Banner der GDL mit er Aufschrift: Wir streiken (Archivbild)

Nach GDL-Urabstimmung Streik im Güterverkehr hat begonnen

Stand: 10.08.2021 19:20 Uhr

Die ersten Güterzüge bleiben stehen. Das bestätigte eine Sprecherin der Deutschen Bahn. In der Nacht wollen die Mitglieder der Lokführergewerkschaft GDL dann den Personenverkehr bestreiken.

Auf die Kunden der Deutschen Bahn kommen schwere Streiktage mit vielen Zugausfällen und Verspätungen zu. Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer GDL hat nach einer Urabstimmung ihre Mitglieder im Bahnkonzern zu einem Arbeitskampf aufgerufen. Im Güterverkehr begann der Streik bereits.

Ab Mittwochfrüh werde auch der Personenverkehr bestreikt. Enden soll der Arbeitskampf am frühen Freitagmorgen um 2:00 Uhr. "Den Arbeitskampf verantwortet das Management der Deutschen Bahn AG", sagte GDL-Chef Claus Weselsky.

Drei von vier Fernzügen fallen offenbar aus

Wegen des Streiks strich die Bahn für Mittwoch und Donnerstag 75 Prozent ihrer Fernzüge - an beiden Tagen soll also nur ungefähr jeder vierte geplante Fernzug fahren. Einen weitgehend störungsfreien Verkehr erwarte man erst wieder für den Freitag, erklärte das Unternehmen.

Priorität haben demnach die besonders stark genutzten Verbindungen wie zwischen Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet, zwischen Hamburg und Frankfurt sowie die Anbindung wichtiger Bahnhöfe und Flughäfen. Ziel sei ein zweistündliches Angebot mit besonders langen Zügen auf den Hauptachsen.

Die Bahn erklärte, trotz eines Not-Fahrplans könne man nicht garantieren, dass alle Reisenden wie gewünscht an ihr Ziel kommen. Man bitte daher Fahrgäste, die nicht zwingend fahren müssen, ihre Reise möglichst zu verschieben. Gegenüber den Kunden wolle man sich sehr kulant zeigen. Die für den Streikzeitraum gelösten Karten könnten bis einschließlich dem 20. August bei aufgehobener Zugbindung genutzt oder erstattet werden.

Auch Regionalverkehr stark eingeschränkt

Beim Regionalverkehr werde das ebenfalls sehr eingeschränkte Angebot regional sehr stark schwanken, erklärte das Unternehmen zudem. Es gehe in den Metropolregionen und im ländlichen Raum darum, ein Grundangebot für Schüler und Pendler sowie wichtige Zubringer zu Fernverkehrszügen oder Flughäfen beizubehalten. Die Informationen würden so schnell wie möglich in die elektronischen Informationssysteme eingepflegt.

95 Prozent stimmen für Streik

Die Lokführergewerkschaft GDL hat sich für einen bundesweiten Streik bei der Deutschen Bahn entschieden. 95 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder hätten für einen Streik gestimmt, erklärte Weselsky nach einer Urabstimmung. Damit sei die notwendige Zustimmung von 75 Prozent weit übertroffen worden. "Das ist mehr als wir erwartet haben", sagte er. Nach Weselskys Angaben beteiligten sich 70 Prozent der Mitglieder an der Urabstimmung.

Bahn: "unnötige Eskalation"

Die Bahn kritisierte die Ankündigung der GDL scharf und sprach von einer "unnötigen Eskalation auf dem Rücken der Bahnkunden". "Die GDL-Spitze eskaliert zur Unzeit", erklärte Bahn-Personalvorstand Martin Seiler. "Gerade in einem systemrelevanten Bereich wie der Mobilität gilt es jetzt, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und nicht unsere Kunden zu belasten." Kritik gab es auch an der Kurzfristigkeit der angekündigten Maßnahmen. Seiler sagte, eine Einigung in der Tarifrunde sei weiterhin möglich.

Fahrgastverband: "Deutlich zu kurzfristig"

Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisierte den angekündigten Streik der GDL. "Das ist deutlich zu kurzfristig", sagte der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann. Die Kunden brauchten mehr Zeit, um ihre Reisen umzuplanen. "Ein Streik richtet sich bei der Bahn nicht nur gegen das Unternehmen, sondern auch gegen weite Teile der Bevölkerung. Viele Fahrgäste können nicht ausweichen."

Naumann appellierte an die Tarifpartner, weiter zu verhandeln. "Muskelspiele bringen niemanden weiter." Die Fahrgastvertreter fordern seit langem, dass die Bahn und ihre Gewerkschaften außerhalb von Tarifkonflikten feste Streikfahrpläne vereinbaren. Damit könne im Streikfall für die Fahrgäste ein verlässliches Notangebot aufrechterhalten werden. Als Beispiel dafür nannte Naumann Italien. Notwendig sei auch die rechtzeitige Ankündigung des Streiks. "Es sollten mindestens 24 Stunden sein, besser noch 48 Stunden."

"Das Letzte, was in die konjunkturelle Landschaft passt"

Der Konjunkturchef des Kieler IfW-Instituts, Stefan Kooths, befürchtete weitere Engpässe bei den Lieferketten durch den Streik. "Angesichts der ohnehin schon bestehenden Probleme bei der Versorgung von Vorleistungsgütern ist dies das Letzte, was jetzt in die konjunkturelle Landschaft passt", sagte Kooths. "Bisher hatten wir bei den Lieferketten vor allem Probleme auf dem Seeweg. Wenn jetzt noch ein weiterer Engpass mit dem Güterverkehr der Bahn dazukommt, dann verschärft sich die gesamte Situation weiter."

Auf die langfristige wirtschaftliche Entwicklung würden sich die angekündigten Streiks der GDL voraussichtlich nicht auswirken, sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. "Aus der Vergangenheit wissen wir, dass sich Streiks bei der Bahn konjunkturell insgesamt eher nicht auswirken", so Gitzel. "Problematisch wäre aber, wenn der Streik im Güterverkehr länger anhalten würde. Das könnte kurzfristig die Knappheit bei den allgemeinen Materialengpässen verschärfen. Ein Arbeitskampf im Personenverkehr wirkt sich hingegen konjunkturell kaum aus."

Monatelange Tarifgespräche

Die GDL hatte die monatelangen Tarifgespräche bereits Anfang Juni für gescheitert erklärt. Die unter anderem durch die Corona-Krise und die Flutkatastrophe angeschlagene Deutsche Bahn hatte der GDL zuletzt Lohnerhöhungen in zwei Schritten angeboten: 1,5 Prozent zum 1. Januar 2022 und 1,7 Prozent zum 1. März 2023, bei einer Laufzeit bis Ende Juni 2024.

Der GDL reicht dies nicht aus. Sie kritisiert zudem den bereits mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) geschlossenen Tarifvertrag als "völlig unzureichend".

Machtkampf zwischen GDL und EVG

Neben dem Streit über Einkommenszuwächse tobt im Konzern ein Machtkampf zwischen der GDL und der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Für die GDL sind hohe Tarifabschlüsse für möglichst viele Berufsgruppen und Beschäftigte eine Frage des Überlebens und der künftigen Wachstumsmöglichkeiten. Denn die Bahn muss das Tarifeinheitsgesetz umsetzen. In den rund 300 Betrieben des Unternehmens soll danach nur noch der Tarifvertrag der jeweils größeren Gewerkschaft zur Anwendung kommen. Meist ist das die EVG. Die GDL hat deshalb angekündigt, der Konkurrenz Mitglieder abjagen zu wollen.

Es ist der erste Streik bei der Bahn seit Dezember 2018, als die EVG ihre Mitglieder zum Arbeitskampf aufrief. Weitaus härter verlief der GDL-Streik 2014 und 2015. In acht sich steigernden Wellen legten damals die Lokführer unter Weselskys Führung die Arbeit nieder und weite Teile des Streckennetzes lahm.

Noch keine Details zu Notfahrplänen

Die Bahn hatte noch keine Details zu Notfallplänen genannt. Beim letzten GDL-Lokführer-Streik vor sechs Jahren hatte man einen Notfahrplan erstellt, um zumindest etwas Betrieb aufrechtzuerhalten. Im Fernverkehr konnte etwa ein Drittel der Züge fahren, vor allem auf den Hauptstrecken vom Ruhrgebiet nach Osten sowie von Hamburg nach Süden. Auch im Regionalverkehr und bei S-Bahnen dürfte bei einem Lokführerstreik ein Großteil der Züge ausfallen. Der gestörte Betriebsablauf könnte dann auch bei Konkurrenten der Deutschen Bahn zu Einschränkungen führen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. August 2021 um 11:00 Uhr.

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