Mitarbeiter des Lebensmittel-Lieferdienstes Getir | REUTERS

Lebensmittel-Lieferdienste Fast-Food-Rennen in Manhattan

Stand: 06.03.2022 11:57 Uhr

Lebensmittel per App bestellen und in 15 Minuten liefern lassen: Dieses Angebot ist für viele New Yorker verlockend. Im harten Wettbewerb der Anbieter mischen deutsche Start-ups kräftig mit.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Gorillas, Jokr, Getir, Gopuff - immer mehr Apps mischen in New York im Kampf um die minutenschnelle Lieferung von frischen Lebensmitteln mit. "Ich sehe viele Optionen: Sie haben auch ganze Mahlzeiten, das kann ich vielleicht auch mal machen", sagt der stark beschäftigte New Yorker Homeoffice-Arbeiter Colin Robertson. "Aber jetzt bestelle ich Limetten, Wasser, Kokosmilch und Erdbeeren."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Das Beste: Spätestens in einer Viertelstunde ist Radkurier Michael mit der Ware da - das verspricht die App. Robertson kann den Fahrer mit seiner Bestellung sogar auf der Karte verfolgen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nur 15 Minuten brauchen, um es zu meiner Tür zu bringen. Aber wenn, wäre ich echt beeindruckt", sagt Robertson.

New York ideales Umfeld für die Dienste

Das Just-in-Time-Geschäft schlägt ein in Manhattan. Sechs große Player sind am Markt. New York sei ideal für diese Dienste, sagt Wirtschaftsexperte Arun Sundararajan von der New York University. "Es gibt diese Kultur, dass die Leute mal eben zum Deli oder Kiosk um die Ecke gehen", sagt Sundararajan. "Die Meisten hier haben in ihrer Wohnung nicht viel Lagerfläche. Sie kaufen häufiger kleine Mengen ein. Das Unmittelbare wird hier mehr geschätzt als anderswo."

Jeder dritte Laden hier hat die Pandemie nicht überlebt. Die leeren Flächen eignen sich für Lagerräume der flotten Lieferdienste: sogenannte Dark-Warehouses, also Läden mit verdunkelten Fenstern, in denen es keine Verkaufsfläche gibt. Das sei eine Revolution, sagt Sundararajan. "Der Wandel zu diesen 'dunklen Lagerräumen', den Läden ohne Verkaufsraum, den die 15-Minuten-Dienste eingeführt haben, ist jetzt Programm. Denn immer mehr Leute bleiben zu Hause und nutzen digitale Dienste."

Deutsche Start-ups mischen kräftig mit

Auch Ralf Wenzel nutzt seine Chance. Der Deutsche ist CEO und Mitgründer des Start-ups "Jokr". Neben dem anderen deutschen Lieferdienst, "Gorillas" aus Berlin, wirbt "Jokr" um die Kundschaft in Manhattan. Das Nutzer-Verhalten verändere sich rasant, sagt Wenzel in einem Web-Interview. "Die Leute schätzen mehr das Jetzt. Das Unmittelbare, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Sie planen nicht so viel im Voraus."

Den Leuten gehe es mehr um Umweltfreundlichkeit und um den Preis. Doch den Lieferanten geht es auch um Fairness. Die Radfahrer, die in rasendem Tempo bei jedem Wetter unterwegs sind, sind oft Einwanderer. Ihr Job ist ihr Einstieg in eine bessere Welt. Dafür nehmen sie oft schlechte Bedingungen in Kauf. "Es ist unfassbar. Du gehst zur Arbeit in der Pandemie, wo viele Jobs weg gefallen sind", sagt Mani Ramirez. "Und inmitten von Gefahren und Unfällen kannst du noch nicht mal auf die Toilette gehen."

Kampf um bessere Arbeitsbedingungen

Dieses Recht haben sich New Yorks App-Arbeiter jetzt erstritten. Auch das Recht darauf, die digital überwiesenen Trinkgelder zu bekommen. Doch immer noch bleiben genug Gefahren: Überfälle, Unfälle, Gesundheitsschäden, die auch durch den Zeitdruck entstehen.

New Yorker Politiker haben deshalb einen Gesetzentwurf eingebracht. Er solle das Geschäft mit den 15-Minuten verbieten, sagt Stadträtin Carlina Rivera. "Durch diese Apps haben wir jeden Tag mehr Arbeiter. Wir wollen sicherstellen, dass sie fair behandelt werden", sagt Rivera. "Wir hoffen auch, dass New York andere Städte im Land dazu inspiriert, dasselbe für ihre Arbeiter zu tun."

Ökonom Sundararajan sieht für das Geschäft trotzdem keine Gefahr. "Das Überlebensmodell wird sein: dunkle Lagerräume und Auslieferung - nicht die Geschwindigkeit", sagt er. "Auf die 15-Minuten-Option wird es am Ende nicht ankommen, um am Markt zu bestehen." Zumal sie schon jetzt oft nicht klappt.

IT-Mann Robertson wartet dreimal so lang wie angekündigt auf seine Lebensmittel. Gegenwind und Verkehr, so entschuldigt sich der Fahrer, als er klingelt. Robertson schmecken seine Erdbeeren trotzdem. Den nächsten App-Klick hat er sich schon vorgenommen.