Gemüse liegt in einem Supermarkt | dpa

Umgang mit Gemüse Umweltbundesamt kritisiert Handelsketten

Stand: 21.01.2022 10:44 Uhr

Viel Gemüse bleibt laut Umweltbundesamt auf den Feldern liegen, weil es etwa optische Vorgaben des Handels nicht erfüllt - zu Lasten der Umwelt. Der Behördenchef appelliert daher an den Handel.

Von Christopher Jähnert, ARD-Hauptstadtstudio

Lebensmittelverschwendung findet nicht nur bei den Verbrauchern im Haushalt statt, sondern schon bei der Produktion. Dirk Messner, der Präsident des Umweltbundesamts, kritisiert das im SWR Interview der Woche. "Das Gemüse, das Obst, soll eine Größe haben, das soll ein bestimmtes Aussehen haben, das soll immer gleichmäßig sein", sagt er. Das gehe über die üblichen Standards in Deutschland und der EU hinaus, "die natürlich auch den Gesundheitsschutz adressieren". Der Handel stelle dann noch mal besondere Anforderungen - "im Grunde genommen, damit die Produkte schick und gleichmäßig aussehen".

Christopher Jähnert ARD-Hauptstadtstudio

Viel Gemüse umsonst produziert

Fachleute schätzen laut Umweltbundesamt, dass zwischen zehn und 30 Prozent des erzeugten Gemüses auf den Feldern liegen bleiben. Bei ökologisch erzeugten Kartoffeln zum Beispiel würden rund 30 bis 35 Prozent aussortiert - wegen optischer Anforderungen und Größenvorgaben. Das Umweltbundesamt bezieht sich bei diesen Zahlen auf verschiedene Studien.

Die Vorgaben der Handelsketten zu Größe und Aussehen belasteten unnötigerweise Umwelt und Klima, heißt es in einem neuen Papier der Behörde, das dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt. "Damit das erreicht werden kann, haben wir mehr Einsatz von Dünger, mehr Einsatz von Pestiziden - also Chemikalieneinsatz, mehr Wasser", so Messner. "Das hat ja Umweltkosten, das zu tun, und auch Klima-Implikationen."

Perfekt und trotzdem im Müll

Doch selbst wenn das Gemüse dann länger auf dem Feld war, um den Vorgaben zu genügen, wird ein Teil laut Umweltbundesamt trotzdem weggeworfen. Das passiere beispielsweise, wenn "ein Großteil des Gemüses die geforderte Größe beziehungsweise das geforderte Gewicht gleichzeitig erreicht". Das Umweltbundesamt spricht von "Erntespitzen". Übersetzt: Es gibt zu manchen Zeiten mehr Gemüse, als der Handel bestellt hat, weil Landwirte darauf warten müssen, dass bestimmte Größen erreicht werden.

Als Beispiel nennt das Umweltbundesamt in seinem Papier die Anforderungen einiger Handelsunternehmen für Kohlrabi: zehn bis zwölf Zentimeter Durchmesser. Bei Brokkoli würden 500 Gramm Mindestgewicht verlangt. Gegebenenfalls sei es nötig, kurz vor der Ernte noch einmal zu düngen, um auf diese Maße zu kommen.

Ein Dorn im Auge ist dem Chef des Umweltbundesamts vor allem der "Blattschmuck" am Gemüse, also die grünen Blätter an Karotten, Radieschen oder Kohlrabi, die man in der Regel nicht isst. "Der grüne Teil an den Pflanzen, an den Radieschen, an den Möhren und so weiter, der soll die Wirkung auslösen bei uns Kunden, dass wir das für ein natürliches Produkt halten", sagt Messer im SWR-Interview. "Das soll grün aussehen, das soll frisch aussehen - aber es werden für die Produktion dieser Pflanzen wiederum zusätzliche Chemikalien eingesetzt, damit das so bei uns landet."

Dirk Messner - Präsident des Umweltbundesamts | dpa

Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts, appelliert an den Handel, freiwillig auf die verbreiteten Anforderungen an Obst und Gemüse zu verzichten. Bild: dpa

Handel soll sich freiwillig ändern

Das Umweltbundesamt schlägt deshalb vor, dass der Handel auf solche Anforderungen verzichtet. Das wäre zum Beispiel möglich, wenn nicht nach Stückzahlen verkauft würde, sondern nach Gewicht. Dann wären Größenunterschiede egal. Das Papier richtet sich deshalb an Handelsketten und Kunden gleichermaßen.

Viel mehr als Appellieren bleibe aber zunächst nicht, so Messner. "Man könnte sich ja vorstellen darüber nachzudenken, dass man solche Standards auf dem Markt gar nicht mehr zulässt." Das schlage das Umweltbundesamt im Augenblick nicht vor, "aber eine Diskussion darüber könnte ich mir durchaus vorstellen".

Messner setzt vor allem auf die Kunden selbst: "Da können wir als Kunden ja auch entsprechend Druck machen und uns artikulieren - erstmal Produkte kaufen, wo das nicht unbedingt zutrifft, wenn wir auf den Wochenmarkt gehen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Januar 2022 um 07:33 Uhr und 10:11 Uhr.