Zuschauer sitzen im ersten Indoorkonzert des Jahres 2021 im Leipziger Felsenkeller - auf der Bühne der Musiker Fil Bo Riva. | dpa

Lage der Kreativbranche Die Musik spielt immer noch leise

Stand: 21.08.2021 13:57 Uhr

Das Kulturleben ist zurückkehrt, es gibt wieder Veranstaltungen. Doch können die sich rechnen, wenn Corona-Auflagen die Besucherzahlen begrenzen? Die Verunsicherung in der Branche ist weiter groß.

Von Jens Eberl, WDR

Philipp Godart muss sich an diesem Samstag beeilen. Auf gleich vier Veranstaltungen darf der Solo-Musiker auftreten. Eine ungewohnte Situation, denn monatelang ging bei ihm beruflich fast gar nichts. "Nun wollen die Leute endlich wieder feiern", so der Kölner Sänger, der an diesem Tag unter anderem vor gut 60 Karnevalisten auftritt.

Jens Eberl

Die Partyfreunde holen den Karneval nach, und Godart kann endlich wieder vor Publikum spielen. So richtig planbar sei das immer noch nicht, da die Verunsicherung nach wie vor groß sei. "Die meisten Buchungen kommen sehr spontan, manchmal werde ich am Freitag noch für Samstag angefragt", so der Sänger. Auch Stornierungen seien immer noch an der Tagesordnung. Das Hin und Her sei aber besser als die qualvolle Situation der vergangenen Monate.

Viele auf Unterstützung angewiesen

Fast zwei Jahre lang ging so gut wie gar nichts, berichtet Godart. In der Coronakrise war er auf Unterstützung angewiesen. Ganz am Anfang hatte Godart die Soforthilfe beantragt. Inzwischen sei aber klar, dass er die gesamte Summe zurückzahlen muss. "Die Bedingungen wurden rückwirkend verändert". Auch Überbrückungshilfe habe er beantragt, hier sei das meiste Geld aber für Steuerberater angefallen, die die Anträge für ihn einreichen mussten. Bei den staatlichen Unterstützungen habe er nur Fixkosten geltend machen können.

"Als Solokünstler waren das bei mir die Miete für das Studio oder den Lagerraum. Die 400 Euro monatlichen Kosten für die Künstlersozialkasse waren aber nicht dabei", so Godart. Und so sind all die finanziellen Hilfen auch zu einem Ballast geworden. "Bei jedem Euro, den ich bekommen habe, habe ich Angst, dass ich ihn eventuell wieder zurückzahlen muss. Man hat Sorge, ans Geld ranzugehen."

Immer noch große Verunsicherung

So bleibt bei den Künstlerinnen und Künstlern vor allem eines: eine große Verunsicherung. Der Blick in die Zukunft sei alles andere als gewiss, sagt der Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow. "Licht am Ende des Tunnels gäbe es nur, wenn der Branche endlich mal mitgeteilt würde, was noch passieren muss, damit wieder Veranstaltungen ohne Abstandsregeln unter Nutzung der vollen Hallenkapazitäten möglich sind." Der Bundesverband kritisiert, dass es unter den momentan geltenden Regeln nahezu unmöglich sei, Konzerte und Veranstaltungen wirtschaftlich durchzuführen. Immer noch gebe es Einschränkungen der Besucherzahlen.

Bei Großveranstaltungen mit mehr als 5000 Zuschauern darf die Auslastung maximal bei 50 Prozent der jeweiligen Höchstkapazität liegen und ist auf maximal 25.000 Zuschauende begrenzt. Solche Veranstaltungen seien "bestenfalls Beschäftigungsmaßnahmen" für Künstlerinnen und Künstler und die vielen Solo-Selbstständigen, die hiermit ihr Geld verdienen, so Michow. "Wirtschaftlich können sie nicht sein. Eine Einnahmechance von 50 Prozent macht bei Kosten von 100 Prozent wirtschaftlich kaum Sinn."

Dieter Semmelmann, Geschäftsführer des Großveranstalters Semmel Concerts kritisiert zudem, dass es in Deutschland keine einheitlichen Regeln gibt. "Wir kämpfen im Moment mit einem föderalen Durcheinander von Verordnungen, was eine Durchführung von landesweiten Tourneen unmöglich macht. Wir brauchen eine klare Struktur. Dazu gehören seiner Meinung nach: "Keine Einschränkung durch Inzidenzen, volle Auslastung der Hallen, wenn es sein muss mit Maske und eine Zulassung des Publikums für Geimpfte, Genesene und Getestete".

Ralph Siegel muss Musical privat finanzieren

Die Krise hat auch so manchen Lebenstraum fast platzen lassen. Komponisten-Legende Ralph Siegel wollte eigentlich schon im November 2020 sein Musical "Zeppelin" an den Start bekommen. Doch wegen Corona musste die Premiere immer wieder verschoben werden. Die Folgen waren schwerwiegend. Staatliche Hilfen konnten zum Teil nicht fließen, Siegel musste Gagen aus eigener Hand bezahlen, die Produzenten sprangen ab. Ralph Siegel wollte sein Herzensprojekt aber nicht so leicht aufgeben. "Ich bin dann selbst zur Bank gegangen und habe um einen Kredit gebeten. Ich bin mit vollem Risiko rein und die Bank hat Gott sei Dank ja gesagt".

Nun sind sich alle sicher, dass es endlich losgehen kann. Am 16. Oktober soll im Festspielhaus in Füssen endlich die Weltpremiere des Zeppelin-Musicals starten. Nur unter welchen Bedingungen? Damit der Kredit bezahlt werden kann, sei es wichtig, vor vollem Haus zu spielen. Hier appelliert Siegel an die Politik: "Man kann Geimpften doch nicht dauerhaft verbieten, an Kulturveranstaltungen teilzunehmen. Nur wenn wir vor vollen Sälen spielen, werden wir weitermachen können. Wir müssen ja jeden Tag die Künstler bezahlen, wir sind nicht subventioniert", so Siegel.

3G-Regel

Die 3G-Regel dient als Teil des Infektionsschutzes in der Corona-Pandemie der Definition von Personengruppen, bei denen von einem geringen epidemiologischen Risiko ausgegangen wird. Die drei "G" stehen dabei für:
- Geimpfte Personen
- Genesene Personen
- Getestete Personen (also Personen mit einem aktuellen, negativen SARS-CoV-2-Test)

An den Nachweis, zu einer dieser drei Personengruppen zu gehören, können unter anderem Zutrittsberechtigungen zu Einrichtungen oder Einreisegenehmigungen in bestimmte Länder geknüpft sein. Die jeweils zuständigen Behörden definieren, ob und in welchen Fällen die 3G-Regel angewandt wird und wie lange der Nachweis der Zugehörigkeit zu der jeweiligen Personengruppe gültig ist - also zum Beispiel, wie alt ein negatives Testergebnis sein darf oder wie lange die überstandene Infektion her sein darf, um nach einer Genesung von der 3G-Regel zu profitieren.

Branche setzt auf 3G-Regel

Die Branche setzt deshalb auch weiter auf die 3G-Regel, also einen Zugang für Genesene, Geimpfte oder Getestete. Nicht-Geimpfte auszuschließen, sei alles andere als wünschenswert, sagt Jens Michow. "Schließlich würde man auf der Grundlage der aktuellen Durchimpfung derzeit noch auf 50 Prozent seines Publikums verzichten müssen. Ich will vor allem endlich wissen, wie sich die Politik zu diesem Vorschlag verhält. Langsam habe ich nämlich den Eindruck, dass es normale Veranstaltungen überhaupt nicht mehr geben soll."

Philipp Godart blickt optimistisch auf die nächsten Monate, hofft vor allem, dass sich noch mehr Menschen impfen lassen. "Die jungen Leute, die sich nicht impfen lassen, kann ich nicht verstehen. Vielleicht ist ihnen aber auch nicht bewusst, wieviel auch für andere Leute und für uns Künstler davon abhängt."

Über dieses Thema berichtete die Deutsche Welle am 18. Juli 2021.