Eine Monteurin arbeitet an einem Getriebe. | dpa

Arbeit im Lockdown Wo wird Homeoffice zum Problem?

Stand: 12.01.2021 09:14 Uhr

Der Druck auf Unternehmen wächst, noch mehr Homeoffice möglich zu machen. Experten verweisen auf Tätigkeiten, bei denen das kaum möglich ist. Offenbar spielt auch die Firmengröße eine Rolle.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Die Debatte über mögliche Vorgaben für Unternehmen beim Homeoffice nimmt weiter Fahrt auf. Der Deutsche Gewerkschaftsbund bringt abermals einen Rechtsanspruch ins Spiel. Angesichts nicht nachlassender Infektionszahlen werden parteiübergreifend Forderungen lauter, wieder verstärkt auf Heimarbeit zu setzen - dort, wo sie möglich ist. Andernfalls seien weitere Beschränkungen auch für die Wirtschaft nicht auszuschließen, warnt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD.

Wo kein Homeoffice möglich sei, müssten die Hygieneauflagen strikt eingehalten werden, mahnte Heil. Sonst könne er einen Stillstand auch in der Produktion nicht ausschließen. Einen Lockdown in der gesamten Wirtschaft wolle er jedoch unbedingt vermeiden. Es gehe darum, "dass unsere Wirtschaft, wo immer es geht, am Laufen gehalten wird". Heil bedauerte, dass die Einführung eines Rechtsanspruchs auf Homeoffice am Widerstand der Union gescheitert sei. "Sonst wären wir jetzt weiter." Nach seinem Eindruck wurde die Heimarbeit im Frühjahr mehr genutzt als jetzt.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hält eine Rede im Bundestag. | dpa

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil appelliert an die Unternehmen, die Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Bild: dpa

Homeoffice im ersten Lockdown mehr genutzt

Und tatsächlich: Nachdem im ersten Lockdown im April noch 27 Prozent der Befragten gegenüber der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung angegeben hatten, überwiegend oder ausschließlich von zu Hause aus zu arbeiten, waren es im November lediglich 14 Prozent der Erwerbstätigen.

Anfang Dezember arbeitete dem Digitalverband Bitkom zufolge allerdings schon wieder jeder vierte Berufstätige ausschließlich im Homeoffice. Das wären etwa 10,5 Millionen Deutsche. Auf weitere 20 Prozent treffe das teilweise zu.

Das Problem: "Fast 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland können nicht von zu Hause aus arbeiten - häufig, weil ihre Arbeit einen Dienst an anderen Menschen beinhaltet. Unternehmen haben bereits jetzt zu kämpfen, diese Pandemie zu überleben", sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der Deutschen Presse-Agentur.

Aufgaben sind ausschlaggebend

"Ob Unternehmen Mitarbeiter ins Homeoffice schicken können, hängt mit den einzelnen Tätigkeiten zusammen", betont auch Oliver Stettes, Arbeitsmarktforscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), im Gespräch mit tagesschau.de. Einige Aufgaben seien an die jeweiligen Arbeitsplätze geknüpft. Beschäftigte in der Produktion seien etwa an Maschinen gebunden. Gerade in der Industrie, in der Baubranche, im Einzelhandel oder bei Verkehr und Logistik sei Homeoffice schlicht nicht möglich.

Eignen würden sich dagegen Jobs im Dienstleistungssektor oder in einzelnen Unternehmensbereichen, wo viel kommuniziert wird: in der Verwaltung, im Vertrieb oder Service. Dennoch gebe es keine pauschale Antwort, so Stettes. Denn dazu kämen hindernde Faktoren wie eine passende technische Ausstattung, eine ausreichende Datenübertragung sowie Datenschutz-Standards.

Außerdem hätten es Großkonzerne mit einem größeren Budget und höherer Planungssicherheit meist einfacher als mittelständische Firmen oder Familienbetriebe. So haben die DAX-Konzerne ihre digital arbeitende Belegschaft mittlerweile ganz oder teilweise ins Homeoffice geschickt. Gerade vor dem Hintergrund eines Rückgangs der Aufträge ist es laut Stettes für viele kleinere Unternehmen dagegen enorm schwierig.

Verpflichtung gerechtfertigt?

Einige Wirtschaftsverbände wehren sich daher gegen eine möglicherweise verpflichtende Regelung. "Auch in Corona-Zeiten müssen unsere Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen und die Produktion aufrechterhalten", argumentierte etwa Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA.

Die Maschinenbauer sorgten dafür, Beschäftigten mobiles Arbeiten zu ermöglichen, deren Arbeitsplätze nicht direkt an die Produktion gebunden seien. Ein gesetzlicher Homeoffice-Zwang mit Bußgeldern wäre aus seiner Sicht "absurd".

Auch Stettes hält eine Verpflichtung für nicht gerechtfertigt. "Es gibt keine Evidenz, dass das Büro ein Infektionsherd ist", so der Experte. Diese Maßnahme sei daher eine Belastung ohne Sicherheit.

Auch ohne neue Regeln könnte Homeoffice wieder zunehmen

Dennoch: Die negative Entwicklung der Heimarbeit zeigen auch Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. So waren im Juni noch rund 64 Prozent der befragten Arbeitnehmer mindestens elf Stunden pro Woche im Homeoffice. Im September lag die Zahl nur noch bei 54,5 Prozent. Befragt wurden Erwerbstätige, für die Mobilarbeit möglich ist.

Die Beschäftigten seien im Sommer an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt, weil sie es nur als Notfallmaßnahme ansahen, erklärt Stettes. Er ist überzeugt: "Aufgrund der Schulschließungen, hoher Infektionszahlen und Sensibilisierung der Unternehmen wird das Homeoffice im Januar wieder zunehmen." Eine Verpflichtung brauche es nicht.

"Die Unternehmen nehmen in der Corona-Pandemie Einschränkungen in Kauf, um keine Infektionen und damit Einbußen zu riskieren", meint der IW-Forscher. Es werde sich nicht prinzipiell gesträubt, sondern einzelne Aufgaben so gut es geht ausgelagert. Wenn Firmen das Homeoffice ablehnten, gebe es meist sachliche Gründe.

Diskussion in der Politik nimmt Fahrt auf

Angesichts anhaltend hoher Infektionszahlen mehren sich indes die Forderungen aus der Politik, die Wirtschaft bei der Bekämpfung der Pandemie stärker in den Fokus zu nehmen.

"Wir brauchen eine Corona-Arbeitsschutzverordnung, die Unternehmen verpflichtet, überall dort, wo es möglich ist, Homeoffice jetzt auch anzubieten", sagte Katrin Fraktionschefin Göring-Eckardt in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Wo Arbeitgeber uneinsichtig seien und ohne Grund Präsenz am Arbeitsplatz einforderten, müsse "mit Bußgeldern Druck gemacht" werden. Die Linke fordert ebenfalls einen grundsätzlichen Rechtsanspruch auf Homeoffice während des Lockdowns und eine Begründungspflicht des Arbeitgebers, wenn es nicht möglich sein sollte.

Bundesarbeitsminister Heil will seinen Appell an die Unternehmen, das Arbeiten von zu Hause zu ermöglichen, am Dienstag in einer Konferenz mit den Personalvorständen großer Firmen bekräftigen. "Willkürlich Homeoffice zu verweigern, wäre jetzt unverantwortlich", sagte er im NDR.

Konkrete Zielvorgaben für Firmen?

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will im Kampf gegen das Virus - gerade auch mit Blick auf die besonders in Großbritannien aufgetretene Mutation - die Arbeitgeber zu mehr Homeoffice-Möglichkeiten drängen, auch mit konkreten Zielvorgaben. Zunächst einmal müsse aber überlegt werden, wie die Potenziale besser ausgeschöpft werden könnten, sagte Söder. Wenn das nicht funktioniere, müsse man vielleicht über "andere Maßnahmen" nachdenken.

Voraussichtlich an diesem Mittwoch wolle er bei einem "Homeoffice-Gipfel" mit Wirtschaft und Gewerkschaften darüber sprechen, kündigte er an. Man könne zwar nicht alles ganz einfach über einen Kamm scheren. "Nicht jede Branche ist gleich, nicht jede Tätigkeit ist gleich. Aber die Bereitschaft generell muss deutlich erhöht und verbessert werden", forderte der Ministerpräsident.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Januar 2021 um 13:50 Uhr.