Split Screen mit vielen zugeschalteten Gesprächspartnern | AFP

Videoschalten statt Geschäftsreisen Helfen virtuelle Meetings dem Klima?

Stand: 18.02.2021 17:47 Uhr

Auch weil so wenig Geschäftsreisen stattfinden, sind die CO2-Emissionen in Europa gesunken. Allerdings ist nicht jede Videokonferenz unbedingt gut für die Klimabilanz.

Von Griet von Petersdorff, rbb

Statt langer Anreise mit Auto, Flugzeug oder Bahn dauert der Weg zum Meeting derzeit für viele nur wenige Sekunden. Denn er führt in Zeiten von Corona nur zum Schreibtischstuhl. Dann noch flugs den PC einschalten, und schon ist man in Kontakt mit den womöglich weltweit verstreuten Gesprächspartnerinnen und -partnern. 

Griet von Petersdorff

Je weniger aus beruflichen Gründen gefahren oder gar geflogen wird, desto besser ist das für die Umwelt: So sank der CO2-Ausstoß laut Forschungsnetzwerk Global Carbon Project in der EU im Jahr 2020 um elf Prozent - und das liegt vor allem am Rückgang in Verkehr und Luftfahrt. Was die Geschäftsreisen betrifft, so prognostiziert der Verband Deutsches Reisemanagement (VDR) einen dauerhaften Wandel. Er erwartet ein Drittel weniger Geschäftsreisen als vor der Pandemie. Offenbar setzt sich die Erkenntnis durch, dass es auch ohne geht.

Dauerhaft weniger Geschäftsreisen und mehr Videokonferenzen?

Der ökologische Verkehrsclub VCD und das Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit rechnen damit, dass künftig jährlich drei Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen im Jahr eingespart werden. Dies käme den Klimaziele der Politik zugute, und weitere Vorteile lägen auf der Hand: ein enormer Zeitgewinn für die Kolleginnen und Kollegen, auch durch den Wegfall stressiger An- und Abfahrten. Videokonferenzen lassen sich recht spontan organisieren, mehrere Gespräche an einem Tag sind machbar, Unternehmen geben weniger Geld für Hotels, Flugtickets und Fahrkarten aus. Auf den Straßen gäbe es weniger Staus und weniger Verkehrsunfälle.

Der Verkehrsclub und das Institut haben rund 500 Geschäftsreisende nach ihren Erfahrungen mit Videokonferenzen befragt. Da überwog allerdings die Skepsis, denn der fehlende echte Kontakt lässt sich offenbar doch nicht so leicht verschmerzen. Allerdings, so Jens Clausen vom Borderstep-Institut, sei das Zögern vor neueren Entwicklungen nicht untypisch. Doch die Pandemie zwinge nun zum Umdenken.

Laut Befragung haben vor Corona nur sechs Prozent der Befragten an vier oder fünf Tagen pro Woche an Videokonferenzen teilgenommen. Im November 2020 waren es schon 34 Prozent. VCD und Borderstep-Institut setzen nun darauf, dass Homeoffice samt Videokonferenzen auf hohem Niveau bleiben werden.

Auch die digitale Welt hat Klima-Kosten

Also alles gut fürs Klima? Ganz so einfach ist es vermutlich nicht, müssen auch die Auftraggeber der Befragung zugeben. Denn der ökologische Fußabdruck bei der digitalen Kommunikation ist beträchtlich. Die französische Denkfabrik The Shift Project warnt, dass auch eine hemmungslose Nutzung der digitalen Technik dem Klima schade.

Der Anteil der digitalen Technologie an den Treibhausgasen könnte bis zum Jahr 2025 auf acht Prozent zunehmen. Vor allem der Gebrauch von Videotechnik, wie sie bei Konferenzen oder Streamingdiensten zum Einsatz kommt, würde dazu beitragen.

Der Datenverkehr braucht eine gigantische Infrastruktur von Rechenzentren; zum Teil stammen die Geräte aus umweltschädlicher Produktion; hinzu kommen der Stromverbrauch der Geräte selbst und die wachsende Mengen von Elektroschrott. Auch da müsse gegengesteuert werden, so die Wissenschaftler.

Es kommt auf die Entfernung an

Die Klimaexperten sind sich dennoch einig: Wenn auf weite Flugreisen verzichtet wird und man sich stattdessen per Videokonferenz trifft, dann ist die Ökobilanz unterm Strich positiv. Wenn das Team aber womöglich nur wenige Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt wohnt und trotzdem zu Hause bleibt, um an einer mehrstündigen Videokonferenz teilzunehmen, ist der Vorteil fürs Klima womöglich nicht mehr ganz so groß.

Der Verzicht auf Geschäftsreisen und auch aufs tägliche Pendeln zur Arbeit könnte noch zu grundlegenderen Veränderungen führen: zu vermehrten Umzügen aufs Land, um sich dort ein Haus im Grünen zu gönnen. Einer repräsentativen Befragung des Digitalverbands Bitkom zufolge würden das 20 Prozent der Berufstätigen tun, wenn sie dauerhaft von zu Hause aus arbeiten könnten. Nachhaltigkeitsexperte Clausen vom Borderstep-Institut sieht da viel Positives, wie zum Beispiel eine Belebung der Dörfer und Kleinstädte. Voraussetzung sei dann aber vor allem ein guter Internetanschluss.

Über dieses Thema berichtete ARD-alpha am 16. Februar 2021 um 18:15 Uhr.