"Mensch ärgere dich nicht" von Schmidt Spiele
Interview

Spiele-Hersteller Schmidt "Der Markt ist stark gewachsen"

Stand: 29.01.2021 10:37 Uhr

Auch wenn der klassische Spieleabend gerade ausfällt - die Nachfrage nach "Mensch ärgere Dich nicht" & Co. ist hoch. Welche Produkte gerade besonders im Trend liegen, erzählt Axel Kaldenhoven von Schmidt Spiele im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Der Verband der Spieleverlage berichtete im Oktober, dass der Umsatz von Gesellschaftsspielen in den ersten neun Monaten 2020 um mehr als 20 Prozent anzogen ist. Können Sie als Verlag Schmidt Spiele den Hype in der Krise bestätigen?

Axel Kaldenhoven: Ja, das können wir. Auf der einen Seite haben wir 2020 in den Handel hinein - also an Kaufhäuser oder Spielwarenläden - über 40 Prozent mehr verkauft als im Jahr zuvor. Zudem belegen Marktforschungszahlen auch einen starken Weiterverkauf an die Endverbraucher. Dort haben wir ein Plus von mehr als 36,8 Prozent gegenüber 2019. Normalerweise wächst der Spielwarenhandel um etwa drei bis fünf Prozent pro Jahr. Dieses Mal sind die Umsatzzahlen sehr viel höher.

Axel Kaldenhoven | Unternehmen

Axel Kaldenhoven ist der Chef des Spieleverlags Schmidt Spiele GmbH. Bild: Unternehmen

Vielen kommt es auf die gemeinsame Erfahrung an

tagesschau.de: Was ist der Grund für den Boom?

Kaldenhoven: Der Grund liegt eindeutig in der längeren Verweildauer zu Hause. Die Freizeitbeschäftigungen sind durch die Corona-Pandemie stark eingeschränkt. Wir sind viel häufiger zu Hause als sonst. Das heißt, wir müssen uns mehr mit der Familie oder alleine beschäftigen. Da ist natürlich neben dem Streaming oder dem Lesen auch das Spielen eine sehr willkommene Abwechslung.

tagesschau.de: Was sind die Trends der Spielefans in Corona-Zeiten?

Kaldenhoven: Trends sind einerseits kooperative Spiele wie "Escape-Games". Zum anderen sind auch Rätsel sowie "Roll and Write"-Spiele beliebt. Letzteres sind relativ kurze Würfelspiele mit wenig Aufwand und schnellen Ergebnissen, bei denen sowohl Glück als auch Strategie eine Rolle spielt. Dazu gehört zum Beispiel das Spiel "Ganz schön clever", was bei uns im vergangenen Jahr äußerst erfolgreich war und allein 2020 knapp 500.000 Mal verkauft wurde.

tagesschau.de: Welches war das meistverkaufte Spiel Ihres Verlags?

Kaldenhoven: Auch im Jahr 2020 wurden besonders gerne Klassiker gespielt. Die erfolgreichsten Spiele waren "Mensch ärgere Dich nicht" mit einer verkauften Stückzahl inklusive Spielesammlungen von über einer Million und "Kniffel" mit etwa 1,4 Millionen verkauften Spielen - ein Plus von 25 beziehungsweise 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist sensationell.

tagesschau.de: Woran liegt das?

Kaldenhoven: Was ist der Erfolg eines Spiels? Auch bei der fünften Spiel Runde gibt es immer neue Herausforderungen und eine Abwägung zwischen Glück und Spaß. Vielleicht wird sich auch das ein oder andere Mal geärgert. Dazu kommt, dass die Beschäftigung mit den Regeln bei diesen Klassikern sehr überschaubar ist. Sie können im Grunde die Schachtel aufmachen und loslegen. Außerdem geht die Zielgruppe von fünf bis 99 Jahren. Da kann auch mal die Oma mit dem Enkelkind spielen - die Chancen sind überall gleich.

Spielen ist längst nicht mehr nur für Kinder

tagesschau.de: Vermehrt greifen auch Erwachsene wieder zu Spielen. Der Verkauf von Spielen für diese Zielgruppe ist zuletzt um satte 30 Prozent gestiegen. Woran liegt das? An den Quarantänebedingungen?

Kaldenhoven: Natürlich hat auch das Thema Quarantäne einen großen Einfluss darauf, dass die Familie gemeinsam spielt oder sich die Leute allein beschäftigen. Zum Beispiel ist der Absatz von Puzzles im Vergleich zum Vorjahr extrem gestiegen - eine hervorragende Alleinbeschäftigung mit zügigen Erfolgserlebnissen. Die innere Befriedigung ist auch sehr wichtig. Denn wie toll ist es, wenn Sie aus 1000 Teilen mal wieder fünf Stück gefunden haben, die zusammenpassen.

Exit-Spiel | picture alliance / dpa

Kooperative Spiele wie "Exit" oder "Escape" sind in der Pandemie äußerst beliebt. Bild: picture alliance / dpa

tagesschau.de: Durch die Verlängerung des Lockdowns sind Spieleabende mit Freunden sehr rar geworden. Gibt es Alternativen?

Kaldenhoven: Viele Produkte, die man auf dem Tisch positionieren muss, können Sie auch über eine Videokonferenz spielen - zum Beispiel Schach. Wir bieten auch Download-Versionen für "Kniffel", "Mensch ärgere Dich nicht" oder "Ligretto" an, die online im Multiplayer-Modus gespielt werden können. Bei einer Videokonferenz ist es ganz nett, den Gegenüber zu sehen, wie dieser sich ärgert oder eben nicht. Auch ein "Ganz schön clever"- Spiel ist darüber möglich.

Es fehlt die haptische Erfahrung auf den Spielemessen

tagesschau.de: Trotz der starken Verkaufszahlen hat Corona auch für die Spielebranche negative Folgen. In dieser Woche hätte die Spielwarenmesse in Nürnberg stattgefunden - das wichtigste Event des Jahres. Sie wurde abgesagt. Ist das ein großes Problem?

Kaldenhoven: Das größte Problem ist die fehlende Begeisterung vor Ort für unsere Produkte. Spiele werden neben rationalen Gründen vor allem über Emotionen gekauft. Gerade Neuheiten sind per Videokonferenzen oder Trailer schwierig vorzustellen. Normalerweise spielen wir mit den Händlern auf der Messe das jeweilige Spiel an und erklären es kurz. Auch bei Puzzles ist es ein riesiger Unterschied, ob es auf dem Papier oder in echt zu sehen ist. Bei vielen Spielen ist auch die Haptik wichtig. Und es kommt auf die Gesellschaft an. Durch die abgesagten Veranstaltungen ist es sehr viel aufwändiger, Neuheiten näherzubringen.

tagesschau.de: Was ist noch anders seit der Corona-Pandemie?

Kaldenhoven: Wegen der Corona-Krise fallen alle Spielekreise aus, bei denen sich viele Menschen treffen und neue Spiele ausprobieren. Es gibt normalerweise auch Autorentreffen in Göttingen, wo uns Spieleautoren neue Produkte von ihnen zeigen. Auch das entfällt. Das heißt: Auch die Autoren müssen sich etwas einfallen lassen, wie sie uns mit neuen Ideen begeistern können.

Von Mai bis September machen wir darüber hinaus jedes Jahr eine Roadshow und sind mit unserem Schmidt-Mobil in ganz Deutschland unterwegs. An Ferienorten laden wir Verbraucher ein, Produkte zu spielen, und veranstalten Puzzle-, "Mensch ärgere Dich nicht"-, oder "Kniffel"-Turniere. Das fällt aktuell alles weg. Die Begeisterung und die Information über Neuheiten sind ein großes Manko. Dazu kommt natürlich, dass Spielwarengeschäfte derzeit geschlossen sind und es keine Mund-zu-Mund-Propaganda über den Handel gibt. Deshalb müssen wir neue Wege gehen. Das machen wir über Social Media und Podcasts.

Lieferengpässe gibt es auch in der Spielebranche

tagesschau.de: Trotzdem ist die Nachfrage nach Gesellschaftsspielen weiter hoch. Vielleicht sogar zu hoch? Gibt es Lieferengpässe?

Kaldenhoven: Es gibt eine erhöhte Nachfrage, und der Markt ist stark gewachsen. Gleichzeitig gelten natürlich auch in unseren Produktionsstätten die Corona-Schutzmaßnahmen. Alles, was aus Papier und Pappe ist, fertigen wir in Deutschland. Dort müssen wir den nötigen Abstand und die Hygienevorschriften beachten. Daher ist der Ausstoß in der Produktion geringer. Die Folge ist, dass es manchmal zu Lieferengpässen kommt. Wir sind nicht immer mit allen Produkten verfügbar.

Viele weitere Artikel kommen aus Fernost. Da gibt es derzeit das Problem mit Containerengpässen - wie auch in anderen Branchen etwa die der Automobilzulieferer.

tagesschau.de: Nach einem möglichen Ende der Corona-Maßnahmen, wenn die Menschen wieder mehr Freizeitbeschäftigungen haben und zum Beispiel wieder Mannschaftssport betreiben können, könnte die Begeisterung für das Spielen wieder abnehmen. Fällt die Branche dann in ein Loch?

Kaldenhoven: Langfristig bin ich immer sehr positiv gestimmt. Natürlich wird es so sein, dass die Zeit zum Spielen weniger wird, wenn wir wieder raus und beispielsweise in die Oper gehen können. Das wird dazu führen, dass sich mit dem ein oder anderen Produkt etwas weniger beschäftigt wird. Auf der anderen Seite hat die Spielebranche immer saisonale Schwankungen. Spiele werden eher in der dunklen und kalten Jahreszeit gespielt. Die Saison ist von September bis April. In den Sommermonaten wird es etwas schwächer, weil dann auch draußen gespielt wird.

Ich erwarte persönlich nicht, dass sich die Erfolgszahlen aus 2020 wiederholen, wenn wir keinen Lockdown mehr haben. Dennoch glaube ich, dass wir es mit dem Boom von vielen guten Gesellschaftsspielen geschafft haben, neue Zielgruppen anzusprechen und dazu bewegt haben, mal wieder zu spielen. Wir sind alle gefragt, dem Markt weiter gute Spiele zu präsentieren, damit der Trend anhält.

Das Interview führte Till Bücker, tagesschau.de.