Mitarbeiter eines Lieferdienstes auf dem Fahrrad | dpa

Lieferdienst-Fahrer Der "knochenharte Job" der Kuriere

Stand: 29.08.2021 17:41 Uhr

Keine oder nur befristete Verträge, ständige Überwachung und schlechte Bezahlung: Viele Lieferdienst-Kuriere klagen über ihre Arbeitsbedingungen. Doch die werden immer mehr zum Wettbewerbsfaktor.

Von Till Bücker, tagesschau.de, und Bibiana Barth, ARD-Börsenredaktion

Lieferdienste haben sich in den vergangenen Jahren fest etabliert. Sie bringen Kunden innerhalb weniger Minuten ihre Wünsche nach Hause und schaffen dabei flexible Arbeitsplätze wie Minijobs. Doch es gibt eine Kehrseite: Auch bei Regen und Sturm müssen die Fahrer unter Zeitdruck Essen und andere Bestellungen auf dem Fahrrad ausliefern. Einer dieser sogenannten Rider war bis vor vier Jahren Orry Mittenmayer. "Der Alltag eines Riders ist ein knochenharter Job, man fährt zwischen 100 und 120 Kilometer am Tag. Da kommt man schnell auf fast 1000 in der Woche", erzählt er von seiner Zeit bei Foodora und Deliveroo.

Immer wieder stehen die Anbieter für ihre Arbeitsbedingungen in der Kritik. Vorgeworfen werden ihnen strenge Leistungs- und Verhaltenskontrollen und eine Bezahlung knapp über dem Mindestlohn. Fahrer hätten Kosten, weil sie ihre eigenen Fahrräder und Handys nutzen, erhielten aber allenfalls befristete Verträge. "Die befristeten Verhältnisse sorgen dafür, dass sich die Belegschaften zweimal überlegen, ob sie sich überhaupt organisieren und gegen die schlimmen Arbeitsbedingungen wehren wollen", so Mittenmayer im Gespräch mit tagesschau.de und der ARD-Börsenredaktion. Die Verträge für sechs Monate oder ein Jahr seien ein einfaches Instrument für die Arbeitgeber, "nervige Fahrer und Fahrerinnen loszuwerden".

Orry Mittenmayer | kathrinbiegner

Orry Mittenmayer ist Gründer der Initiative "Liefern am Limit" - und ehemaliger Lieferdienst-Kurier. Bild: kathrinbiegner

Auch Betriebsräte können dadurch verhindert werden. Deren Mitglieder sind zwar vor Kündigungen geschützt, nicht aber vor dem Vertragsende. Der Arbeitsvertrag von Mittenmayer, einst Vorsitzender eines Betriebsrats, den er selbst aufgebaut hat, wurde jedenfalls nicht verlängert. Gemeinsam mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und einem Kollegen gründete er schließlich die Initiative "Liefern am Limit", um die Öffentlichkeit auf Missstände hinzuweisen.

Schnelles Wachstum als Programm

Das Abendessen oder den Wocheneinkauf spontan auf einen Klick bestellen und in wenigen Minuten geliefert bekommen - das versprechen Dienste wie Lieferando, Foodpanda, Gorillas, Uber Eats, Wolt, Getir oder Flink. Die Geschäftsmodelle basieren auf der sogenannten "Plattformökonomie". Die Anbieter werben damit, dass sie Kunden das Leben leichter machen, indem sie die Produkte Dritter von A nach B bringen.

Das Ziel dabei ist, immer größer zu werden. "Man möchte möglichst viele Kunden haben, sodass man die Wettbewerber verdrängt", erklärt Daniel Saurenz von Feingold Research gegenüber der ARD-Börsenredaktion. Dafür nehme man den Preis immenser Verluste in Kauf. Denn die Fahrer, Wartezeiten, Lagerkapazitäten und zahlreiche Marketing-Aktionen, mit denen das Wachstum angekurbelt werden soll, bedeuten hohe Kosten.

Das zeigen auch die Halbjahreszahlen von Delivery Hero. Trotz einer Steigerung der Bestellungen um mehr als 80 Prozent stand unter dem Strich beim Unternehmen, das unter der Marke Foodpanda auch wieder auf dem deutschen Markt unterwegs ist, ein Verlust von 918,1 Millionen Euro. Ein Grund dafür: die massiven Investitionen in das junge Geschäftsfeld der schnellen Lieferung von Supermarktartikeln.

Investoren springen an

Damit will Konzernchef Niklas Östberg Startups wie Gorillas und Flink Konkurrenz machen. Diese erobern derzeit die deutschen Großstädte und begeistern Investoren. 290 Millionen Dollar Risikokapital sammelte Gorillas im März ein. Die Berliner Firma verlangt 1,80 Euro Liefergebühr und lockt Kunden mit Tiefstpreisen. Beim Rivalen Flink stieg zuletzt Supermarktriese Rewe ein.

Gerade in der Corona-Krise, in der Homeoffice und das Leben in den eigenen vier Wänden zum Alltag wurden, haben Lieferdienste Rückenwind bekommen. Allein während des ersten Lockdowns bestellten laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom fast 44 Millionen Deutsche ihr Essen online. Auch Einkäufe wurden immer mehr von zu Hause aus geordert.

Der Unternehmensberatung Oliver Wyman zufolge nahmen die Lebensmittellieferdienste im Jahr 2020 in Deutschland rund vier Milliarden Euro ein - mehr als doppelt so viel wie 2018. Bei einer stabilen Nachfrage sei in wenigen Jahren ein Marktvolumen von knapp neun Milliarden Euro möglich.

Demonstrationen und Streiks

Doch der Markt ist umkämpft. Um am Ende als Gewinner dazustehen, geben die Lieferdienste gigantische Summen aus und senken gleichzeitig die Gebühren - oft zu Lasten der Rider, häufig Menschen mit Migrationshindergrund, Studierende oder Solo-Selbstständige. "Die Arbeitnehmerinnen und -nehmer müssen sich teilweise die Arbeitsmittel wie Fahrräder und Handys selbst besorgen. Das kostet unglaublich viel Geld und höhlt den Mindestlohn effektiv aus", berichtet Mittenmayer. Darüber hinaus sei auch die Kontrolle der Rider sehr intransparent, so der Gewerkschafter. Viele fühlten sich überwacht.

Mittlerweile kommt es immer wieder zu Protesten. Im Juli etwa demonstrierten Kurier-Fahrer des Startups Gorillas. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) besuchte Beschäftigte und hörte sich die Vorwürfe an. Die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales leitete daraufhin ein Bußgeldverfahren wegen Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz ein.

Bundesarbeitsminister Heil im Gespräch mit Fahrern des Lebensmittellieferdienstes Gorillas in Berlin | dpa

Bundesarbeitsminister Heil im Gespräch mit Fahrern des Lebensmittellieferdienstes Gorillas in Berlin. Bild: dpa

Gorillas weist die Vorwürfe zurück. Man sehe sich selbst als guten Arbeitgeber. Delivery Hero, die laut Medienberichten vor einem Einstieg bei Gorillas stehen, will sich in Deutschland mit besseren Bedingungen von der Konkurrenz absetzen. "Ohne dass wir ein attraktiver Arbeitgeber für die Fahrer sind, wird unser Business-Modell nicht funktionieren", sagte Foodpanda-Chef Artur Schreiber dem "Handelsblatt". "Die Verhältnisse sind nicht bei allen Lieferdiensten gleich", gibt auch Mittenmayer zu.

Ein Versprechen von Lieferando

Lieferando, deutsche Tochter des niederländischen Branchenriesen Just Eat Takeaway und mit fast 12 Millionen Kunden Platzhirsch hierzulande, hat inzwischen angekündigt, seinen 10.000 Fahrradkurieren unbefristete Arbeitsverträge anzubieten. Das solle auch für neu eingestellte Mitarbeiter gelten. Man wolle mit diesem Schritt einen neuen Branchenstandard setzen, so Takeaway-Express-Chef Alexander Linden.

Gewerkschafter Mittenmayer begrüßt den Schritt: "Für die meisten Fahrerinnen und Fahrer macht es einen riesengroßen Unterschied, ob sie sich in befristeten Verhältnissen befinden oder nicht." Auch seien viele der Kuriere Migranten. "Die Aufenthaltserlaubnis ist zum Teil mit der Arbeit verknüpft. In dem Moment, wo der Vertrag ausläuft, können sie abgeschoben werden."

Konkurrenz um Personal

Doch ändert sich dadurch auch etwas am allgemeinen Arbeitsumfeld? "Ich persönlich denke eher nicht. Letztlich müssen die Rahmenbedingungen verändert werden", so der Gründer von "Liefern am Limit". Allerdings stehen die Unternehmen angesichts der großen Konkurrenz unter einem wachsenden Druck, Personal längerfristig an sich zu binden. "Die Gastronomie findet keine Leute mehr, und in der Konkurrenz um die Arbeitsplätze könnte es sein, dass die Lieferdienste etwas mehr bieten müssen", sagt Otto Strecker von der AFC Consulting Group, einer Unternehmensberatung für die Lebensmittelwirtschaft.

Auch juristisch geraten die Lieferdienste teilweise unter Zugzwang. Zwei Kläger in Frankfurt hatten zuletzt Erfolg. Das Hessische Landesarbeitsgericht gab einem Rider Recht und entschied, dass ihm für seine Tätigkeit ein Fahrrad und ein Smartphone einschließlich des erforderlichen Datenvolumens zur Verfügung gestellt werden muss. Außerdem sei pro gearbeitete Stunde ein Guthaben von 25 Cent für Fahrradreparaturen nötig, urteilte das Gericht im Juni.

Ein kritischer Punkt sind die niedrigen Preise. "Ich persönlich glaube nicht, dass man für 1,80 Euro Liefergebühr, selbst unter noch schlechteren Bedingungen, kostendeckend ausliefern kann", sagt Experte Strecker. Zu besseren Arbeitsbedingungen werde es möglicherweise erst dann kommen, wenn die Werbeschlacht vorbei sei und die ersten Wettbewerber aus dem Markt aussteigen. Das Geschäftsmodell werde erst tragfähig, wenn sich die Lieferdienste mit Supermarktketten verbinden und die Produkte somit günstig in großen Mengen einkaufen können. Aktuell sei der Einkauf zu teuer - und die Marge bei Lebensmitteln sowieso gering.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 26. August 2021 um 17:34 Uhr.