Autoproduktion im Volkswagenwerk Zwickau | dpa

Probleme für Autokonzerne Kein Ende der Halbleiterkrise in Sicht

Stand: 06.09.2021 12:21 Uhr

Die Produktionspläne der Autoindustrie geraten nach Ansicht der Unternehmensberater von PwC wegen des Chipmangels in Gefahr. Auch die Chefs von Daimler und BMW erwarten noch monatelang Probleme. 

Der anhaltende Halbleitermangel bremst weiter die Autoproduktion und gefährdet die Produktions- und Absatzpläne der Konzerne in den kommenden Monate. Angesichts ständiger kurzfristiger Produktionsausfälle und der Lage bei den Zulieferern seien die geplanten Steigerungen im dritten und vierten Quartal "kritisch zu hinterfragen", warnen die Experten der Unternehmensberatung PwC vor Beginn der Automesse IAA.

Auch Daimler-Vorstandschef Ola Källenius sieht noch kein Ende der Halbleiterkrise. Er hoffe, dass es im vierten Quartal besser werde. Aber die Nachfrage nach Halbleitern werde auch nächstes Jahr höher sein als die weltweite Produktionskapazität. Das sei ein strukturelles Problem und habe nichts mit der Pandemie zu tun. Erst 2023 erwarte er eine deutliche Entspannung, sagte Källenius.

Ähnlich fiel die Einschätzung von BMW-Chef Oliver Zipse aus. "Ich denke, dass die grundsätzliche Anspannung in den Lieferketten die nächsten sechs bis zwölf Monate andauern wird", sagte er auf der IAA in München. Der Bedarf an Elektronikchips sei größer als die Produktionskapazität, und der Aufbau neuer Kapazitäten dauere eineinhalb Jahre. Langfristig werde der Chipmangel für die Autoindustrie aber kein Problem mehr sein, weil sie für Chiphersteller ein attraktiver Partner sei.

"Enorme negative Effekte"

Nach Einschätzung der PwC-Fachleute dauert der Ausbau von Halbleiter-Produktionsanlagen bis zu zwei Jahre, der Bau neuer Werke sogar fünf Jahre. Deshalb sei "keine kurzfristige Erholung der Versorgung mit Halbleitern zu erwarten", sagte PwC-Experte Tanjeff Schadt.

Die negativen Effekte der Halbleiterkrise seien enorm, ergänzte sein Kollege Thomas Steinberger. Schon im ersten Halbjahr seien 4,0 Millionen Autos weniger gebaut worden als geplant. Volkswagen lag demnach 21 Prozent unter Plan, Ford 18 Prozent, Stellantis 15 Prozent, GM zwölf Prozent, Daimler zwei Prozent. BMW trifft es den Angaben zufolge erst jetzt.

Risiken für Autozulieferer

Vor allem für kleine Zulieferer stiegen die Risiken: "Eine andauernde Planungsunsicherheit könnte Dominoeffekte zur Folge haben, die einen erhöhten Bedarf an Restrukturierungen auslösen kann", meinen die Fachleute. Insbesondere Zulieferer mit einer hohen Abhängigkeit von einzelnen Regionen, Autoherstellern und Fahrzeugklassen "werden sich auf große Schwankungen einstellen müssen".

Dabei stecken viele Autozulieferer derzeit aufgrund der strukturellen Veränderung hin zum Elektroauto ohnehin in einer Umstrukturierung.

Für die Autoindustrie wird das zu einem ernsten Problem. Sie sei gegenüber den Halbleiter-Herstellern in einer relativ schwachen Verhandlungsposition, stellen die Fachleute fest. Denn ohne Halbleiter bewege sich heute kein Auto mehr, vom Antrieb bis zu den Assistenzsystemen werden sie überall gebraucht.

"Enge Partnerschaften"

Halbleiterunternehmen forderten vor weiteren Investitionen Abnahmegarantien, das Verhältnis zur Autoindustrie sei angespannt. Einen langfristigen Ausweg sieht PwC-Berater Marcus Gloger in "engen Partnerschaften mit Halbleiterherstellern, um künftige Bedarfe und Zugang zu den wichtigen Halbleiter-Technologien abzusichern".

Für die Halbleiterindustrie ist die Autoindustrie allerdings nur ein eher kleiner Kunde verglichen mit der IT-Branche oder der Unterhaltungselektronik, die die wesentlichen Abnehmer sind.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN - das Sachsenradio am 31. August 2021 um 09:30 Uhr.