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Diskriminierung älterer Mitarbeiter IBM-Manager wollten "Dino-Babies" loswerden

Stand: 16.02.2022 12:51 Uhr

Interne E-Mails zeigen, wie diskriminierend sich IBM-Führungskräfte über ältere Beschäftigte geäußert haben - um sie loszuwerden. Der IT-Konzern distanziert sich von solchen Praktiken. Doch die haben offenbar Methode.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Wenn es um sexuelle oder rassistische Diskriminierung gegangen wäre, hätte es einen Aufschrei gegeben, sagt die Anwältin Shannon Liss-Riordan. Wie sich der IT-Konzern IBM über ältere Mitarbeiter äußere, sei einfach nur schockierend. In ihrer ganzen Karriere hat die Arbeitsrechtlerin nach eigenen Angaben so etwas noch nicht erlebt: "Direkte Äußerungen der höchsten Führungskräfte, die sich offen über ältere Mitarbeiter lustig machen. Sie nennen sie 'Dino-Babies', die bei IBM zu einer 'ausgestorbenen Spezies' werden sollten", sagt Liss-Riordan.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Und es geht weiter: Die "veralteten mütterlichen Arbeitskräfte" seien "keine Digital Natives". Sie seien "eine echte Bedrohung" für das Unternehmen. So sollen sich Führungskräfte des Unternehmens in E-Mails über die Beschäftigten geäußert haben. Eine Haltung, die Liss-Riordan kennt. Die Anwältin vertritt mehr als 1000 ehemalige IBM-Mitarbeiter. "IBM hat systemische Altersdiskriminierung betrieben", sagt sie. "Ihr Ziel war es, ältere Mitarbeiter zu entlassen, um sie durch jüngere zu ersetzen."

Das geschehe natürlich nicht offensichtlich. Das Unternehmen biete den Älteren an, ihren Job zu behalten, wenn sie dafür den Einsatzort wechselten. "Und einige der E-Mails, die wir fanden und die jetzt publik gemacht wurden, bestätigen, dass diese Umzugsaktion in Wirklichkeit ein Versuch war, Leute rauszuwerfen, ohne den Eindruck zu erwecken, dass ihnen gekündigt wird", so Liss-Riordan.

Konzern verweist auf konstantes Durchschnittsalter

IBM sei bekannt für solche Praktiken. Der Konzern mit Hauptsitz im Staat New York bestreitet das. Personalchef Nickle LaMoreaux distanzierte sich in einer Erklärung von den E-Mails. Diskriminierung gehöre nicht zur Unternehmenskultur. Das Durchschnittsalter der IBM-Belegschaft in den USA habe zwischen 2010 und 2020 konstant bei 48 Jahren gelegen.

Anwältin Liss-Riordan hat aber auch andere Informationen: "Wir haben Beweise dafür, dass IBM sehr speziell nach 20- bis 30-Jährigen geschaut hat. Millennials, die sie mit Codenamen wie 'Früh-Berufstätige' bezeichnet haben. Junge Leute, die gerade vom College kommen."

Auch Aufsichtsbehörde sieht Altersdiskriminierung bei IBM

Auch die nationale Aufsichtsbehörde für Chancengleichheit wirft IBM in einem Bericht gezielte Altersdiskriminierung vor. Dabei solle ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz ältere Arbeitnehmer vor Kündigungen schützen, sagt Raymond Peeler von der Behörde. "Anders als in Europa gibt es hier in den USA kein Pensionsalter - abgesehen von einigen sicherheitsrelevanten Berufen", erläutert er. "Niemand kann aufgrund des Alters gezwungen werden, seinen Job aufzugeben."

Dennoch spricht Michael North von der New York University von großen Spannungen zwischen den Generationen. Sie wüchsen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, sagt der Fachmann für Altersdiskriminierung in der Arbeitswelt. Die Tech-Branche sei besonders betroffen. "Im Silicon Valley sind die Leute besonders nervös. Sie wollen nicht alt wirken", sagt North. "Weil das Tempo hier besonders hoch ist, fürchten sie, dass sie abgehängt werden."

Offiziell keine Altersabfrage bei Bewerbungen

Manche Leute fingen schon mit 20 Jahren mit plastischer Chirurgie an, um nicht merklich zu altern, so North. Offiziell gibt es das nicht. Da wird bei einer Bewerbung in den USA nicht einmal nach dem Geburtsjahr gefragt - anders als in Deutschland. "Dennoch musst du das Jahr deines College-Abschlusses angeben. Und dann ist es nicht schwer, zu rechnen", sagt North.

Genau deshalb musste sich IBM schon 2014 wegen Altersdiskriminierung vor Gericht verantworten. In einer Stellenausschreibung suchte der Konzern Bewerber mit einem Abschluss aus dem Jahr 2010 oder später.