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Cyber-Angriffe Ex-Mossad-Agenten sollen Lidl schützen

Stand: 24.11.2021 14:54 Uhr

Immer häufiger wird der Einzelhandel Ziel von Hackerangriffen. Die Schwarz-Gruppe will sich besser absichern: Der Eigner des Discounters Lidl hat die Mehrheit an einer israelischen IT-Sicherheitsfirma übernommen.

Von Lilli Hiltscher, tagesschau.de

Die Zahl der Cyberangriffe auf Unternehmen hat den vergangenen Jahren stark zugenommen. "Seit 2019 sind die Schäden in deutschen Unternehmen durch Erpressungsvorfälle und den damit verbundenen Ausfall von Informations- und Produktionssystemen um mehr als 350 Prozentpunkte gestiegen", sagt Sebastian Artz, Experte für IT-Sicherheit vom Digitalverband Bitkom.

Lilli Hiltscher

Die Schwarz-Gruppe, Eigentümer der Supermarktketten Lidl und Kaufland, will sich dagegen künftig besser schützen. Deswegen hat der Konzern die Mehrheit am israelischen Sicherheitsdienst XM Cyber übernommen. Wie das "Handelsblatt" berichtet, soll der Kaufpreis bei 700 Millionen US-Dollar liegen. Beide Unternehmen wollten sich dazu nicht äußern.  

Investition in IT-Sicherheit häufig zu gering

Die Summe scheint immens, ist aber nach Einschätzung von Bitkom-Fachmann Artz durchaus zu rechtfertigen: "Die Besonderheit bei der Schwarz-Gruppe ist, dass das eigene Cloud-Angebot weiter ausgebaut werden soll. Dieses Wachstum angemessen zu schützen, ist für den künftigen Erfolg essenziell." Im Einzelhandel sei es zuletzt verstärkt zu Hacker-Attacken gekommen, deswegen sei IT-Sicherheit bei Unternehmen wie Lidl enorm wichtig.

Der Einzelhandelskonzern ist eines der ersten Unternehmen außerhalb der Technologiebranche, das mit solchen Summen für IT-Sicherheit Schlagzeilen macht. Gewöhnlich sind die Ausgaben für die Cybersicherheit gering: "Gemeinsam mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik empfehlen wir als Branchenverband etwa 15 bis 20 Prozent der IT-Mittel für IT-Sicherheit vorzusehen", so Artz. "In den meisten Unternehmen sind es lediglich sieben Prozent." Dabei sei das Problem häufig, dass man die konkreten Auswirkungen einer funktionierende Schutzes vor Hackerangriffen nicht sehe, sondern nur, welche Kosten sie verursache.

Zu dem finanziellen Engpass kommt noch ein personeller: In den meisten Unternehmen sei der IT-Bereich mit zu wenig Mitarbeitern ausgestattet, es herrsche ein akutes Nachwuchsproblem, sagt Artz.

IT-Sicherheitslage "angespannt bis kritisch"

Dabei sind die Firmen wachsenden Gefahren ausgesetzt: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bezeichnet in seinem aktuellen Bericht die IT-Sicherheitslage als "angespannt bis kritisch". Nach Angaben des Ministeriums entwickelt sich Cyber-Erpressung zur größten Bedrohung für Unternehmen. Dafür nutzen Hacker häufig sogenannte Ransomware - also Software, die IT-Systeme verschlüsselt und erst wieder entschlüsselt, wenn die Unternehmen Lösegeld zahlen.

Davon können alle Unternehmen betroffen sein, egal ob klein, mittelständisch oder Marktführer, so Sebastian Artz: "Die Firmen müssen das Thema ernst nehmen. Immerhin häufen sich die Beispiele angegriffener Unternehmen." Zuletzt traf MediaMarkt und Saturn eine Attacke. Es dauerte fast zwei Wochen, bis der Kundenservice wieder funktionierte.

Europas größter Einzelhändler

Die Schwarz-Gruppe ist Europas größtes Einzelhandelsunternehmen. Die Beteiligung soll nun die Kompetenz in der Informationstechnologie stärken: "Das XM Cyber-Team mit tiefem technischem Verständnis und Innovationsstärke ergänzt unser Portfolio für IT-Sicherheit optimal", sagte Christian Müller, Vorstandsvorsitzender der Schwarz IT.

XM Cyber wurde erst vor einigen Jahren gegründet. Vor allem einer der Gründer ist in der Szene bekannt: Tamir Pardo war fünf Jahre Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad. Immer wieder warnt er öffentlich vor den Folgen der zunehmenden Digitalisierung, die Unternehmen angreifbar mache.

Erfahrungen beim Geheimdienst

Gemeinsam mit Noam Erez und Boas Gorodisski, ebenfalls beide Geheimdienst-Veteranen, gründete Pardo XM Cyber. In Israel ist das ein typischer Karriereweg, immerhin beschäftigen sich beim Mossad gleich mehrere Eliteeinheiten mit der Abwehr von Cyberangriffen. Dadurch sind die Veteranen gut ausgebildet, viele gründen nach der Karriere im Nachrichtendienst eigene Firmen.

XM Cyber simuliert Angriffe auf das IT-System des zu schützenden Konzerns, um herauszufinden, über welche Wege die Angreifer in das System gelangen können. So werden verwundbare Stellen erkannt, um sie schließen zu können. Dafür hat das Unternehmen eine Software entwickelt, die diese Angriffssimulationen kontinuierlich durchführt. "Der Ansatz, aus Angreifer-Sicht Wege ins Unternehmen zu finden und zu schließen, ist ein zukunftsweisender, zusätzlicher Baustein, mit dem wir unsere Kunden, Partner und uns als Unternehmen schützen", so Christian Müller von der Schwarz IT.

Die bisherigen Kunden von XM Cyber sollen von der Übernahme nicht betroffen sein. Die beiden Unternehmen teilten mit, das IT-Sicherheitsunternehmen werde sein Produktsortiment weiterhin unabhängig unter der eigenen Marke anbieten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Oktober 2021 um 14:00 Uhr.