Schriftzug der Helios-Kliniken | STRINGER/EPA-EFE/REX

Helios-Kliniken Millionengewinne und knappes Personal

Stand: 13.04.2021 10:26 Uhr

Der Klinik-Konzern Helios hat auch im Krisenjahr 2020 Gewinne eingefahren und stellt Anlegern höhere Dividenden in Aussicht. Gleichzeitig ist nach mdr-Recherchen Personal teils zu knapp, um Notfälle zu behandeln.

Von C. Haentjes, C. Huppertz, I. Dippmann und S. Kloppmann, mdr

Das Herzzentrum Leipzig ist eine der führenden Fachkliniken für Herz-Medizin in Europa. Doch Personal sei hier so knapp geplant, dass Notfälle oft nicht angenommen werden könnten, sagen verschiedene Ärzte und Ärztinnen des Klinikums im mdr-Nachrichtenmagazin Exakt. Sie wollen anonym bleiben; sie fürchten, ihre Arbeit zu verlieren - und juristische Folgen. Die Mediziner berichten unter anderem, fast jeden dritten Tag müsste der Rettungsleitstelle signalisiert werden, dass man sie nicht anfahren solle.

"Es ist so, dass unsere Intensivstation einen Großteil der Zeit ihrem Versorgungsauftrag nicht nachkommen kann und sich von der Aufnahme akut erkrankter Patienten abmelden muss", erzählt ein Arzt, der anonym bleiben will. "Wir müssen Patienten, die einen Termin zu einer Routine-Aufnahme haben, absagen und auf irgendwann vertrösten, ohne sie in Augenschein zu nehmen. Das ist eine Lotterie, wenn ich den Patienten nicht kenne." Es gebe immer wieder Patienten, die auf der Warteliste versterben, so der Mediziner.

Für die Behandlung in ein anderes Bundesland

Das sei nicht nur auf den bisherigen Höhepunkten der Corona-Pandemie so - es komme auch bei ganz normalen Notfällen vor: bei Herzinfarkten, akuter Herzschwäche oder Lungenembolien. Solche Notfälle benötigen eine sofortige Behandlung, sonst geht wertvolle Zeit verloren. So etwa im Fall einer sogenannten Aortendissektion: einem herzchirurgischen Notfall, bei dem die Chance zu überleben jede Stunde um fünf Prozent sinkt. Eine Klinik in Leipzig fragte deswegen im Herzzentrum an. Ohne Erfolg, erzählt ein anderer Arzt, der ebenfalls unerkannt bleiben möchte. "Dieser Patient konnte in der Klinik nicht aufgenommen werden, weil die Möglichkeiten zu operieren beziehungsweise einen operierten Patienten zu überwachen nicht gegeben waren. Aus personellen Gründen. Er musste weit weg transportiert werden. In ein anderes Bundesland."

mdr Exakt fragt bei der Klinik nach. Diese antwortet schriftlich: "Der Fall ist uns bekannt. Diese Verlegung wurde (…) situationsbedingt von uns abgelehnt. (…) Wir hatten an diesem Tag eine hochausgelastete Intensivstation." Es habe auch Abmeldungen von der Rettungsleitstelle gegeben, gesteht die Klinik ein, und betont gleichzeitig, dies habe nur nicht-lebensbedrohliche Notfälle betroffen. Alle andere Vorwürfe der Ärzte bestreitet das Klinikum. Jegliche Kapazitätsengpässe seien durch die Corona-Pandemie begründet. Doch schon lange gibt es Streit - auch vor Gericht - über Überstundenregelungen.

Weiterer Personalabbau geplant?

Gegenüber mdr Exakt bestätigt das Herzzentrum Pläne, Personal zu kürzen. Auch in anderen Helios-Kliniken gebe es solche Pläne, sagt die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna: "In der Tat hören wir von unseren Mitgliedern aus fast allen Landesverbänden, dass im Helios-Konzern Arztstellen eingespart werden sollen. Es scheint so zu sein, dass Helios plant, etwa zehn Prozent der Arztstellen im Konzern abzubauen. Und das heißt ja, dass die Ärztinnen und Ärzte, die dann bleiben, noch mehr Überstunden leisten müssen."

Es geht offenbar um Wirtschaftlichkeit. Interne Berichte, die mdr Exakt vorliegen, zeigen, dass der Gewinn des Herzklinikums im Corona-Jahr 2020 23 Millionen Euro vor Steuern und Zinsen betrug. Das ist eine Steigerung um 43 Prozent im Vergleich zu 2019. Den Anteilseignern werden höhere Dividenden in Aussicht gestellt. Trotzdem sind auch im Herzzentrum Leipzig Kürzungen geplant. Nach Informationen von mdr Exakt sollen möglichst viele Ärzte ihre Arbeitszeit auf 95 Prozent verringern. Befristete Verträge sollen Berichten zufolge schon ab April auslaufen. Das wäre mitten in der dritten Corona-Welle - also genau dann, wenn der Personalbedarf besonders hoch ist. Die Klinik hingegen spricht von Juni.