Fahrer des Lebensmittellieferanten Getir | picture alliance / AA

Getir, Knuspr & Co Immer mehr Lebensmittel-Lieferdienste

Stand: 13.09.2021 14:39 Uhr

Sie heißen Gorillas, Picnic oder Knuspr. Die Zahl der Lebensmittel-Lieferdienste nimmt weiter zu. Der türkische Neuling Getir will sein Geschäft in Deutschland rasch ausweiten.

Die Zahl der auf den deutschen Markt drängenden ausländischen Lebensmittel-Lieferdienste nimmt weiter zu. Nachdem im Rheinland der niederländische Lieferant Picnic seine Dienste anbietet und in München das tschechische Unternehmen Rohlik unter dem Namen Knuspr Druck auf die Supermärkte ausübt, kündigt nun der türkische Lieferant Getir Expansionspläne in mehreren deutschen Städten an.

Unternehmenschef Nazim Salur sagte der "Welt", noch im laufenden Jahr sollen neben Berlin, wo Getir schon vor zwei Monaten gestartet ist, sechs weitere deutsche Städte dazu kommen: zunächst im Oktober Hamburg, dann Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen und eine Stadt in Süddeutschland - hier kämen Stuttgart, Nürnberg oder München in Betracht. Dort suche Getir nach Standorten für Verteilzentren. "Für die nächsten zwei Jahre gehe ich von 10.000 Arbeitsplätzen in Deutschland aus", so Salur. Trotz des hohen Tempos brauche das Unternehmen schon zum Start eine ausreichende regionale Marktdurchdringung: "Wir wollen von Anfang an mindestens die Hälfte der Bevölkerung in den Städten erreichen, in denen wir antreten."

Wertvollstes Start-up der Türkei

Das von Salur 2015 in Istanbul gegründete Unternehmen ist bisher in Deutschland noch kaum bekannt, gilt jedoch laut "Welt" mit einem Unternehmenswert von umgerechnet 6,8 Milliarden Euro als das wertvollste Startup der Türkei. Dort liefert Getir (zu deutsch: "Bring") auch Speisen von Restaurants und Bäckereien aus. Zu den bekanntesten Geldgebern gehören die US-Investoren Sequoia Capital und Silver Lake aus dem Silicon Valley.

Auch in London, Paris und Amsterdam bringen seit einigen Monaten die lilafarbenen E-Bikes und Roller der Getir-Boten Lebensmittel zu den Kunden. Kagan Sümer, der Gründer des deutschen Lieferdienstes Gorillas, hat sich nach eigenen Angaben einst von Getir inspirieren lassen. Nun macht ihm das Vorbild Konkurrenz. Angefacht wurde der Boom von der Pandemie, als die Menschen zu Hause bleiben sollten, immer mehr Haushalte ihre Lebensmittel bei Lieferdiensten bestellten und den Firmen bis dahin ungeahnte Wachstumsraten bescherten.

Stundenlohn von 10,50 Euro

In den Fokus einer breiten Öffentlichkeit gerieten aber schnell die prekären Arbeitsverhältnisse und bescheidenen Löhne, wie der jüngste Streik der Fahrer bei dem Lieferdienst Gorillas gezeigt hat. Getir-Chef Salur sagte zu den umstrittenen Arbeitsbedingungen, seine Firma zahle einen Stundenlohn von anfänglich 10,50 Euro. Die Boten hätten die Wahl zwischen unbefristeten, festen Vollzeitstellen und temporären oder Teilzeit-Jobs. Zudem würden an den Verteilstellen Ruheräume und Toiletten zur Verfügung gestellt. Die körperliche Belastung halte sich durch die Verwendung von E-Mopeds in Grenzen. Auch werde kein Bote zu übermäßiger Eile gedrängt.

Und noch einen Unterschied zu den Konkurrenten gibt es: Die Kuriere von Getir tragen ihre Lieferungen nicht in einem Rucksack auf dem Rücken, sondern in einem an den Zweirädern angebrachten Kasten. Seit Gründung des Unternehmens habe nie ein Getir-Kurier Lieferungen auf dem Rücken getragen, sagt Salur. "Das mag wie eine Kleinigkeit klingen, ist aber wichtig. Wenn jemand 20 Lieferungen am Tag auf dem Rücken ausfährt, tut ihm hinterher der Rücken weh."

Nur der Marktführer verdient auch Geld

Dennoch hat auch Getir den Ehrgeiz, die Lebensmittel in weniger als 15 Minuten nach der Bestellung zu den Kunden zu bringen. Deutschland gibt es eine ganze Reihe von Bringdiensten, viele der Angebote gibt es bisher aber nur in größeren Städten. Die Lieferdienste arbeiten aus einem engen Netz von zentral gelegenen Lagern, das nur in den Innenstädten großer Städte besteht. Experten zufolge werden nicht alle Anbieter den derzeitigen, knallharten Verdrängungswettbewerb überleben. Denn meist könne nur der Marktführer mit seinen Diensten auch Geld verdienen. Die anderen Firmen würden übernommen oder müssten sich aus dem Markt zurückziehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 26. August 2021 um 17:34 Uhr.