen in der Landwirtschaft laufen nur mit Diesel.

Normalerweise hat der 36-Jährige deshalb auch immer einen ordentlichen Vorrat davon auf dem Hof. Im Moment hat er aber nur so viel Treibstoff vorrätig, wie er unbedingt braucht - in der Hoffnung, dass der Dieselpreis in absehbarer Zeit vielleicht doch wieder sinkt. Ohne Zutun der Politik werde das aber nicht passieren, sagt Kau. 

"Unsere Rücklagen sind aufgebraucht"

Das sieht auch Timo Kröber aus Winningen an der Mosel so. Kröber hat ein Busunternehmen mit vierzehn Reisebussen. Die sind in ganz Europa unterwegs, im kommenden Jahr wird der Betrieb 70 Jahre alt. Mit der Aussicht auf das Jubiläum haben sich Firmenchef Kröber und seine rund 35 Mitarbeitenden durch die schwierige Coronazeit gekämpft, 2022 sollte alles wieder besser werden.

Und tatsächlich gibt es viele Reisebuchungen - nur kann Kröber wegen der gestiegenen Treibstoffpreise nicht mehr kostendeckend fahren. "Unsere Rücklagen sind aufgebraucht", sagt der Rheinland-Pfälzer. "Die gestiegenen Kosten können wir nicht von jetzt auf gleich an unsere Fahrgäste weitergeben. Wenn die Politik jetzt nicht die Steuern auf Benzin und Diesel senkt, war es das mit uns."

Nicht alle Kunden haben Verständnis

Ähnliche Gedanken treiben auch Roland Modschiedler aus Bobenheim-Roxheim im Süden von Rheinland-Pfalz um. Fragt man den Spediteur, wie es ihm derzeit geht, sagt er unumwunden: "Katastrophal". Der Pfälzer hat 60 Lastwagen, die deutschlandweit unterwegs sind. Sie transportieren unter anderem Fertighäuser und Betonkeller. Derzeit hängt Roland Modschiedler noch mehr am Telefon als sonst. Er versucht, mit sämtlichen Kunden neue Verträge auszuhandeln. Der Kalkulation der Preise für 2022 basierte auf einem Literpreis für Diesel von 1,60 Euro. Durch die Preisexplosion an den Tankstellen zahlt der Unternehmer derzeit für jeden gefahrenen Kilometer drauf.

Modschiedler sagt, viele Kunden hätten Verständnis für seine Situation und seinen Wunsch, bereits abgeschlossene Verträge an die aktuelle Preisentwicklung anzupassen. Es seien aber längst nicht alle. Und auch die, die willens seien, bräuchten Zeit: "Schließlich müssen auch die auch erst mal ihre eigenen Preise neu kalkulieren und ihre Kunden informieren." 

So schnell, wie die Tankkosten steigen, geht das aber nicht. Modschiedler sagt, erst am 1. April griffen die angepassten Verträge, die er in den vergangenen Tagen ausgehandelt habe. Zu spüren bekommen das dann am Ende auch die Verbraucher, etwa indem die Preise für Fertighäuser steigen, die die Spedition von Roland Modschiedler unter anderem ausliefert.

Wenn sie denn noch ausliefert. Im Moment ist sich der Pfälzer nicht sicher, ob seine Firma die derzeitige Situation überlebt. Im Moment macht der Unternehmer nach eigenen Angaben je 100 gefahrenen Kilometern ein Minus von rund 18 Euro. Durchschnittlich legt seine Lkw-Flotte pro Jahr sechs Millionen Kilometer zurück.

Warnung vor leeren Supermarktregalen

Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr kennt solche Sorgen zur Genüge. Er sagt, deutschlandweit gebe es in der Branche 47.000 Betriebe. Die meisten von ihnen seien kleine und mittelständische Unternehmen, die Gewinnmargen seien ohnehin nicht hoch. Die derzeitige Preisexplosion beim Treibstoff könne damit nicht aufgefangen werden.

"In Brandenburg hat eine Spedition in der vergangenen Woche bereits ihren Betrieb eingestellt", sagt Engelhard. Setze sich diese Entwicklung fort, könne es weitreichende Folgen haben. Engelhardt warnt: "Nur wenn auch kleine und mittelständische Transportunternehmen im Markt bleiben, ist unsere Versorgung sichergestellt. Ansonsten werden bald viele Supermarktregale leer bleiben."

Hilferuf an die Politik

Diese Gefahr sieht auch der Verein Mobilität & Logistik Rheinland-Pfalz (MOLO e.V.). Von Ministerpräsidentin Malu Dreyer fordert der Verein unter anderem, dass sich die SPD-Politikerin für verbilligten Gewerbediesel einsetzt. Außerdem kämpft er für eine finanzielle Unterstützung für Unternehmen, die beispielsweise Schüler, Kindergartenkinder und Behinderte transportieren. In einem offenen Brief heißt es: "Keine unternehmerische Kalkulation konnte die aktuellen Preissteigerungen beim Kraftstoff abbilden. Ohne eine Unterstützung durch die kommunale Familie schafft der Preisschock beim Diesel das, was zwei Jahre Corona-Pandemie nicht geschafft hat: Den Busmittelstand als auch die Taxi- und Mietwagenunternehmen in die Insolvenz zu treiben."

Dass die Politik reagieren will, hat sie bereits signalisiert. Finanzminister Christian Lindner von der FDP schwebt Medienberichten zufolge einen Tankrabatt vor, Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen will Bürgerinnen und Bürger mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen finanziell entlasten. Details sind in beiden Fällen noch nicht bekannt. Doch egal ob Pendler oder Unternehmen aus der Transportbranche - sie alle hoffen auf eine schnelle und spürbare Entlastung. Dann könnte es auch an den Tankstellen in Luxemburg kurz hinter Trier wieder etwas ruhiger werden.