Fernlaster stehen auf einer Autobahnraststätte. | dpa

Job für viele unattraktiv Omikron verschärft Lkw-Fahrer-Mangel

Stand: 18.01.2022 08:18 Uhr

Bundesweit fehlen Zehntausende Berufskraftfahrer. Die Omikron-Variante des Coronavirus hat die Lage verschärft. Dass der Job immer unbeliebter wird, hat viele Gründe.

Von Claudia Gimmer, BR

Michael Jahn ist seit 47 Jahren als Berufskraftfahrer für eine Bamberger Spedition unterwegs. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert, positiv wie negativ. Ein Fortschritt sind die immer besser ausgestatteten Fahrerkabinen und die Assistenzsysteme der Trucks. Negativ fällt ihm der Kampf auf der Straße auf - und um die Parkplätze. Dort muss Jahn befürchten, dass Diebe ihm nachts die Planen aufschlitzen und Ware stehlen oder dass Benzin abgepumpt wird.

Zeitnot und ständige Staus

Auch solche Risiken haben den Beruf unattraktiver für den Nachwuchs gemacht. Zudem herrscht Zeitnot, die Staus auf den Autobahnen nehmen zu. Ab Mitte 50 geht der Job an die Substanz der Fahrer. Bereits jetzt fehlen bundesweit bis zu 80.000 Berufskraftfahrer - und es werden immer mehr. Jedes Jahr gehen bundesweit rund 30.000 Berufskraftfahrer in Rente, nur 17.000 Berufseinsteiger folgen nach.

Der Erwerb des Lkw-Führerscheins kostet mehrere Tausend Euro. Früher konnte der bei der Bundeswehr gemacht werden. Die Vorschriften und die Bürokratie verschärfen sich zunehmend, das Image und damit die Wertschätzung der Berufsgruppe ist gering. Auch gibt es Probleme mit Sozialdumping vor allem in osteuropäischen Unternehmen.

Lieferketten unter Druck

Bereits im Frühjahr 2020 verschärfte sich der Fahrermangel zum ersten Mal aufgrund der Pandemie. Fahrer aus Osteuropa kehrten in ihre Heimatländer zurück, viele kamen nicht wieder, fanden Arbeit in anderen Ländern oder zu Hause. Jetzt fehlen viele, weil sie an der Omikron-Variante des Corona-Virus erkrankt sind.

"Glaubt man den Vorhersagen der Virologen, können erhebliche Teile des Fahrpersonals davon betroffen sein, und damit sind die Lieferketten zusätzlich unter Druck", sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterverkehr, BGL. "Wir kriegen immer wieder partiell Meldungen von Mitgliedsunternehmen, dass Fahrpersonal betroffen ist, noch nicht im massiven Bereich, sondern im einstelligen bis niedrigen zweistelligem Bereich."

In Bayern, so erklärt Spediteur Rüdiger Elflein, seien es bereits fünf bis zehn Prozent der Fahrer, die erkrankt seien. Das könne derzeit kaum kompensiert werden.

"Notstandsregionen" als Lösung?

Eine Möglichkeit sei nun die Einrichtung von Notstandsregionen, schlägt der BGL vor. Ähnlich wie bei den Krankenhausbelegungen würde danach Deutschland in verschiedene Regionen aufgeteilt werden. Sollte es dann bei den Gütern des täglichen Bedarfs zu einem Engpass durch den massiven Ausfall von Fahrpersonal in einem Unternehmen kommen, so könnten andere Unternehmen akquiriert werden, um die Versorgung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Als organisierende Stelle sieht der Verband das Bundesamt für Güterverkehr, das dann solche Fahrten umverteilen könnte. Dies sei schon jetzt ein Angebot an die Politik, so der Bundesverband.

Auch neue EU-Vorschriften tragen dazu bei, dass Fahrer aus dem Job aussteigen. Seit dem vergangenen Jahr gilt, dass Berufskraftfahrer ihre gesetzlichen wöchentlichen Pausen nicht mehr im Fahrzeug verbringen dürfen. Der Arbeitgeber muss eine Unterkunft zur Verfügung stellen. Oft werden jedoch vor allem bei osteuropäischen Speditionen die Unterbringungskosten von den Spesen der Fahrer abgezogen.

Kritik an Betrieben aus Osteuropa

Des Weiteren muss der Dienstplan eines ausländischen Lkw-Fahrers das Recht einräumen, nach vier Wochen nach Hause zu kommen. Doch das sei ein stumpfes Schwert, meint BGL-Vorstandssprecher Engelhardt, da es keine Verpflichtung sei.

"Das Bundesamt für Güterverkehr führt Kontrollen durch, und da wird regelmäßig festgestellt, dass zwischen fünf und zehn Prozent der Kapazitäten illegal unterwegs sind", sagt der Spediteur Elflein. Verantwortlich dafür seien meist osteuropäische Unternehmen. Würden die Wettbewerbsregeln eingehalten werden, so Elflein, könnte die Branche "höhere Preise durchsetzen und dadurch auch den Beruf attraktiver gestalten".

Neu ist ab Februar 2022 auch eine EU-Verordnung, die eine Rückkehrpflicht der Lkw ins Ursprungsland der Spedition alle sechs bis acht Wochen anordnet. Doch es mangelt an Kontrollen zur Überprüfung all der Regeln.

Kontrollen sind selten

Ukrainische, rumänische oder bulgarische Fahrer arbeiten weiterhin für wenig Geld. Monatslöhne von 300 bis 1500 Euro sind hier der Durchschnitt. Ob alle Vorschriften eingehalten sind, hat das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) im Jahr 2019 bei weniger als ein Prozent der Lastwagen auf deutschen Autobahnen überprüft.

"Hier plädieren wir dafür, dass das Personal beim Bundesamt für Güterverkehr weiter aufgestockt wird und dass die Kontrollen von Zoll, BAG und Polizei weiter intensiviert werden und wir so endlich wieder faire Wettbewerbsbedingungen auf deutschen Straßen bekommen", so BGL-Vorstandssprecher Engelhardt.

Der BGL schätzt, dass mittlerweile 40 Prozent des europäischen Transportmarktes von osteuropäischen Speditionen übernommen wurden. Die deutsche Transport- und Logistikbranche will mit höheren Löhnen für mehr Nachwuchs bei den Lkw-Fahrern sorgen. Doch die Kosten können bis jetzt kaum an die Auftraggeber weitergegeben werden - dafür ist die Konkurrenz zu groß.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2021 um 17:14 Uhr.