Besucher des Glastonbury Festival 2019 während eines Auftritts der Sängerin Kylie Minougue im Jahr 2019. | REUTERS
Hintergrund

Viele Festivals abgesagt Konzertveranstalter hoffen auf den Herbst

Stand: 05.07.2021 10:35 Uhr

Sommer, Sonne, Festivals? Nur in den USA und in ein paar europäischen Ländern finden schon jetzt wieder große Open-Air-Konzerte statt. In Deutschland setzen die Veranstalter auf den Herbst.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Event-Macher Bernd Breiter bezeichnet sich gerne ironisch als "größenwahnsinnig". Der umtriebige 50-jährige Frankfurter hat Elektro-Partys in erloschenen Vulkan-Kratern, Kirchen, ICE-Zügen, Flugzeugen und auf Kreuzfahrtschiffen organisiert. Mit dem "Big City Beats World Club Dome" hat er den "größten Klub der Welt" geschaffen. Seit 2013 lockt sein Event bis zu 200.000 Elektro-Fans an, die an drei Tagen im Frankfurter Waldstadion (jetzt Deutsche Bank Park) zu den Beats von internationalen DJs wie David Guetta, Sven Väth oder Robin Schulz tanzen. Erst Corona machte ihm im vergangenen Jahr einen Strich durch die Rechnung.

Erstes großes Festival im September in Frankfurt

Jetzt aber will Breiter wieder durchstarten. Anfang September soll die diesjährige "World Club Dome" in Frankfurt wieder stattfinden - mit Tausenden Besuchern. "Wir planen das, wir wollen das und wir werden das auch machen", versichert Breiter in unverkennbar hessischem Dialekt. Die Zeit für Festivals sei jetzt wieder reif.

Ein umfassendes Hygiene- und Infektionsschutzkonzept soll den ungetrübten Party-Spaß möglich machen. "Wir setzen auf die 3-G-Methode mit dem weltweit ersten Variantentest von Seegene", erklären die Event-Macher. Die registrierten Besucher sollen schon zu Hause einen Test machen, damit sie erst gar nicht anreisen, falls sie positiv sind. Vor Ort gibt es dann einen weiteren PCR-Test. "Es kommt nicht auf die Größe der Veranstaltung, sondern die Technik der Testung an", betonen die Veranstalter von "Big City Beats".

3-G-Regel

Die 3-G-Regel dient als Teil des Infektionsschutzes in der Corona-Pandemie der Definition von Personengruppen, bei denen von einem geringen epidemiologischen Risiko ausgegangen wird. Die drei "G" stehen dabei für:
- Geimpfte Personen
- Genesene Personen
- Getestete Personen (also Personen mit einem aktuellen, negativen SARS-CoV-2-Test)

An den Nachweis, zu einer dieser drei Personengruppen zu gehören, können unter anderem Zutrittsberechtigungen zu Einrichtungen oder Einreisegenehmigungen in bestimmte Länder geknüpft sein. Die jeweils zuständigen Behörden definieren, ob und in welchen Fällen die 3-G-Regel angewandt wird und wie lange der Nachweis der Zugehörigkeit zu der jeweiligen Personengruppe gültig ist - also zum Beispiel, wie alt ein negatives Testergebnis sein darf oder wie lange die überstandene Infektion her sein darf, um nach einer Genesung von der 3-G-Regel zu profitieren.

Wacken-Festival nur in abgespeckter Version

Das Techno-Event dürfte das erste große deutsche Festival in diesem Jahr werden - nach monatelanger Zwangspause. In einer deutlich abgespeckten Version wird kurze Zeit später Mitte September das Wacken-Festival stattfinden - unter dem Titel "Bullhead City". Das Event wird laut Medienberichten maximal 20.000 bis 30.000 Besucher zulassen. Vor Corona pilgerten rund 75.000 Fans zum Heavy-Metal-Festival. Darüber hinaus sind momentan drei kleinere Open-Air-Festivals in Mecklenburg-Vorpommern geplant.

Dabei soll das "Pangea" mit bis zu 15.000 Zuschauern Aufschluss geben, ob Konzerte wie früher funktionieren. In dem Pilotprojekt soll es Maskenpflicht nur am Einlass und in geschlossenen Räumen geben. Zugelassen sind Besucher mit vollem Impfschutz oder negativem PCR-Test, der nach drei Tagen wiederholt wird.

98 Prozent weniger Umsatz 2021

Trotz dieser geplanten Festivals wird 2021 ein Katastrophen-Jahr für die Branche werden. Laut dem Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft werden in diesem Jahr wohl rund 100.000 Shows ausfallen müssen. So wurden große Festivals wie "Rock am Ring", "Hurricane", "Summer Breeze" sowie Konzerttourneen abgesagt. Der Umsatz der Branche werde um 98 Prozent absacken, prophezeit der Verband. Bereits 2020 betrug das Minus gut 80 Prozent. "Insgesamt wären dann fast elf Milliarden Euro an Einnahmen verloren", erklärte Verbandspräsident Jens Michow in der "Welt am Sonntag" Ende Juni.

Rockfans jubeln vor der Hauptbühne des Open-Air-Festivals "Rock am Ring". | dpa

Vor Corona zogen große Festivals wie hier "Rock am Ring" viele Besucher an - in diesem Jahr wurden sie abgesagt. Bild: dpa

Zwar sind die großen Konzert- und Festivalveranstalter gut versichert gegen den Ausfall ihrer Events. Kleinere Anbieter dagegen können sich oft keine Versicherung leisten. Ihnen soll jetzt der 2,5 Milliarden Euro große Sonderfonds Neustart Kultur helfen. Er kompensiert Ausfälle und Mindereinnahmen von Veranstaltungen. Bei kleineren Events stockt der Staat die Einnahmen aus dem Ticketverkauf auf, bis die Kosten gedeckt sind.

Die Branche begrüßt den Fonds, würde aber gerne eine Öffnungsperspektive haben. Bisher konnte sich die Bundesregierung noch nicht auf eine einheitliche Linie und ein Datum zum Neustart der Konzertveranstalter einigen. Immerhin äußerte sich der zuständige parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Bareiß, optimistisch, dass Konzerte und Events mit tausenden Besuchern im Herbst wieder möglich seien. "Mit zunehmender Impfquote bin ich zuversichtlich, dass wir bald wieder zur Normalität zurückkommen."

Österreich und Schweiz erlauben Groß-Events

Andere Länder gehen bereits jetzt weiter. Österreich erlaubt seit Anfang Juli wieder volle Stadien und Konzertsäle ohne Maskenpflicht - unter Berücksichtigung der 3-G-Regel. So wird im August das Frequency-Festival in St. Pölten mit gut 55.000 Besuchern durchgeführt.

Auch in der benachbarten Schweiz sind ebenfalls seit Ende Juni wieder Groß-Events ohne Einschränkungen möglich. Gerade erst hat das Montreux Jazz-Festival begonnen, das mit zahlreichen Jazz- und Popkonzerten Tausende Besucher anlockt. Erstmals werden dieses Mal aber die kostenpflichtigen Konzerte auf einer Art See-Bühne und nicht in geschlossenen Räumen stattfinden - mit begrenzten Kontingenten.

Neidisch blicken die Event-Manager in die USA. Dort spielen die Musiker teilweise schon wieder in vollen Stadien und Hallen. Fast wie in alten Zeiten strömten Zehntausende Zuschauer Anfang Mai zum Vax-Live-Konzert mit Stars wie Jennifer Lopez, den Foo Fighters oder Eddie Vedder.

Veranstalter setzen aufs nächste Jahr

Die meisten deutschen Konzertveranstalter haben 2021 schon abgehakt und setzen auf das nächste Jahr. "Wir brauchen eine lange Vorlaufzeit und können nicht Monate warten, bis die Politik grünes Licht gibt", erklärt Geschäftsführer Gunther Lortz vom Herzberg-Festival gegenüber tagesschau.de. Nur mit Kurzarbeit und staatlichen Hilfen kamen viele Veranstalter durch die Lockdowns. Immerhin macht sich jetzt verhaltene Aufbruchstimmung breit. "Ich hoffe, dass wir im vierten Quartal Indoor-Konzerte mit voller Kapazität ohne Abstand und Maske sehen werden", sagte Anfang Juli CTS-Eventim-Chef Klaus-Peter Schulenberg. Vielleicht gehe das im November.

Sollte das Konzertbusiness wieder anziehen, haben viele Veranstalter ein neues Problem: das fehlende Personal. Soloselbstständige wie Caterer oder Ton- und Bühnentechniker hätten sich mittlerweile in anderen Branchen Festanstellungen gesucht, sagte ein Manager tagesschau.de.

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KOMMENTARE

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Orfee 05.07.2021 • 14:52 Uhr

@ fathaland slim

"Um zu verstehen, wovon Sie raunen, sollte man diesen Wikipediaartikel hier lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/The_Great_Reset" Guter Anfang. Der Straus, der den Kopf in den Sand steckt, ist ein Märchen genauso wie Great Reset. Es gibt aber Menschen, die sich so verhalten wie der Straus in diesem Märchen und auch viele, die an das Märchen mit dem great reset glauben. Das ist aber real.