Ein Mitarbeiter des Autozulieferers ElringKlinger läuft an einem Lager für Produktionswerkzeug vorbei. | picture alliance/dpa

Engpässe bei Firmen Lieferprobleme zwingen zum Umdenken

Stand: 01.08.2022 08:14 Uhr

"Just in Time"-Produktion galt bei deutschen Unternehmen lange als Nonplusultra, Lagerhaltung hingegen als unwirtschaftlich. Angesichts gestörter Lieferketten müssen viele Betriebe umsteuern.

Von Moritz Hartnagel, SWR

Ein Berg Kisten, sorgfältig verschweißt. Ihr Inhalt: Einbauküchen. Sie sind ein Paradebeispiel dafür, wie die internationalen Lieferketten derzeit aus dem Takt geraten sind. Seit einem Vierteljahr stehen sie nun schon beim Logistikdienstleister Euro-Cargo-Logistik am Hamburger Hafen und blockieren dort Arbeitswege. Eigentlich hätten sie längst nach Mexiko weitertransportiert werden sollen. Doch Betriebsleiter Patrick Rauschenbach fürchtet, dass sie gar nicht mehr abgeholt werden. Nun beanspruchen sie dringend benötigten Platz. Das Verhältnis von Warenaufkommen zu Lagerplatz liege derzeit bei 90 zu zehn, sagt Rauschenbach.

Die Ursachen für die gestörten Lieferketten sind vielfältig: Container-Mangel, Lockdowns in China, fehlende Lkw-Fahrer, corona-bedingte Krankheitsausfälle, der Krieg in der Ukraine - und das alles bei einer gleichzeitig stark gestiegenen Nachfrage vor allem im E-Commerce. Während früher die durchschnittliche Lagerung eines Containers zwei bis drei Tage betrug, sind es mittlerweile sieben Tage. Das treibt auch die Transportkosten in die Höhe.  

Lagerhaltung statt "Just in Time"

Für Unternehmen, die darauf angewiesen sind, dass Vorprodukte und Rohstoffe pünktlich kommen, ist dieser Zustand eine Katastrophe. Das Unternehmen Munk aus Günzburg bei Ulm hat daraus nun Konsequenzen gezogen: Mehr Lagerhaltung ist die neue Devise.

Rund 400 Mitarbeitende stellen hier Leitern und Gerüste her, über 400.000 Leiterteile laufen jährlich von den Maschinen. Das Unternehmen Munk hat bereits seit Monaten mit Lieferengpässen zu kämpfen. Vor dem Ukraine-Krieg gab es vor allem Lieferengpässe bei Vorprodukten aus China - zum Beispiel beim Weichmacher, der für die Produktion des Leiterschuhs aus Gummi benötigt wird. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind vor allem Lieferengpässe bei Stahl und Schrauben das Hauptproblem.

Mehr Platz für Schrauben

Bei Munk denkt man nun um. Diese Woche weiht Inhaber Ferdinand Munk feierlich eine neue Halle ein, die er in den letzten Monaten für sechs Millionen Euro hat bauen lassen. In dieser Halle werden künftig Materialien und Vorprodukte wie Gummischuhe und Schrauben eingelagert, um bei Lieferengpässen Vorrat zu haben.

Noch vor Jahren wäre das undenkbar gewesen, denn lange Zeit galt "Just in Time"-Produktion mit möglichst wenig Lagerhaltung in der deutschen Wirtschaft als Maß aller Dinge. "'Just in Time' ist tot“, sagt Munk. Um die Produktion nicht zu gefährden, sei verstärkte Lagerhaltung dringend erforderlich.

Sicher geht vor billig

So wie hier ist bei vielen Unternehmen in den vergangenen Monaten die Erkenntnis gereift: Sicher produzieren ist wichtiger als billig produzieren. Neben verstärkter Lagerhaltung sind Diversifizierung der Lieferketten und Rückverlagerung der Produktion von Fernost nach Europa weitere Trends.

Die Lieferengpässe halten nun schon seit rund zwei Jahren an. Damit hätte kaum einer gerechnet, sagt Klaus Wohlrabe vom ifo-Institut in München. Im vergangenen Jahr seien viele Unternehmen davon ausgegangen, dass sich die Lieferengpässe innerhalb des nächsten Quartals auflösen - doch das hat sich als Irrtum erwiesen. Derzeit gingen die Unternehmen davon aus, dass die Lieferengpässe mindestens bis April 2023 erhalten blieben.

Lieferengpässe befeuern Inflation

Das treibe auch die Preise nach oben, sagt Experte Wohlrabe. Die Unternehmen könnten nicht das produzieren, was eigentlich nachgefragt wird. Knappes Angebot bei hoher Nachfrage führe dann automatisch zu steigenden Preisen. Dazu kommen noch die gestiegenen Energiepreise, die Unternehmen auch zum Teil an die Verbraucher weitergeben.

Immerhin: Die Inflation könnte ihren Höhepunkt bereits erreicht haben. Der Anteil der Unternehmen, die in den kommenden drei Monaten ihre Preise erhöhen wollen, hat laut einer ifo-Umfrage im zweiten Monat in Folge abgenommen. Dennoch plant derzeit immer noch knapp jedes zweite Unternehmen, die Preise zu erhöhen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin Plusminus am 27. Juli 2022 um 21.45 Uhr.