Ein Mann arbeitet zu Hause an einem Laptop in seinem Homeoffice. | dpa

Bilanz nach zwei Jahren Corona Von der Präsenzkultur ins Homeoffice

Stand: 19.01.2022 06:11 Uhr

Corona hat die Zahl der Beschäftigten im Homeoffice sprunghaft ansteigen lassen. Nach zwei Jahren Pandemie legt das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln heute einen Rück- und Ausblick vor.

Von Vera Schmidberger, SWR

Torsten Wagner sitzt in seinem Homeoffice vor drei Bildschirmen und springt von einem virtuellen Meeting zum nächsten. Der Ingenieur ist Leiter der Rohrleitungsplanung beim Leverkusener Chemiekonzern Covestro. Wagner war genau am Beginn der Pandemie zu dem Unternehmen gewechselt. Seine Herausforderung: einen neuen Arbeitsbereich gestalten, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kennenlernen und globale Netzwerke aufbauen - alles aus dem Homeoffice. "Ich war selbst erstaunt, dass das so reibungslos funktioniert hat", sagt Wagner rückblickend, "dass sich sowohl Projekte im Engineering als auch interne Veränderungsprozesse so gut managen ließen." Bis heute kennt Wagner pandemiebedingt die Hälfte seiner Mitarbeitenden nur vom Bildschirm.

Vera Schmidberger

Omikron schiebt Homeoffice erneut an

Die steigenden Corona-Zahlen haben wieder mehr Beschäftigte ins Homeoffice zurückgebracht. Nach der jüngsten Umfrage des ifo-Instituts in München arbeiteten im Dezember zeitweise rund 28 Prozent der Beschäftigten zu Hause. Allerdings müssten es sogar noch mehr sein: "Nicht alle Unternehmen beachten offenbar die Ende November wieder eingeführte Homeoffice-Pflicht", sagt Jean-Victor Alipour, Experte für Homeoffice beim ifo-Institut.

Rückblickend hat sich in Deutschland viel verändert. So zieht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln nach zwei Jahren Pandemie Bilanz: In Deutschland arbeiteten vor Ausbruch der Pandemie im internationalen Vergleich deutlich weniger Menschen mobil oder im Homeoffice als anderswo. Mit dem ersten Lockdown im März 2020 und durch die zwischenzeitlich verfügte Homeoffice-Pflicht stiegen die Zahlen rapide an. In der Spitze arbeitete im Februar 2021 fast die Hälfte der abhängig Beschäftigten von zu Hause aus.

Mobil, agil - modern?

"Homeoffice gilt als zeitgemäß und schick, Präsenz als altbacken - doch davor würde ich warnen", sagt Oliver Stettes, Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt beim IW. Das Arbeiten zu Hause sei weder gut noch schlecht, sondern schlicht eine von zwei Arbeitsformen. Beide hätten ihre Berechtigung. Mit der Hoffnung auf ein Ende der globalen Gesundheitskrise treten nun die grundsätzlichen Fragen über Vor- und Nachteile mobiler Arbeit wieder verstärkt in den Fokus. Betriebliche Notwendigkeiten und individuelle Belange müssen austariert werden.

"Dort, wo man im Verlauf der Pandemie festgestellt hat, dass es nicht die richtige Arbeitsform ist, wird man ziemlich geräuschlos zur Präsenz zurückkehren, wenn die Umstände das erlauben", prognostiziert Stettes. Wenn allerdings die Wünsche der Beschäftigten nach Homeoffice und die Pläne von insbesondere kleinen Unternehmen auseinandergehen, berge das Potenzial für Konflikte. "Das wird die große Herausforderung, mit diesen gegensätzlichen Interessen umzugehen", sagt Stettes.

Eine Frage der Teams

Ob Homeoffice funktioniert oder nicht, sei keine Frage der jeweiligen Branche, sondern hat laut Stettes viel mit Menschen zu tun: "Wir werden völlig unterschiedliche Lösungen innerhalb eines Unternehmens haben." So sei es durchaus denkbar, dass innerhalb eines Betriebes zwei scheinbar ähnlich funktionierende Bereiche sich langfristig in unterschiedlichen Arbeitsformen organisieren. Für Führungskräfte bringt das viel Verantwortung. Kritisch werde es, so Stettes, wenn etwa die Vertrauensbasis nicht ausreiche oder die Führungskraft meint, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin nicht willens oder in der Lage ist, die fürs Homeoffice nötige Eigenverantwortung zu übernehmen.

Denn Autonomie im Homeoffice bedeutet auch: Verantwortung für die eigene Leistung übernehmen. Was häufig übersehen werde, meint Stettes, sei der Reibepunkt zwischen Führungskräften und Mitarbeitern über konkrete Arbeitsergebnisse. "Ein 'Ich habe mich wahnsinnig angestrengt' genügt nicht, wenn am Ende kein Ergebnis erreicht wird oder externes Feedback nicht gut ausfällt", sagt Stettes. In solchen Fällen müsse man signalisieren, dass der Mitarbeiter die Verantwortung für das Arbeitsergebnis zu übernehmen hat "Das kann im Extremfall damit verbunden sein - wenn man flexible Entgeltsysteme oder Leistungsmanagementsysteme hat -, dass sich das auf dem Konto ausdrückt. Und dann hört für viele der Spaß am Homeoffice auf", so Stettes.

Vorsprung durch Betriebsvereinbarungen

Auch am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung hat man die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitswelt untersucht. Im Fokus standen Betriebs- und Dienstvereinbarungen, die schon vor Beginn der Pandemie beschlossen waren, und deren Umsetzung im Verlauf der Krise. I.M.U.-Expertin Sandra Mierich sieht einen klaren Vorteil für Unternehmen mit Betriebs- oder Personalrat, tariflicher Bindung und gutem gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Hier seien wichtige Rahmenbedingungen schon vor der Pandemie geregelt gewesen - ein Vorsprung gegenüber Unternehmen, die mit Corona bei Null anfangen mussten: "Das bezieht sich etwa auf die Frage, welche Tätigkeiten ins Homeoffice verlagert werden können, auf organisatorische Abläufe und Fragen der technischen Infrastruktur. Überall da, wo das schon vorher geregelt war, gab es bestimmte Diskussionen nicht." 

Kommunikationszentrum Kaffeemaschine

Über Branchen und Betriebsgrößen hinweg hat der große Anteil an Beschäftigten im Homeoffice allerdings auch gezeigt: Selbst die beste digitale Vernetzung ersetzt nicht jede persönliche Kommunikation. Für die Zeit nach der Krise blicken Experten verstärkt auf die große Bedeutung sozialer Kontakte im Unternehmen. "Auch die gut gemachte Online-Betriebsversammlung oder virtuelle Kaffeerunden ersetzen keine persönlichen Gespräche", so Mierich. Diese informelle Kommunikation sei nicht nur wichtig für die Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen: "Sie ist auch besonders wichtig für die Beschäftigten. Man kann Dinge besser verstehen und hinterfragen, und das erleichtert Arbeit".

Beim der Leverkusener Covestro AG freut sich Manager Torsten Wagner jedenfalls vor allem auf eines: dass das Pandemiegeschehen ihm möglichst bald die Chance gibt, auch die andere Hälfte seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenzulernen - diejenigen, die er bis jetzt nur auf seinen drei Bildschirmen gesehen hat.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Januar 2022 um 12:29 Uhr und 18:08 Uhr.