Mann arbeitet am Laptop und telefoniert gleichzeitig | dpa

Bilanz nach drei Wochen Mehr Homeoffice, aber wenig Kontrollen

Stand: 18.02.2021 08:48 Uhr

Seit gut drei Wochen gilt die Pflicht für Arbeitgeber, Beschäftigten die Arbeit im Homeoffice zu ermöglichen, wann immer es geht. Die Zahlen zeigen: Offenbar wirkt das Gesetz. Doch es bleiben Hürden.

Von Eva Macht, SWR

Arbeiten von zu Hause - damit kennt sich Sabine Herrmann aus. Als Lebensmittel-Ingenieurin berät sie ihre Kunden aus dem heimischen Büro in Ditzingen bei Stuttgart. Jetzt noch mehr als sonst, denn Kundenkontakte entfallen wegen der Pandemie komplett.

Eva Macht

Gesetz bietet Interpretationsspielraum

Homeoffice: Das betrifft mittlerweile immer mehr Berufstätige. Denn mit der "SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung" hat das Bundesarbeitsministerium Homeoffice geregelt. Die Verordnung ist seit dem 27. Januar 2021 in Kraft und soll bis zum 15. März gelten. Paragraf 2, Absatz 4  der Verordnung besagt:

Der Arbeitgeber hat den Beschäftigten im Fall von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten anzubieten, diese Tätigkeiten in deren Wohnung auszuführen, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen.

Was "zwingende betriebsbedingte Gründe" sind, wird durch die Verordnung nicht genau geklärt. Der Arbeitgeber muss allerdings beweisen, dass Homeoffice nicht möglich ist, und kann andererseits den Beschäftigten nicht zum Homeoffice zwingen. Die Verordnung gilt für Privatwirtschaft und öffentliche Verwaltung gleichermaßen.

"Erfreuliche Entwicklung"

Eine aktuelle Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung hat ergeben, dass ein Viertel der Erwerbstätigen in Deutschland Ende Januar vorwiegend oder ausschließlich im Homeoffice gearbeitet hat. Der Anteil liegt damit wieder in etwa so hoch wie während des ersten Lockdowns im April 2020 (27 Prozent). Und er ist in den vergangenen Monaten gestiegen: von 14 Prozent im November auf 17 Prozent im Dezember und dann auf 24 Prozent im Januar. Die online Befragten bilden die Erwerbspersonen in Deutschland im Hinblick auf die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland repräsentativ ab.

"Die Entwicklung ist erfreulich", sagt Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Stiftung. "Die neuen Daten bestätigen aber auch, was wir auf der Basis der irritierend niedrigen Quote von November betont haben: In der Ausnahmesituation der Pandemie ist deutlich mehr Homeoffice möglich und zur Covid-Prävention auch dringend nötig."

Auch Verwaltungen reagieren

Auch die als träge geltende öffentliche Verwaltung zieht inzwischen offenbar mit. Das zeigt eine Umfrage des Städtetags Baden-Württemberg von Ende Januar. 103 von 190 Mitgliedern haben sich daran beteiligt. Demnach stieg in der städtischen Kernverwaltung der Anteil der Homeoffice-Arbeitsplätze innerhalb eines Jahres von elf Prozent auf inzwischen 67 Prozent.

"Die Städte haben also innerhalb kurzer Zeit und unter schwierigen Rahmenbedingungen die Zahl an Homeoffice-Arbeitsplätzen stark erhöht und wollen sie noch weiter ausbauen", sagt Gudrun Heute-Bluhm, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetags Baden-Württemberg. Allerdings gibt es beim schnellen Ausbau des Homeoffice-Programms auch Probleme. Das bestätigt der Sprecher der Stadt Esslingen, Roland Karpentier. "Die größte Hürde ist, dass Mitarbeitende von der Stadt nicht ausreichend mit dienstlichen Laptops ausgestattet werden können." Und: "In der Kernverwaltung verfügen wir über eine Glasfaserverbindung. Die privaten Internetverbindungen sind deutlich schwächer."

Außerdem sei die IT-Abteilung der Stadt Esslingen damit beschäftigt, 350 Mitarbeitern die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Bürotelefone auf die heimischen Apparate umzuleiten. Im Wesentlichen funktioniere das Homeoffice, aber in einigen Bereichen sei die physische Anwesenheit der städtischen Mitarbeiter erforderlich; zum Beispiel auf Standesämtern für Eheschließungen oder in Bürgerbüros für Unterschriften auf amtlichen Dokumenten.

Besonders schnell war man beim Maschinenbauunternehmen Wafios in Reutlingen. 650 Angestellte hat man dort, 300 davon arbeiten im Büro, zwei Drittel dieser Angestellten erledigen inzwischen ihre Arbeit von zu Hause aus. Die Firma ließ Datenleitungen ausbauen und ihre Mitarbeitenden mit Rechnern ausstatten. "Wenn manche Firmen ihre Mitarbeiter nun ins Homeoffice schicken und andere sagen, das geht nicht, dann finde ich das unfair," so Vorstandssprecher Uwe-Peter Weigmann. "Die Technologie ist keine Magie. Die kann man installieren."

Wie kontrolliert wird

Bleibt die Frage, wer eigentlich kontrolliert, ob die Corona-Arbeitsschutz-Verordnung auch eingehalten wird. Zuständig sind die Arbeitsschutzbehörden der Länder sowie die Aufsichtsdienste der Unfallversicherungsträger. Doch dort ist dafür nur begrenzt Personal vorhanden. In Nordrhein-Westfalen überprüfen rund 200 Aufsichtsbeamte Betriebe auf die Einhaltung von Hygiene - und Arbeitsschutzmaßnahmen, in Bayern sind 168 Mitarbeiter im Einsatz, in Sachsen-Anhalt 117.

Kritiker halten an diesem Punkt die Homeoffice-Regelung für zu weich. Zwar drohen bei Verstößen Bußgelder bis zu 30.000 Euro - doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Zunächst sollen sich Mitarbeiter an den Arbeitgeber oder den Betriebs- oder Personalrat wenden. Danach könne man die Arbeitsschutzbehörde einschalten.

In Pandemiezeiten müsse der Arbeitsschutz "schneller gehen", so die Grünen-Arbeitsmarktexpertin Beate Müller-Gemmeke. "Wir dürfen Beschäftigten, die beispielsweise einer Risikogruppe angehören oder Vorerkrankungen haben, nicht zumuten, dass sie sich erst mit ihrem Arbeitgeber über Arbeitsschutz oder Homeoffice auseinandersetzen müssen." Die Politikerin fordert deshalb eine "bundesweite Hotline", an die sich Beschäftigte wenden können.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. Februar 2021 um 06:35 Uhr.