Blick auf eine Druckanzeige auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers. | dpa

Deutscher Gasspeicherverband Speicherziel trotz hoher Füllstände gefährdet

Stand: 30.09.2022 08:48 Uhr

Die deutschen Gasspeicher sind zu 91,5 Prozent gefüllt. Doch die Speicherbetreiber sind skeptisch, ob das 95-Prozent-Ziel im November erreicht wird: Bei fallenden Temperaturen steige der Gasverbrauch, und die Einspeichermöglichkeiten sänken.

Der Gasspeicherverband ist trotz eines Gesamtfüllstandes von aktuell 91,5 Prozent skeptisch, ob der zum 1. November angestrebte Speicherstand von 95 Prozent zum 1. November erreicht wird. "Die steigenden Gasverbräuche aufgrund fallender Temperaturen reduzieren zunehmend die Einspeichermöglichkeiten", sagte der Geschäftsführer des Speicherverbandes Initiative Energien Speichern (INES), Sebastian Bleschke, der Nachrichtenagentur dpa.

Die deutschen Speicher müssen jeweils am 1. Oktober zu 85 Prozent gefüllt sein - so schreibt es das Energiewirtschaftsgesetz vor. Schon am 2. September hatte der Gesamtfüllstand diese Marke erreicht. "Sehr niedrige Verbräuche der Industriekunden in den vergangenen Wochen und Monaten haben sicherlich einen ganz wesentlichen Beitrag dafür geleistet", sagte Bleschke.

Keine Entwarnung für den Winter

Die insgesamt hohen Füllstände bedeuten für Bleschke jedoch noch keine Entwarnung für den Winter. "Aufgrund der weiterhin stark reduzierten Importmöglichkeiten für Gas muss davon ausgegangen werden, dass die Gasspeicher im Winter bereits früher als sonst und deutlich stärker zur Versorgung eingesetzt werden."

Ob die Reserven ausreichten, werde stark davon abhängen, in welchem Umfang private Haushalte ihren Verbrauch senken würden und verflüssigtes Gas importiert werden könne. "Damit steht und fällt letztlich auch die Möglichkeit, die Füllstandsvorgabe von 40 Prozent am 1. Februar 2023 einhalten zu können."

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, betonte die Bedeutung des 40-Prozent-Ziels. "Erstens kann es auch im Februar und März noch sehr kalt werden und zweitens müssen die Speicher für den Winter 2023/2024 auch wieder aufgefüllt werden", sagte Müller der dpa. "Das kann schwieriger werden angesichts der dann fehlenden russischen Gasmengen, die uns in diesem Sommer bei der Befüllung der Speicher noch sehr geholfen haben."

Russland liefert seit dem 1. September kein Gas mehr nach Deutschland. Derzeit erhält die Bundesrepublik Gas über Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Im Oktober sollen Lieferungen aus Frankreich kommen. Zum Jahreswechsel sollen an Nord- und Ostsee drei Terminals zur Anlandung von verflüssigtem Erdgas (LNG) in Betrieb genommen werden.

"Wir müssen die Gasverbräuche runterbringen"

Wirtschaftsminister Robert Habeck hält Energiesparen weiterhin für unabdingbar. "Wir müssen die Gasverbräuche nach wie vor runterbringen. 20 Prozent sind für Deutschland Zielmarke", sagte der Grünen-Politiker im Deutschlandfunk. "Wenn die Haushalte den Verbrauch nicht runterbringen, dann droht noch immer, dass wir zu wenig Gas im Winter haben." Daher würden die oberen Spitzen der Verbräuche auch nicht gedeckelt, damit ein Anreiz zum Sparen gegeben werde. Die genaue Ausgestaltung des Gaspreisdeckels sei aber Aufgabe der eingesetzten Kommission.

Habeck schloss nicht aus, dass die Verbraucher auch über eine Prämie, die zu versteuern wäre, von den steigenden Energiepreisen entlastet würden. Er sagte aber, das Geld müsse "schnell und pauschal" gezahlt und keine komplizierten Prozesse in Gang gesetzt werden. "Nicht jede Preiserhöhung wird genommen werden. Eine gewisse Last wird genommen werden, aber die komplette Last wird nicht genommen werden können - auch nicht mit diesen gigantischen 200 Milliarden Euro."

Gasverbrauch zuletzt stark gestiegen

Bereits gestern hatte die Bundesnetzagentur mitgeteilt, dass der Gasverbrauch von Haushalten und Gewerbe in den vergangenen Tag stark angestiegen ist. In der vergangenen Woche lag er demnach deutlich über dem durchschnittlichen Verbrauch in den Vorjahren. "Ohne erhebliche Einsparungen auch im privaten Bereich wird es schwer, eine Gasmangellage im Winter zu vermeiden", sagte Netzagentur-Präsident Klaus Müller.

Der Gasverbrauch hatte bis Mitte September teils deutlich unter den Verbräuchen der Vorjahre gelegen. Weil die privaten Verbraucher Gas hauptsächlich zum Heizen nutzen, hatten sie zu den Einsparungen bislang kaum beigetragen. Dass der Verbrauch nun mit sinkenden Temperaturen stark anstieg, veranlasste die Bundesnetzagentur zu Aufrufen zum Sparen. "Einsparungen müssen auch bei weiter sinkenden Temperaturen stattfinden", sagte Müller. "Da wird es auf jeden Einzelnen ankommen."

Laut Bundesnetzagentur sind die privaten Haushalte und kleineren Gewerbekunden in Deutschland für rund 40 Prozent des Gasverbrauchs verantwortlich. Die großen Industriekunden waren bislang für rund 60 Prozent des deutschen Gasverbrauchs verantwortlich. Hier sank der Verbrauch laut Bundesnetzagentur im August nominal um 22 Prozent und lag auch in der Kalenderwoche 38 - Mitte September - deutlich unter dem durchschnittlichen Verbrauch der Vorjahre.

Netzagentur plant Frühwarnsystem bei Mangellage

Im Fall einer Gasmangellage will die Bundesnetzagentur den Unternehmen mehr Zeit geben, um sich auf eine Gasrationierung vorzubereiten. "Wir wollen ein Vorwarnsystem, bevor die Notfallstufe kommt", sagte Klaus Müller der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "So bekäme die Industrie mehr Zeit, um ihre Produktion geordnet herunterfahren zu können."

Dazu sollen den Angaben zufolge Indikatoren entwickelt werden, die frühzeitig anzeigen, ob es ernst wird und eine Mangellage womöglich kurz bevor steht. Wie Müller verdeutlichte, würde die Behörde im ersten Schritt mit prozentualen Kürzungen für alle rund 40.000 Unternehmen arbeiten, die keinen besonderen Schutz genießen. In einer zweiten Stufe würde es dann individuelle Kürzungsanordnungen gegenüber den 2500 größten industriellen Gasverbrauchern geben.

Die Bundesnetzagentur geht derzeit davon aus, dass zur Vermeidung einer Gasmangellage ein Rückgang des Verbrauchs um mindestens 20 Prozent erforderlich ist. In Sachen Gasversorgung gilt aktuell in Deutschland die Alarmstufe als zweite von drei Warnstufen des Notfallplans Gas. Sollte sich die Gasversorgungslage in Deutschland oder in den EU-Mitgliedsstaaten weiter verschlechtern, kann die Bundesregierung die Notfallstufe als höchste Stufe ausrufen.

Die Bundesnetzagentur wird dann zum sogenannten Bundeslastverteiler und bestimmt, wer bei Gasmangel noch Gas erhält. Besonders geschützt sind Haushaltskunden, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Altenheime und Arztpraxen, Polizei und Feuerwehr, die Bundeswehr, die Strom- und Wasserversorger, die Müllabfuhr, aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen in den Bereichen Gewerbe, Handel und Dienstleistungen.