Die Hand eines DJs auf einer Schallplatte. | dpa

Öffnung von Clubs und Bars Die Ersten werden die Letzten sein

Stand: 30.05.2021 09:12 Uhr

Bars und Clubs mussten zu Pandemiebeginn als Erste dichtmachen. Jetzt gehören sie wohl zu den Letzten, die wieder öffnen können. Wie geht es einer Branche, die vom engen Kontakt lebt?

Von Stephan Lina, BR

Fred Pfaller sitzt allein auf der Terrasse vor dem Wirtshaus "Zum Gutmann" im oberbayerischen Eichstätt. Sein Betrieb ist eine Mischung aus vielfach ausgezeichneter Kleinkunstbühne und bayerischem Gasthaus. Normalerweise würden sich dort die Gäste an den Tischen drängen, das Personal käme kaum mit dem Bedienen hinterher. Pfallers Leben vor Corona: donnernder Applaus, begeisterte Zuschauer, strahlend lächelnde, verschwitzte Künstler, glückliche Gesichter und ein ordentlicher Getränkeumsatz.

Pfallers Kalender ist zu einer Art Tagebuch der Pandemie geworden: "Die letzte Veranstaltung, die stattgefunden hat, war am 8. März 2020. Dann kommen viele rote Zeilen: Das sind Veranstaltungen, die ausgefallen sind oder die ein, zwei, drei und teilweise auch vier Mal verlegt wurden", erzählt er. "Die nächste geplante Veranstaltung ist am 13. Juni. Die lassen wir jetzt immer noch so laufen. In der Hoffnung, dass es etwas werden könnte."

Hoffnung und Enttäuschung wechseln sich ab

Spricht man mit Bühnenbetreibern und Bar-Besitzern, dann fällt dieses Wort sehr häufig: Hoffnung. Und fast genauso oft: Enttäuschung. Pfaller versucht, sich von diesem Wechselbad der Gefühle nicht verrückt machen zu lassen. "Das habe ich mir abgewöhnt, da in irgendeine Richtung zu denken, weil es eh nichts bringt. Ich nehme es, wie es kommt. Ich plane weiter." Den Künstlern gegenüber empfindet er eine Verantwortung. Für sie versucht er, Termine zu finden, was gar nicht so leicht ist. Denn nach der langen Abstinenz wollen viele Künstler sofort wieder loslegen, sobald es geht.

Die Hoffnung ist, dass es im Herbst wieder so etwas wie eine Saison mit Konzerten und Kabarett-Künstlern geben könnte. Unter welchen Hygiene-Bedingungen, ob mit Impfnachweis oder tagesaktuellem Test, das sei zwar noch ungeklärt, erzählt Pfaller. Das Wichtigste sei, dass es überhaupt wieder eine Perspektive gebe.

Das gilt auch für seine Belegschaft, von der die wenigsten festangestellt sind und die sich nun in Kurzarbeit befinden. "Die erhalten 80 Prozent ihres Lohns. Ihnen fehlt natürlich das Trinkgeld, was in der Gastronomie ein großer Faktor ist. Aber sie haben wenigstens eine Grundlage und kommen ganz gut über die Runden", glaubt der Wirt.

Keine Hilfen für 450-Euro-Kräfte

Anders sieht es bei den 450-Euro-Kräften aus, für die es keine Hilfen gebe: "Für sie gibt es keinerlei Möglichkeiten, an Geld zu kommen." Das trifft vor allem Studenten, die in Eichstätt leben und bei Pfaller sowohl in der Küche als auch als Bedienung gearbeitet haben. Für ihn als Wirt gebe es zwar staatliche Unterstützung. Aber die reiche allenfalls, um die wichtigsten Kosten im Haus zu decken und das Schlimmste zu verhindern, erzählt er. Ans Aufhören habe er nicht gedacht: "So ging es mir tatsächlich noch gar nicht. Aber die letzten Wochen geht es mir, wie es wohl jedem geht: Es reicht! Es reicht jedem, der geschäftlich involviert ist und seinen Laden zu hat!"

Zwar das Eichstätter Publikum kaum Geld für verschobene oder abgesagte Eintrittskarten zurückgefordert: "98 Prozent haben ihre Karten behalten." Bei Veranstaltungen im Herbst 2020 seien zwar einige Gäste nicht gekommen, weil es ihnen zu unsicher war - aber auch diese hätten ihre Karten behalten und damit verfallen lassen.

Seit März 2020 maximal ein Notprogramm

Von großer Solidarität des Publikums erzählen auch Peter Harasim und Axel Ballreich. Die Beiden sind Geschäftsführer des "Hirsch" in Nürnberg, einer Institution in der fränkischen Kulturszene.

Beide werfen einen Blick auf die Bühne, die seit mehr als einem Jahr verwaist ist. Ballreich weiß noch genau, wann das letzte Konzert im "Hirsch" stattgefunden hat: "Moses Pelham am 12. März. Das war das letzte Konzert. Und am 13. März, das war ein Freitag, haben sie uns endgültig zugesperrt", erinnert er sich. "Wir dachten zuerst: Das ist jetzt für ein paar Wochen oder Monate. Aber das hat sich dann immer mehr hinausgezögert. Dann kam die Sommersaison, aber die war natürlich sehr eingeschränkt und hauptsächlich nur im Biergarten."

Im vergangenen Sommer konnten die Betreiber nur eine Art Notprogramm auf die Bühne stellen. Und das nur, weil zu der Halle in einem Nürnberger Industriegebiet auch ein Biergarten gehört. Dort gab es dann 42 kleine Open-Air-Konzerte, zu denen wegen der Abstands-Regeln nur jeweils rund 100 Zuschauer kommen durften.

Im Sommer bleibt nur der Biergarten

"Das hat die Kosten natürlich nicht gedeckt", erklärt Harasim. Neben Fördergeldern haben den Beiden vor allem die Unterstützung der Konzertgänger und Kampagnen geholfen: "Die Leute wollen natürlich schon, dass wir durchhalten. Wir sind auch zuversichtlich, dass wir das schaffen. Aber es wird im Sommer auch nicht mehr gehen als der Biergarten." Dann rechnet Harasim mit rund 140 Leuten.

Doch wie soll es weitergehen mit dem "Hirsch"? Ballreich sagt, er sei vorsichtig optimistisch. Aber bis zum Normalzustand - einer regelmäßig ausverkauften Halle - werde es wohl noch eine Weile dauern. "Ich schätze, in diesem Jahr wird es noch ein paar Shows geben. Wenn wir Glück haben, mit so 300 Leuten", hofft Ballreich. "Wir hoffen, dass es dann im Frühjahr wieder so richtig losgeht."

Münchner Fotograf ruft Barleben in Erinnerung

Ortswechsel nach München. Einen Millimeter muss die Orangenschale noch nach links, dann ist Jochen Hirschfeld glücklich. Zufrieden nickt der bärtige Münchner hinter seiner klickenden Kamera, die Pfeife im Mundwinkel nickt mit. Vor der Linse des Objektivs steht kein menschliches Model, sondern ein Cocktailglas, aus dem es nach Whisky duftet. "Stand Strong" heißt die bernsteinfarben schimmernde Kreation. Sie ist Teil eines sehr speziellen und privaten Rettungspaketes für Bars, das der Fotograf Hirschfeld in der Corona-Pandemie im laufenden Lockdown erfunden hat.

Geisterbars heißt sein Projekt. Angefangen hat es mit schwarzweißen Fotos, auf denen sich Barkeeper dank Langzeitbelichtung wie Gespenster aufzulösen scheinen. Hirschfeld wollte aber nicht nur dafür sorgen, dass die geschlossenen Bars nicht in Vergessenheit geraten. Er hatte auch die Idee, wie man den Inhabern konkret helfen könnte.

Zehntausende Euro für die Lieblingsbars

Für 500 Euro können Unterstützer seit einigen Monaten direkt bei ihrer Lieblingsbar einen Drink kreieren lassen, den es dann irgendwann nach dem Lockdown auf den Getränkekarten gibt. Der Cocktail "Stand Strong", den er an diesem Nachmittag fotografiert, ist eines dieser neuen Rezepte, die laut Hirschfeld rege Nachfrage finden. Inzwischen gibt es weit mehr als 150 solcher "Geisterdrinks".

Das heißt: Unterstützer haben mehr als 75.000 Euro an ihre Lieblingsbars gezahlt. Hirschfeld legt Wert darauf, dass es sich dabei weder um Spenden noch um Almosen noch um Gutscheine handelt. Wer so einen Cocktail kreieren lässt, der bekomme dafür einen Gegenwert, und er helfe damit, eine notleidende Branche mit Würde über schwere Zeiten zu tragen, erzählt der Fotograf.

"Es tut mir unglaublich weh. Dadurch, dass ich so eng mit der Barwelt verbunden bin, weiß ich auch um die Sorgen und Nöte der Bars. Und auf der anderen Seite sehe ich aber auch, was für Kämpfernaturen das sind. Wie sie eigentlich überhaupt nicht jammern, sich nicht beschweren."

Barinhaber riskiert Altersvorsorge

Wolfgang Götz nickt, als er Hirschfeld zuhört. Götz ist Inhaber der Bar "Zum Wolf" in der Münchener Pestalozzistrasse, wo gerade fotografiert wird. Die Corona-Pandemie hat Götz wie viele andere Gastronomen an den Rand des finanziellen Abgrunds gebracht. Anspruchsvolle Cocktails und Atmosphäre funktionieren nicht "To Go" oder per Lieferdienst. Er ist darauf angewiesen, dass Gäste in den "Wolf" kommen. Von ein paar Wochen im vergangenen Sommer abgesehen, müssen er und seine Frau deswegen seit gut einem Jahr pausieren und dafür alle finanziellen Reserven riskieren.

"Wir halten durch, weil wir jetzt unsere gesamte Altersvorsorge hineingesteckt haben. Wir haben jetzt noch einmal ca. 120.000 Euro hinein investiert", sagt Götz. "Wir halten also durch, aber es wird ein herber Verlust. Ich rede von einem sechsstelligen Betrag, den ich verliere." Diesen Betrag wieder hereinzuwirtschaften, dauere zehn Jahre: "Dann bin ich 60", lacht Götz. Wie so viele Barbesitzer und Clubbetreiber hofft auch er, dass es ab dem Herbst wieder aufwärts geht. Dass endlich wieder fröhliche Menschen sorgenfrei feiern, lachen und tanzen können - und dass es wieder laut wird im bayerischen Nachtleben.

Über dieses Thema berichtete MDR Thüringen - Das Radio am 15. Mai 2021 um 05:00 Uhr in den Nachrichten.