Kundin steht mit einem Einkaufskorb vor einem Supermarkt-Regal | dpa

Handel und Hersteller Preisschub im Supermarktregal

Stand: 05.04.2022 17:42 Uhr

Dass sich Lebensmittel derzeit verteuern, liegt nicht nur am Ukraine-Krieg. Manche Hersteller wollten nun Extra-Gewinne kassieren, berichtet der Rewe-Konzern. Wie geht es weiter mit den Preisen im Supermarkt?

Von Jörg Marksteiner, WDR

Zuletzt lief es für die Supermärkte ziemlich gut: Viele Menschen waren im Homeoffice statt mittags in der Kantine, Schulkinder waren lange zu Hause, die Gastronomie blieb monatelang geschlossen. Die Corona-Folgen sorgten dafür, dass Kunden deutlich mehr Lebensmittel kauften und die Umsätze der Supermärkte stiegen.

Jörg Marksteiner

Doch inzwischen gibt es fast nur noch ein Thema beim Einkaufen. Kundinnen und Kunden sprechen von "einem kleinen Schock, wenn man der Kasse ist" und bemerken einen "enormen Preisanstieg". Geht es nach den Herstellern von Brot, Süßigkeiten, Fleisch und Co., dann müssten die Artikel eigentlich noch viel teurer werden. Er sei jetzt seit fast 30 Jahren im Geschäft, sagt Rewe-Chef Lionel Souque. Eine solche Liste mit Preiserhöhungswünschen von Herstellern habe er aber noch nie gesehen.

Lebensmittelkonzerne nutzen Preisspirale

Der Franzose steht an der Spitze des nach Edeka zweitgrößten deutschen Lebensmittelhändlers Rewe. Er ist sich sicher: Nicht alle Forderungen sind gerechtfertigt, weil zum Beispiel Rohstoffe teurer geworden sind. Manche internationalen Lebensmittelkonzerne versuchten derzeit, Extra-Gewinne einzufahren.

"Sehr viele haben auf dieser Welle gesurft. Die haben gesagt: Okay, da gibt es viele, die reden über Preiserhöhungen. Da haben alle großen Multinationalen gesagt: Da ist die Möglichkeit, dass wir noch mehr Dividende ausschütten nächstes Jahr", so Souque. "Das sind unglaublichen Preiserhöhungen, die wir nie in unserer Karriere mitbekommen haben. Wir sind in massive Diskussionen mit der Industrie gekommen."

Auffällige Unterschiede bei Preisforderungen

Begonnen habe das schon im Herbst, mit steigenden Preisen für Energie und zum Beispiel Kaffee. Mit dem Krieg in der Ukraine hätten sich diese Preisgespräche zwischen Lebensmittelherstellern und Händlern nochmal verstärkt. Jetzt müsse der Handel insgesamt extrem aufpassen, findet Souque. "Da gibt es nicht nachvollziehbare Unterschiede", berichtet der Rewe-Chef. "Wenn ein Lieferant nach plus zehn Prozent in Deutschland fragt und nur nach drei in Österreich", könne man sich nach den Gründen fragen, wenn die Ware aus dem gleichen Werk komme.

Was es Ketten wie Rewe, Edeka, Aldi und Lidl leichter macht: sie haben viele Eigenmarken im Sortiment. Das bedeutet, sie kennen die Kalkulation ihrer eigenen Artikel genau: Wieviel teurer sind die Bestandteile tatsächlich geworden? Was macht das am Ende aus?

Weitergabe der Erhöhungen nur teilweise möglich

Rewe betont aber auch: Selbst wenn jetzt vieles teurer wird im Supermarkt, werden die Preissteigerungen der Herstellung am Ende nicht 1:1 an die Kunden durchgereicht. "Es ist sehr einfach für die Industrie zu sagen: Ich habe zehn Prozent Preiserhöhungen. Da gebe ich zehn Prozent weiter an den Händler, und die geben es weiter an die Endverbraucher", sagt Souque. Er betont: "Die Rechnung geht nicht auf. Der Endverbraucher zahlt auch mehr für Benzin, zahlt auch mehr für Energie. Es ist total schwachsinnig zu glauben, dass wir alles nach hinten an den Letzten weitergeben können. Wer soll das bezahlen? Wir müssen das im System verteilen.“

Etwa durch geringe Gewinnspannen und Versuche, selbst zu sparen. Rewe will etwa prüfen, ob in den Supermärkten die Beheizung und die Beleuchtung etwas reduziert werden kann, um Stromkosten zu sparen. Auch wenn das die Preiseffekte wohl bestenfalls dämpfen könnte.

Selbst Verpackungen werden teurer

Kundinnen und Kunden spüren Preissteigerungen unter anderem bei Obst, Gemüse und Brot bereits deutlich. Welche Produkte in den kommenden Monaten besonders teuer werden, das lasse sich noch nicht präzise sagen, heißt es von Rewe. Das hänge von sehr vielen Faktoren und manchmal auch von der Verpackung ab. "Am Ende sind alle Warengruppen mehr oder weniger betroffen", so der Rewe-Chef. "Papier zum Beispiel ist sehr energielastig und kostet deshalb viel Geld. Ebenso Aluminium. Das heißt: Allein der Preis der Verpackung, der Dose, geht hoch - auch wenn sich Ware, die drin ist, nicht verteuert hat."

Lieferengpässe oder Versorgungsprobleme als Folge des Kriegs in der Ukraine sieht Rewe nicht. Selbst Sonnenblumenöl sei trotz des großen Anteils aus Russland und der Ukraine ausreichend verfügbar. Es gebe genug andere Lieferanten. Grund zum Hamstern gebe es also nicht, mahnt der Rewe-Chef. In Nachbarländern wie Frankreich oder Polen gebe es auch bei Sonnenblumenöl keine Lücken im Regal. Weil alle normal wie immer einkaufen.

Seine 161 Märkte in Russland hat Rewe bereits im vergangenen Jahr verkauft - und zuvor 20 Filialen in der Ukraine, um sich auf die Europäische Union zu konzentrieren. "Im Nachhinein muss man sagen, das war eine gute Entscheidung", sagt Souque. "Aber auch ein bisschen Glück."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 05. April 2022 um 16:56 Uhr.