Robert Habeck | picture alliance / Flashpic

Energie-Versorgung Industrie unterstützt Habecks Gassparpläne

Stand: 20.06.2022 09:26 Uhr

Die Industrie unterstützt die Pläne von Wirtschaftsminister Habeck, angesichts der Drosselung russischer Gaslieferungen den Gasverbrauch zu senken. Der CDU-Politiker Jens Spahn kritisiert sie als zu spät und unzureichend.

Aus der deutschen Industrie kommt Unterstützung für Gassparpläne von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Industriepräsident Siegfried Russwurm sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Wir müssen den Verbrauch von Gas so stark wie möglich reduzieren, jede Kilowattstunde zählt." Priorität müsse sein, "die Gasspeicher zu füllen für den kommenden Winter". Deutschland müsse möglichst viele andere Quellen auftun.

Betriebe müssten umstellen zum Beispiel auf Öl, wo das gehe, so Russwurm. "Aber eine Reihe industrieller Prozesse funktioniert nur mit Gas. Ein Gasmangel droht zum Stillstand von Produktion zu führen", sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie.

"Zu spät"

Kritisch äußerte sich dagegen Unionsfraktionsvize Jens Spahn: "Es ist richtig, dass Robert Habeck diesen Schritt geht, über seinen Schatten springt. Nur - er geht ihn zu spät", sagte der CDU-Politiker im ARD-Morgenmagazin. Die Bundesregierung sei offenkundig nicht gut vorbereitet. "Hätten wir im März schon begonnen, mehr Kohlekraftwerke, weniger Gaskraftwerke laufen zu lassen, dann wären die Speicher jetzt vielleicht schon zehn Prozent voller."

Der Wirtschaftsminister geht aus Sicht von Spahn zudem nur den halben Weg, da er Kernkraftwerke nicht länger laufen lasse. Er verstehe nicht, dass der grüne Klimaminister lieber Kohlekraftwerke länger und stärker laufen lasse als CO2-neutrale Kernkraftwerke, sagte Spahn. Mit Blick auf Widerstand auch von Betreibern der Kernkraftwerke angesichts hoher Hürden sagte der CDU-Politiker, Energieversorger scheuten den zusätzlichen Aufwand.

"Aber wir sind in einer echten Notlage", sagte Spahn. Bevor Bürger zum Frieren aufgefordert würden, sollte die Politik alle anderen Alternativen prüfen. "Dazu gehört eben auch das Längerlaufen von Kernkraftwerken", so Spahn. Es gehe nicht darum, den Ausstieg in Frage zu stellen.

Chemie größter Gasverbraucher in Deutschland

Industriepräsident Russwurm bekräftigte unterdessen, dass die Gasverstromung gestoppt und Kohlekraftwerke aus der Reserve geholt werden müssten. "Aktuell geht es um kurzfristige Überbrückungsmaßnahmen zur Sicherung der Energieversorgung, nicht um einen Termin des Kohleausstiegs 2038 oder 2030." Die erneuerbaren Energien müssten massiv beschleunigt werden. "Deutschland muss sich endlich von lähmenden Klein-Klein-Debatten und Blockadehaltungen verabschieden und beim Erneuerbaren-Ausbau runter von der Bremse. Politik und Verwaltung müssen schleunigst den Turbo einschalten für die Ausweisung neuer Flächen für Windkraft- und Solarkraftanlagen und für schnellere Genehmigungen."

"Deutschland muss jetzt zügig und pragmatisch alle Möglichkeiten nutzen, Gas da einzusparen, wo es ersetzbar ist", erklärte auch Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie. Der Verband unterstütze die von Habeck vorgestellten Maßnahmen. Vor allem beim Umstieg der Stromgewinnung von Gas auf Kohle müssten umgehend alle Kapazitäten ohne Unterschiede genutzt werden können.

Das von Habeck angekündigte Gasauktionsmodell zur Einsparung von Industriegas begrüßte Große Entrup als marktwirtschaftliches Instrument. Die Chemiebranche sei mit einem Anteil von 15 Prozent der größte Verbraucher von Erdgas in Deutschland.

"Klimaziele nicht aus den Augen verlieren"

Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Stadtwerkeverbands VKU, erklärte, es sei absolut richtig, zügig auf die dynamische Lage zu reagieren und wenn nötig auch Notfallmaßnahmen zu ergreifen. "Vor allem eine Rückkehr von Kohlekraftwerken an den Strommarkt ist zielführend. Dies kann bereits entscheidend dazu beitragen, den Gasverbrauch zu senken." Der VKU warne aber vor einer "pauschalen Untersagung" von Gasverstromung oder Strafzahlungen. Liebing forderte außerdem staatliche Hilfen nicht nur für den Energiebörsenhandel, sondern auch für Stadtwerke.

Für den Maschinenbauverband VDMA erklärte Präsident Karl Haeusgen, die Pläne Habecks seien richtig, jetzt einen geringeren Gasverbrauch zu organisieren.  Besonders unterstütze der VDMA das Vorhaben, Anreize für einen reduzierten Gasverbrauch in der Industrie zu schaffen. Wirkungsvoll, aber sehr sensibel sei dagegen der mögliche Eingriff in die Stromerzeugung. "Kurzfristig kann mehr Kohlestrom aus Reservekraftwerken zwar helfen, dabei dürfen aber die Klima-Transformationsziele nicht aus den Augen verloren werden."

Kritik aus dem Mittelstand  

Kritisch sieht hingegen der Mittelstand die Pläne. "Angesichts der reduzierten russischen Gaslieferungen macht sich im Mittelstand zunehmend die Sorge breit, bei der Energieversorgung zwischen den warmen Wohnzimmern von Privatverbrauchern und dem Rohstoffbedarf der Großindustrie den Kürzeren zu ziehen", sagte Markus Jerger, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW), dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Habecks Vorhaben, Gas über Auktionen zu verteilen, könne bedeuten, dass kleine und mittlere Unternehmen beim Bieten nicht mehr mithalten.

Derweil rechnet der Vorstandschef des Essener Energiekonzerns RWE, Markus Krebber, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine noch jahrelang mit hohen Gas- und Strompreisen. "Es wird vermutlich drei bis fünf Jahre dauern", sagte der Manager der "Süddeutschen Zeitung" zu den Energie-Engpässen in Deutschland. "Denn es braucht Zeit, bis neue Kapazitäten geschaffen sind und andere Staaten zusätzliche Energie liefern können."

RWE gegen Weiterbetrieb von Atomkraftwerken

Die Drosselung von Gaslieferungen aus Russland wirke sich für sein Unternehmen bereits aus, so der RWE-Chef. "Auch wir bekommen deutlich weniger als die vereinbarten Mengen." Der Konzern, der Gas- und Kohlekraftwerke in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden betreibt, müsse den Brennstoff nun "zu deutlich höheren und weiter steigenden Preisen kaufen".

Ein Weiterbetrieb der letzten Atomkraftwerke in Deutschland über Ende 2022 hinaus schloss Krebber aus. Allerdings setze RWE wie geplant auf die Erweiterung des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler II im Rheinland. "Der planmäßige Tagebaufortschritt ist wichtig - vor allem, wenn wir uns auf Szenarien vorbereiten, in denen Gas gespart werden soll."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. Juni 2022 um 08:05 Uhr.