Ein Auto fährt in der Morgendämmerung in der Nähe von drei Windrädern vorbei. (Archivbild) | dpa

Klimaschutzpolitik Großkonzerne fordern klare Kante

Stand: 11.10.2021 11:04 Uhr

Sie wollen, dass sich die deutsche Politik stärker für die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens einsetzt: Mehrere deutsche Großkonzerne fordern eine "Umsetzungsoffensive für Klimaneutralität".

Zum Beginn der vertiefenden Sondierungsgespräche für eine Ampelkoalition haben 69 deutsche Großkonzerne einen Appell an die mögliche neue Regierung vorgelegt. Darin fordern Unternehmen wie die Otto Group, Aida und die Deutsche Telekom einen "klaren, verlässlichen und planbaren Pfad zur Klimaneutralität". Die neue Regierung soll in den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit eine "Umsetzungsoffensive für Klimaneutralität" auf den Weg bringen.

Die beteiligten Unternehmen sind für den Wirtschaftsstandort Deutschland von enormer Bedeutung: Zusammen beschäftigen sie hierzulande mehr als eine Million Mitarbeiter, weltweit sind es über fünf Millionen Menschen. Nach eigenen Angaben erwirtschaften sie einen globalen Umsatz von etwa einer Billion Euro. Sie kommen aus allen relevanten Branchen und Schlüsselindustrien der Wirtschaft, darunter Grundstoff- und Chemieindustrie, Maschinen- und Fahrzeugbau, Finanzbranche sowie große Unternehmen aus den Bereichen Gebäude, Mobilität und Handel. Nun verlangen sie einen klaren Fahrplan der Politik, wie der Klimaschutz in den kommenden Jahrzehnten gestaltet und vorangetrieben wird.

Unternehmer wollen klare Vorgaben

"Klare Perspektiven statt wolkiger Visionen - und zwar jetzt! Ein gewaltiger Umbau braucht einen verlässlichen Rahmen. Zum Beispiel für ausreichend Erneuerbare Energie zu wettbewerbsfähigen Kosten", verlangt etwa Mitunterzeichner Kristian Evers, Gesellschafter der Papier- und Kartonfabrik Varel. Zwar hätten viele Unternehmen die Dringlichkeit der Situation längst erkannt. Dennoch brauche man einen politischen Rahmen, damit "die Transformation Deutschlands zum klimaneutralen Industrieland bis 2045 gelingt und das Ziel einer Reduktion der Emissionen um 65 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 erreicht wird", heißt es in dem Schreiben, das von der "Stiftung 2 Grad" initiiert wurde.

Die beteiligten Unternehmen haben dafür sechs zentrale Forderungen an die Politik formuliert. So sei es Aufgabe einer neue Regierung, die Wettbewerbsfähigkeit von Klimaschutztechnologien zu stärken und "eine klimafreundliche Reform des Steuern-, Abgaben- und Umlagensystems" auf den Weg zu bringen. Dazu gehöre auch, dass mehr Anreize für das Investieren in neue Technologien geschaffen werden. In dem Zuge sei es unerlässlich, dass eine Neuregelung der langwierigen "Planungs- und Genehmigungsverfahren" erfolgt.

Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben

Außerdem erwarten die Unterzeichner einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien und eine gesteigerte Energieeffizienz: "Bis 2030 müssen mindestens 70 Prozent des steigenden deutschen Stromverbrauchs durch Erneuerbare Energien gedeckt werden." Dafür müssen die Kapazitäten von Wind- und Solarenergie deutlich ausgebaut werden, es braucht einen Ausbau der dafür erforderlichen Stromnetze und klimafreundliche Industrieanlagen. Darum fordern die Unternehmer auch den Ausstieg aus der Kohleverstromung bereits "deutlich vor 2038".

Da der deutsche Staat mit "500 Milliarden Euro" Investitionsvolumen der größte Auftraggeber im Land ist, kommt ihm nach Ansicht der Unterzeichner eine besondere Rolle zu: "Öffentliche Finanzmittel müssen verstärkt genutzt werden, um privates Kapital für Investitionen in klimaneutrale Zukunftstechnologien zu mobilisieren." Die neue Regierung müsse dafür sorgen, dass "Investitionen, Projekte sowie Vergabekriterien der öffentlichen Hand systematisch auf Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit" ausgerichtet seien.

Klimapolitik muss international werden

Vor allem aber sei eine internationale Zusammenarbeit in Sachen Klimaschutz unerlässlich, betont etwa Raoul Roßmann, Geschäftsführer der Dirk Rossmann GmbH: "Rossmann kann nur klimaneutral werden, wenn unsere Lieferanten im gleichen Zuge folgen. Aber das wird nur möglich sein, wenn sich der nationale und internationale Energiemix als solcher radikal dekarbonisiert."

Die Großkonzerne erwarten deshalb, dass Deutschland international zum Vorbild in Sachen Klimaschutz wird: Die neue Regierung sei in der Pflicht, die Klimakonferenz in Glasgow im November und die G7-Präsidentschaft im kommenden Jahr zu nutzen, um "die transatlantische Zusammenarbeit zu stärken und die Grundlagen für einen Klima-Vorreiter-Club zu verankern, der internationale Standards für ein Paris kompatibles Finanzsystem und klimaneutrale Produkte" zu erarbeiten. "'Klimaneutralität machen' sollte zum Motto der neuen Legislaturperiode werden. Die neue Bundesregierung muss klimapolitisch mutig und entschlossen handeln und kann dabei auf die Unterstützung dieser breiten Unternehmensallianz bauen", sagt Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2 Grad.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Oktober 2021 um 11:00 Uhr.