Die Sonne strahlt über einer Nutzhanfpflanze | picture alliance / dpa

Hanfanbau im Allgäu Legal auf dem Feld

Stand: 07.11.2021 11:24 Uhr

Schon vor der aktuellen Debatte über die Cannabis-Legalisierung ist das Interesse an Nutzhanf stark gewachsen. Dessen Anbau ist erlaubt und bietet Chancen, die Landwirte im Allgäu verstärkt nutzen.

Von Michaela Neukirch, BR

Die Fläche ist so groß wie 35 Fußballfelder. Sechs Landwirte aus dem Allgäu haben dort den Sommer über getestet, wie gut sich Hanf anbauen lässt. Im Mai wurde ausgesät, inzwischen ist die erste Hanfernte eingefahren. Das Fazit fällt positiv aus: "Hanfanbau im Allgäu macht zukünftig auf jeden Fall Sinn", sagt Wolfgang Mösle.

Er ist einer der beteiligten Landwirte aus der Nähe von Memmingen. Gerade jetzt, da die Preise für Milch und Fleisch verfallen, biete der Hanfanbau Landwirten die Chance auf ein zusätzliches Einkommen, so Mösle. Zusammen mit vier Allgäuer Unternehmern haben sich die Landwirte zur "Hanfu GmbH" zusammengeschlossen und möchten den Hanf, der schon früher in der Region heimisch war, wieder zurückbringen.

Bisher nur Anbau von Nutzhanf erlaubt

Dabei geht es nicht um den Rausch. Denn anbauen darf man in Deutschland bislang nur den sogenannten Nutzhanf - also Hanf, dessen THC-Gehalt weniger als 0,2 Prozent beträgt. Doch auch ohne ihre berauschende Wirkung liegt die Pflanze im Trend. Experten zufolge könnte Hanf ein bedeutender Werkstoff der Zukunft werden.

Von Dämmmaterial für die Bauwirtschaft über Lebensmittel und Kosmetik bis hin zu Textilien: Die Einsatzmöglichkeiten von Hanf seien enorm, betont auch Wenzel Cerveny, Vorsitzender des Cannabis Verbands in Bayern. "Es ist ein Milliardenmarkt. Langfristig wird der Nutzhanfmarkt viel größer sein als der THC-Markt", sagt er. "Aus Industrie- oder Nutzhanf lassen sich theoretisch bis zu 50.000 verschiedene Produkte herstellen."

Derzeit Überangebot

Ob Samen, Blätter oder Stängel - die Pflanze lässt sich zu 100 Prozent verwerten. Diese Aussicht hat in den vergangenen Jahren viele in den Markt gelockt. Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wurde Nutzhanf im Jahr 2021 bundesweit auf einer Fläche von 6443 Hektar angebaut. 863 landwirtschaftliche Betriebe sind derzeit als Anbauer gelistet.

Cerveny spricht in diesem Zusammenhang von einem Überangebot, das derzeit auf dem Nutzhanf-Markt herrsche. "In den letzten vier Jahren sind viele Landwirte in den Hanfanbau eingestiegen", sagt er, macht aber Neueinsteigern wie den Allgäuer Landwirten Mut. Je mehr Landwirte Hanf anbauten, desto mehr werde das "innovative Menschen anziehen, die diese Stoffe wieder verarbeiten, beispielsweise zu Papier oder Kunststoff".

Allgäuer Landwirte der Hanfu GmbH stehen auf einem Hanffeld | Michaela Neukirch, BR

Die Allgäuer Landwirte der Hanfu GmbH wollen nach dem positiven Testlauf in diesem Jahr den Hanfanbau 2022 stark ausweiten. Bild: Michaela Neukirch, BR

Kampf für Zulassung weiterer Sorten

Momentan sind innerhalb der EU 52 Sorten von Nutzhanf für den Anbau zertifiziert. Seit Jahren kämpft Cerveny bereits für die Freigabe weiterer Sorten und die Legalisierung von Cannabis. Unter anderem erhofft er sich, "dass dadurch der Hanf als solcher nicht länger verteufelt wird, sondern aus der Schwarzmarkt-Ecke herauskommt."

Davon könnten auch die Hanfbauern profitieren. Denn noch stoßen die Landwirte auf viele Vorurteile. Spaziergänger oder Autofahrer, denen die Allgäuer Hanffelder im Sommer aufgefallen waren, meldeten das der Polizei oder bedienten sich gleich selbst an den Blättern. Vergebens, denn mit seinem niedrigen THC-Gehalt taugt der Nutzhanf nicht zum Rausch.

Auch bei einer Legalisierung blieben viele Fragen

Mit Blick auf die künftige Bundesregierung stellt Gerhard Diepolder, Geschäftsführer der Hanfu GmbH, klar: "Auch wenn der Hanf legalisiert wird, würden noch so viele Hürden vor uns stehen, bis man diesen Hanf auch frei anbauen kann: Wer schützt den Hanf? Umzäunen? Bewachen? Also das Thema ist für uns momentan noch außen vor." Denn er betont: Wertvoll ist die Pflanze auch ohne THC.

Insgesamt sind die Allgäuer Bauern mit ihrem Versuch zufrieden. Trotz des verregneten Sommers ist der Hanf hier gut gewachsen. Deshalb wollen sie schon nächstes Jahr statt bisher 25 Hektar mehr als 1000 Hektar mit Hanf bepflanzen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Oktober 2021 um 14:24 Uhr.